Der Zar aller Tiere

Den offenen  Brief an Brigitte Bardot schrieb Julia Latynina, Journalistin der Novaja Gaseta. Ein schönes Beispiel kontrollierter Wut. Anhand des Tierschutzes zeigt sie die Selbstherrlichkeit heutiger russischer Machthaber. Der Text hat mit meinem Thema (Großeltern) nichts zu tun. Ich fand ihn aber interessant genug, um ihn für deutsche Leser zu übersetzen.

Sehr geehrte Madam Bardot!

Sie kündigten an, beim russischen Präsidenten Putin um die russische Staatsbürgerschaft zu bitten, sollten im Lyoner Zirkus zwei kranke Elefanten getötet werden. Sie sagten, Präsident Putin habe für den Schutz von Tieren mehr getan als alle Präsidenten Frankreichs zusammengenommen.

Dem ist nicht so.

Präsident Putin liebt es tatsächlich, seine Macht über die Tierwelt zu demonstrieren. Wahrscheinlich aus demselben Grund, aus dem sich mittelalterliche Herrscher Zwinger hielten.

Jeder Alleinherrscher, besonders einer, der im Kopf nicht ganz dicht ist, fühlt sich gern als König, dem Tiere und Vögel untertan sind.

Putin ist ein leuchtendes Beispiel dafür. Er streifte schon einem Amur-Tiger, einem Schneeleoparden und einem Eisbären ein Halsband über, schoss zu Forschungszwecken auf einen Weißen Hai, flog mit Kranichen und ließ Leoparden frei.

Leider kam diese gefakte Allmacht Putins die Tiere teuer zu stehen. Der wilde Schneeleopard namens „Mongol“ zum Beispiel, an dem sich Putin anlässlich seines Besuchs in Chakasia ergötzte, war aus dem Naturschutzgebiet Sajano-Schuschenskoje dorthin geliefert worden.

Das auf der Roten Liste geschützter Arten stehende Alpha-Männchen, das Wissenschaftler seit zehn Jahren vorsichtig  aus der Ferne beobachteten, wurde aus seinem Habitat herausgerissen und per Hubschrauber an einen anderen Ort gebracht, damit sich Putin an ihm erfreuen konnte. Man fing ihn mit einer Wilderer-Schlinge, was strengstens verboten ist. In seiner Verzweiflung warf sich das unglückliche Tier, das schon beim Einfangen verletzt worden war, gegen die Gitter des  Käfigs und fügte sich damit selbst weitere schreckliche Wunden zu. Das Tier geriet am 14. März 2011 in Gefangenschaft. Putin erschien im Wildpark in der Nacht zum 19. März. Er liebt es, zu spät zu kommen.

Ich glaube nicht, dass französische Naturschützer für einen französischen Präsidenten ein Wildtier eine Woche lang aus seinem Lebensraum reißen, (was allein schon für das Tier schlimme Folgen haben kann), und es quasi foltern würden.

Ähnlich lief die Geschichte mit der Ussurischen Tigerin, die angeblich Putin höchstselbst am 31.August 2008 entdeckte  und fing. In Wahrheit war das Tier aus einem Tierpark in Fernost herbeigeschafft worden, wie sich später herausstellte.

Damit sie, Gott bewahre, den großen Führer nicht verletzt, hat man die Tigerin mit Schlafmitteln vollgepumpt.

Und weil Putin, seiner Gewohnheit gemäß, gut eine Woche zu spät kam, hielt man das Tier so lange unter Drogen.

Um die angeblichen Bewegungen der Tigerin in freier Wildbahn zu verfolgen, wurde ein Mann angemietet. Von Zeit zu Zeit tippte er auf einer eigens dafür eingerichteten Site von Ria-Novosti selbst ausgedachte Koordinaten ihres nicht existierenden Halsband-Senders ein.

Der berühmte Kranich-Flug Putins, bei dem der russische Zar der Tiere in Gefangenschaft aufgewachsenen Kranich-Jungen mit einem Leichtflugzeug den Weg in den Süden wies, endete,  das ist unschwer zu glauben, mit dem Tod zweier Jungvögel. Einer überstand den Transport nicht, der andere endete im Sog des Propellers.

Ich glaube nicht, dass in einem freien Land Tierschützer einem Mann, der nie mit Kranichen gearbeitet und keine Ahnung von diesen Tieren hat, erlaubt hätten, mit ihnen zu fliegen. Und wenn dieser Mensch Präsident gewesen wäre, hätte ihn die Presse öffentlich mit Scheisse verquirlt.

Leider erwächst aus der Show, mit der Putin sich selbst beweist, dass er der Zar der Tiere und Vögel ist, kein wirklicher Naturschutz.

Am 9. Januar 2009 zerschellte in der Altai-Republik ein Hubschrauber. Unter den tödlich Verunglückten war der Duma-Präsidentenvertreter Alexander Kosopkin.

Der Hubschrauber stürzte ab, weil Kosopkin mit Freunden besoffen aus der Luft Archar-Steinböcke gejagt hatte, von denen es in Russland nur noch 300 Exemplare gibt.

