Nach wem kommt das Kind?

Die Frage stellt sich schon am ersten Tag, und dann wieder und wieder. Zunächst geht es um Äußerlichkeiten, später um Charakter und Verhalten. Sicher weiß ich es allerdings nur bis zum 42. Tag. So alt ist jetzt mein Enkel-Baby. Und wir haben uns schon 84mal gefragt, nach wem es wohl kommt.

Sobald es einigermaßen zuverlässig atmete und alle seine Finger und Zehen gezählt waren, schritten wir Angehörigen zur näheren Betrachtung. Es begann noch auf der Wöchnerinnenstation.

Die Haare

Viel war von dem Kind nicht zu sehen. Es steckte in viel zu großen Sachen, aus denen nur der Kopf herausguckte. Aber der Kopf hatte Haare, und die forderten zu Vergleichen heraus. Und zwar in drei Kategorien: Menge, Farbe und Haaransatz. Tja, also, von wem hat das Baby denn die Haare?

 „Sie sind nicht rot“, sagte die Enkel-Mutter enttäuscht, die erschöpft in ihren Kissen lag. Sie hatte von einer rothaarigen Tochter geträumt. Wegen roter Haare werden heute nur noch Jungs gemobbt, glaubt sie. Für Mädchen ist rot megacool.

 „Sie sind rötlich“, behauptete der Enkel-Vater, „wie die von meiner Schwester.“

 „I c h hatte als Kind a u c h rötliche Haare!“, entfuhr es mir. Auweia! Ich sollte subtiler argumentieren.

„Die kleine Mama war doch gaaaanz blond als Kind, oder etwa nicht?“, parierte prompt die andere Oma, die frisch Entbundene fest im Blick. Die Botschaft ging an mich und hieß im Klartext: „Jetzt ist sie nicht mehr blond, sondern straßenköterfarben. Und wenn das Baby je eine interessante Haarfarbe kriegen sollte, dann kommt das von unserer Seite!“ Ich kenne die Frau. Sie ist gefährlich. Sie wird das Baby früher oder später färben. Sie färbt sogar ihre Hunde.

 „Die ersten Haare fallen sowieso wieder aus“, mischte sich die Mutter im Nachbarbett zaghaft ins Gespräch. Sie hatte vor acht Stunden entbunden und keinen Bock auf negative Energie im Zimmer. Kompetenz war ihr nicht abzusprechen. Das Bündel neben ihr war ihr drittes Kind. Es hatte bereits jetzt keine Haare.

 Die Enkel-Mutter tätschelte unserem Baby den Kopf. Seine verschwitzten Fusseln richteten sich zu einem schütteren Irokesen auf und gaben einen dreieckigen Haaransatz frei.

 „Guckt mal, die Zacke auf der Stirn!“, rief sie aufgeregt „Voll wie meine!“

 Und wie die meiner Mutter, ihrer Großmutter, und der Mutter meiner Mutter, könnte ich jetzt hinzufügen. Beide waren zeitlebens stolz auf ihren gezackten Haaransatz, der so markant war wie der Blitz im Gesicht von Harry Potter. Sie betonten ihn durch streng zurückgekämmte Frisuren. Als meine Mutter entdeckte, dass ich dieses Familienmerkmal nicht aufwies, schnitt sie mir einen Pony.

Inzwischen hatte sich der Enkel-Vater seiner Tochter bemächtigt. Ehrliches Lob für Tapferkeit im Kreißsaal hatte sein Selbstbewusstsein auf 300 Prozent gehoben. Dafür  muss man im Fußball fünf Torvorlagen verwandeln. Länderspiel, versteht sich. Er versuchte, die Ärmel des Bodys umzukrempeln, um die Babyhändchen frei zu legen. Mit Erfolg.

 „Boah! Sind die Finger lang!“, schrie die rothaarige Schwester.

 „Das ist dann wohl aus eurer Familie“, lag es mir auf der Zunge. Die kleine Lady ist kürzlich mit fremden Klamotten auf Facebook gesehen worden. Angeblich nur geliehen.

 Die Augen

Die Augen eines Säuglings sind ungeeignet zur Diskussion von Familienähnlichkeiten. Sie sind meist geschlossen. Und wenn zwischen den verschwollenen, verklebten Augenlidern eine Farbe hervorblitzt, ist es immer Blau, sogar wenn die Kinder schwarz sind. Auch die Augen unseres Enkelbabys waren blau. Nur nicht so blau wie die Augen seiner Mutter, sondern irgendwie anders.

 „Hm. Naja….“, nörgelte die Enkel-Mutter.

Sie wollte ein blauäugiges Kind. Aber selbst  blaue Augen waren für sie zweite Wahl. Denn zu roten Haaren passen grüne viel besser. Aus dem Bio-Leistungskurs weiß sie noch, dass mit Grün nicht zu rechnen war. Vererbungslehre, Mendelsche Gesetze: Blau von der Mutter und Dunkelbraun vom Vater ergeben Blau oder Braun. Die Chancen stehen 50:50. Braun allerdings wäre dritte Wahl.

 „Du weißt, es kann zwei Jahre dauern, bis die endgültige Augenfarbe eines Kindes feststeht“, sagte ich vorsichtig. Man soll Hoffnungen nicht zerstören, aber auch nicht unnötig schüren. Bis dahin wird in den Familien jeder jedem forschend in die Augen gestarrt haben. Gern überspringen Ähnlichkeiten ein, zwei Generationen. Sogar der geschiedene Vater des braunäugigen Enkel-Vaters kommt als Augen-Vererber in die engere Wahl. Er guckt sehr blau, konnte sich damit aber gegen seine Ex nicht durchsetzen. Ihr brauner Blick war dominant. Mir fielen die dunkelbraunen Augen meiner geliebten Omi ein. Wenn die Enkel-Baby-Augen doch noch braun werden, kann auch sie schuld sein. Man muss den Tatsachen ins Auge sehen.

 „Aber guckt mal, tolle Wimpern“, schwärmte inzwischen die Enkelmutter. „Ganz der Papa!“

 Die versammelten Mitglieder beider Herkunftsfamilien beugten sich über das Babybett. Keine sah überhaupt irgendwelche Wimpern. Alle schwiegen. Ein Moment schönster Eintracht.

 Die Figur

Ein Baby hat keine Figur. Es hat stattdessen Größe und Gewicht. Aus diesen Daten versucht die Sippe, auf die zukünftige Figur des Familienmitglieds zu schließen. Wird es wie die? Oder wie wir? Das Enkelbaby war bei der Geburt 54 cm groß und wog fast vier Kilo.

 „So groß und schwer war keiner von uns“, wunderte sich die Enkelmutter, und sie meinte uns.

 Es stimmte. In unserer Familie wird man klein und schwer geboren und bleibt weitgehend so. Das Baby kommt also, figurtechnisch, eher nicht nach uns. „Was ist mit Onkel Hans?“, fragte hastig Cousine Rita. „Der war war groß und dick!“ Die Familie des Enkel-Vaters besteht, mit Ausnahme seines kleinen Bruders, der auf Fastfood steht, aus kleinen dünnen Menschen. Taktisch klug hielten sie sich in der Figurfrage bedeckt.

 „Es kommt auf den Appetit an“, behauptete der Enkel-Opa, mein Mann.

 Nanu?! Die Ähnlichkeiten-Diskussion war ihm bisher zu doof gewesen. Nun schaute er zu, wie das Baby an der Brust trank und grinste breit: „Häha! Den Appetit hat sie von mir!“