Mordfall Kabanov

Ein Mann tötete seine Frau. Was wird aus ihren Kindern? Waisenhaus oder Großeltern? Es geht um Ilja (6), Taras (3) und Darja (2)

In der Nacht zum 12. Januar 2013 verhafteten polizeiliche Ermittler in Moskau ihren Vater Alexej Kabanov. Im geliehenen Skoda seiner Freundin Olga Ivschina (29) hatten sie den Kopf seiner Frau Irina gefunden. Weitere Körperteile lagen, sorgfältig in Plastik verschnürt, auf dem Balkon. Der 38Jährige gestand den Mord.

Auf den Balkon legte er  jene Teile, „deren Zuordnung zu einer Person nicht ganz einfach“ gewesen wäre, erklärte Alexej. Sie wollte er auf verschiedene Abfallcontainer im Hof verteilen. Unverdächtige kleinere Fleischstücke wie „die oberen Fragmente der Beine“ habe er bereits entsorgt. Kopf und Hände mussten natürlich weiter weg, darum das Auto. Er habe selbst noch nicht gewusst, wohin damit.

Kabanovs Festnahme war das Ende einer groß angelegten Suchaktion nach einer jungen Frau, die Russland über die Neujahrsfeiertage hinweg in Atem hielt.

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Eine Woche lang führte dieser Mann ganz Russland an der Nase herum, um den Mord an seiner Frau zu vertuschen. Was wird aus Ilja, Taras und Darja?

Hilferuf in Facebook und TV

Am 3. Januar verschwand spurlos die 39Jährige Irina (Ira) Kabanova, angeblich nach einem häuslichen Streit. Ehemann Alexej meldete sie als vermisst. Am 6. Januar bat er via Facebook um Hilfe. Mit 1305 Freunden war der ehemalige Klub-Betreiber kein Unbekannter in der russischen Internet-Gemeinde. Seine Frau auch nicht. Sie hatte sich auf cherska-livejournal.com einen Namen gemacht. Der Journalistin, die seit 2003 bloggte, folgten weit über 1000 Leser. Beinahe exhibitionistisch breitete Irina Selbstzweifel, Charakterschwächen, Beziehungsprobleme, ihre Kindheit, ihren Wunsch, nie erwachsen zu werden, und quälende Gedanken über Liebe und Tod in der Öffentlichkeit aus. Wohl darum galt ihre Sendung im Radiokanal „Komsomolskaja Prawda“ als besonders glaubwürdig. Zunehmend drehte sich diese um Suff und häusliche Gewalt. Irinas Thema. Einen Zusammenhang zum Privatleben stellte niemand her.

Alexej fand Gehör. Freiwillige Online-Freunde legten sich ins Zeug. Tausende Suchaufrufe mit Foto der zierlichen Frau klebten sie an Hauserwände in Moskau und St. Petersburg: „Ein Mensch wird vermisst!!! Helft!“ Fernfahrer hielten nach ihr Ausschau.

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Ein Mensch wird vermisst!

Am 9. Januar schaffte es Blogger Alexej ins Fernsehen. Millionen Zuschauer sahen einen gefassten Mann. Gehüllt in eine graue Strickjacke hockte er daheim am Küchentisch. Was keiner ahnte: Seine Frau war auch da, in Plastiktüten portioniert auf dem Balkon. „Ja, wir haben gestritten“, räumte der Gatte zerknirscht ein. „Aber ich kann nicht glauben, dass sie mich verlassen hätte, ohne mir etwas zu sagen.“ Im Hintergrund kreischten und weinten die Kinder. Er starrte matt auf seine Hände: „Bitte, … falls sie bei jemandem untergetaucht ist … sagt mir nur, dass meine Frau lebt!“ Der jungen Reporterin schossen Tränen in die Augen. Landesweit flogen dem gut aussehenden, tapferen Vater Frauenherzen zu.Toma Gontscharenko postete: „Hab Geduld, Alexej, so viel positive Energie geht nicht verloren.“ Maria Abramtschik: „Die Welt ist rund, lasst uns Ira gemeinsam finden!“ LizaAlert.org setzte 300 000 Rubel für Hinweise auf den Verbleib der Vermissten aus. Da war die Frau mit dem Jungshaarschnitt, den schwarzen Augen und dem Brigitte-Bardot-Mund schon vier Tage tot. Was ihr wirklich passiert war, konnte sich das geschockte Publikum zu bester Sendezeit im Fernsehen ansehen, kurz nach dem Horrorfund im Auto. Vor laufender Kamera stellte Alexej selbst das Tatgeschehen nach, in der Rolle seiner Frau eine lebensgroßen Puppe.