Sie feuerten von oben Gewehrsalven auf die Tiere, die am steilen Berghang nirgendwohin fliehen konnten. Einer der Scharfrichter, mit dem die Pferde durchgegangen waren, traf dabei versehentlich das Armaturenbrett. Als der Hubschrauber zu Boden krachte, vermischten sich am Boden die Leichen der Menschen und der Tiere.

Ich war dort im Altai. Man sagte mir, vom Berg gegenüber habe ein alter Hirte dem Treiben zugesehen. Der Einheimische berichtete niemandem von der Katastrophe. Drei Tage lang suchte man den Hubschrauber, und während dessen versuchten die Überlebenden, ihre verwundeten Gefährten mit Bratpfannen warm zu halten,  die sie über einem Feuer aufgeheizt hatten. Ich glaube nicht, dass der alte Altai-Hirte, der von weitem auf den mit Archar-Kadavern übersäten Hang schaute, weich würde bei Ihren Worten, dass der russische Präsident mehr für den Naturschutz getan hat als je ein französischer Präsident.

Kosopkin ist nicht der einzige Putinsche Beamte, der bei einer verbotenen Jagd im Suff ums Leben kam. Im selben Jahr stürzte der Irkutsker Gouverneur Jegor Esipowski mit einem Hubschrauber ab. Seine Jäger wollten den Kadaver eines von ihnen abgeknallten Bären an Bord hieven. (…)

Putin, der König der Tiere, hat nichts gegen solche barbarischen Unterhaltungen. Er stellt sich nicht gegen seine Untergebenen, wenn sie vom Hubschrauber aus Tiere abknallen, die auf der Roten Liste stehen, ebenso wenig wie er einschreitet, wenn sie im Straßenverkehr Menschen über den Haufen fahren.

Putin hat 26 Residenzen. Damit ist er der zweite auf der Weltrangliste, nach dem nordkoreanischen Diktator Kim Jong Il. Der größte Teil der neuen Residenzen entsteht in Naturschutzgebieten, die dafür gnadenlos zerstört werden. Die Residenz „Lunnaja Poljana“ (Mondlichtung) wurde in einem unikalen Biosphärenreservat errichtet.  Ein perfekt erhaltener Urwald wurde abgeholzt. Nicht geringer war die ökologische Katastrophe durch den Bau der Medwedjew-Residenz „Bolschoi Utrich“.

Seine engen Vertrauten stehen Putin in nichts nach. Neben der putinschen Niederlassung in Gelendschik schaffte sich Patriarch Kyrill einen Landsitz an, wofür hunderte Pizunda-Kiefern gefällt werden mussten. Gleich daneben hält Tkatschow Hof, Gouverneur des Landkreises Krasnodar und einer der größten Landbesitzer Europas. Öko-Aktivist Suren Gasarian, der versucht hatte, hinter den Zaun der Datscha zu schauen, wurde angeklagt und musste aus Russland fliehen.

Die Naturschutzgebiete des südlichen Russland haben sich in Datschas für Putin und seine Vertrauten verwandelt, die Wälder sind abgesperrt, normale Sterbliche haben keinen Zutritt mehr.Hunderte Hektar urtümlichen Waldes wurde abgeholzt  für Paläste, Saunas, Swimmingpools und Hubschrauberlandeplätze, die Pfade der Tiere sind zerstört.

Es wäre allerdings auch seltsam, wenn in einem Land, in dem der homo sapiens die schutzloseste Art ist, die Natur geschützt würde.

Die Russen sterben aus mit einer Geschwindigkeit von einer Million Menschen pro Jahr. Die Lebenserwartung russischer Männer liegt bei 64 Jahren. In der Stadt Norilsk ist der Asphalt zerfressen vom Salzsäureregen aus dem Metallurgischen Kombinat. In der Stadt Dsrschinsk, der ehemaligen russischen Chemiewaffen-Metropole, fühlt man sich wie bei einem Gasangriff während der ersten Weltkrieges. Ich habe noch nie gehört, dass Putin auch nur einen Finger krumm gemacht hätte für die russische Ökologie.

Verehrte Madam Bardot!  Sie drohten, um die russischen Staatsbürgerschaft zu bitten, wenn im Zirkus zwei Elefanten eingeschläfert werden. Ich zweifle nicht daran, dass Putin, sollten Sie ihn ersuchen, das Leben dieser Elefanten zu retten, ein Charterflugzeug nach ihnen aussenden wird , ihnen die russischen Staatsbürgerschaft schenkt und sich vor dem Hintergrund einiger Kraniche mit ihnen fotografieren lässt.  Sie sagten, „immer wenn ich Putin um etwas bitte, macht er es.“ Ich glaube das gern. Das Problem ist, dass 110 Millionen russischer Wähler Putin um nichts bitten können. Dieses Recht ist nur für ausgewählte Freunde reserviert.

Hochachtungsvoll

Julia Latynina