Die Tatnacht

Am 2. Januar abends hatten sie zusammen anderthalb Flaschen „harten Schnaps“ geleert. Und zofften sich, wie so oft seit letzten Herbst, wegen Schulden, seiner Geliebten, und überhaupt. Immer wieder traten sie zum Rauchen hinaus auf den verschneiten Balkon. Doch der Streit kochte hoch. Er würgte sie erst mit einem Lautsprecherkabel, dann mit den Händen. „Als ich locker ließ, gab sie so ein Geräusch von sich…“ Ein Atemgeräusch?, will ein Beamter wissen. „Weiß nicht …“ Er habe Ira ein Messer in den Bauch gerammt, sagte Alexej, „um die Qual zu erleichtern.“ Danach wuchtete er die Tote in die Badewanne und ging ans Zerteilen. Alexej, ein Profi-Koch, sammelte Fleischermesser. Gut drei Dutzend davon, scharf wie Rasierklingen, prangten an Magnetleisten in der Küche. Die Kinder hatten nun keinen Zutritt mehr zum Bad. Der Vater ließ sie im Wohnzimmer Kinderfilme gucken, bis sie umkippten und einschliefen. Wo ist Mama? Weggegangen!

Schon lange waren die Kabanov-Kinder im Leben ihrer Eltern irgendwie überflüssig. Der 6-jährige Ilja, aus Irinas erster Ehe stammend, wurde vom neuen Papa als Stiefkind behandelt. Seiner Mutter ging er zunehmend auf die Nerven. Auch die Kleinen, deren Existenz „eine Flut von Kinderklamotten und kleinteiligem Spielzeug von Gott-weiss-woher“ mit sich brachte, wie Irina in ihrem Blog beklagte, waren den Eltern oft eher Last als Freude.

Die Facebook-Fassade

In Kabanovs Facebook-Chronik sah alles super aus. Er im Küchenchef-Look, tolle Baby-Fotos, etwas Ambiente… Beide Partner engagierte Oppositionelle, die über „Putin-muss-weg“-Märsche posteten.

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Viele „likes“ für den coolen Alexej

Viele „likes“. Hinter der Fassade der modernen, kultivierten Familie war alles morsch. Das Paar wirtschaftete dilettantisch mit privat geborgtem Geld. Versuche, mit „Cheese and dance“ und „Cherska 1.2“ zwei eigene Cafes in Moskau zu betreiben, waren gescheitert, beide zeitweise arbeitslos. Sie lag tagelang nur auf dem Sofa. Hinzu kam Rivalität untereinander. Nach einem Philologie-Studium an der Staatlichen Universität Moskau hatte Alexej Ambitionen als Verleger und Schreiber. Das ging schief. Nun neidete er Irina ihren journalistischen Ruhm. Dieser brachte ihr allerdings wenig ein. Die dreifache Mutter verdiente gerade so viel, dass davon die Kinderfrau bezahlt werden konnte. Und selbst das nicht immer. „Njanja“ Tatjana Stefanez hielt den Kindern zuliebe zwei Monate ohne Geld aus. Nach dem Mord an Ira ward die 53Jährige zunächst nicht mehr gesehen, aus Gründen, über die noch zu reden sein wird.

Sein Facebook-Image als geistreicher Lebenskünstler schmeichelte Alexej. Nur Ira verdarb das schöne Bild. Sie klagte in ihrem Blog offen über Armut. Freunde glauben, er habe ihr gedroht, sie als illegale Einwanderin aus der Ukraine aus Russland ausweisen zu lassen. Eine reale Gefahr, ihr fehlte die russische Staatsbürgerschaft. Die hatte sie versäumt zu beantragen. Sie hätte Existenz und Kinder verloren. Ende 2012 bettelte Irina Kollegen um Geld für Neujahrsgeschenke für Ilja, Darja und Taras an, nahm ihnen gegenüber aber ihren Mann in Schutz. In der Familie war sie trotzdem einsam. Die Schwiegereltern verachteten sie als „schweren Charakter“ mit Neigung zur Hysterie. Die spröde Brünette war bereits die dritte Frau ihres Sohnes, der aus einer früheren Beziehung noch zwei Töchter hat. Dass sie für sein Café-Projekt eine Eigentumswohnung zu Geld gemacht hatte, spielte keine Rolle. Alle übersahen die überschminkten blauen Flecken in ihrem Gesicht.

Gleich nachdem Alexej aufflog, prügelten sich zwei Journalistenteams um erste Statements seiner Eltern. Die Sieger interviewten schließlich zwei 70Jährige, die wenig Mitleid mit dem Opfer zeigten. „Mein Sohn hat seine Kräfte nicht richtig eingeschätzt“, spekulierte Vater Wjatscheslaw Kabanov. „Ich kann nicht ausschließen, dass Irina ihn provoziert hat.“ Alexejs Mutter hielt sich bedeckter. Das Verhältnis zur Schwiegertochter sei „nicht gerade gut“ gewesen. „Auf Darja und Tarass hatte das aber keine Auswirkungen, wir besuchten sie regelmässig und sie uns“, betonte die Frau. Fotos der Enkel füllen ihre Facebook-Chronik, die Zuneigung wirkt gegenseitig. Über den Mord sagt sie: „Beide sind schuld!“

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Es war Ilja, der Sechsjährige, der den Polizisten zeigte, wo die Schlüssel seiner verschwundenen Mutter lagen. Er und seine kleine Schwester hatten den Bund in Mamas Handtasche liegen sehen und damit gespielt. Vorsichtig befragten Ermittler das Kind. Wie sich herausstellte, war Ilja in der Tatnacht von lauten Schreien aufgewacht: „Das war Mama, hat Papa gesagt. Aber er hat gesagt, das wird nicht nochmal vorkommen.“ Auch ihr Handy sollte nie wieder klingeln. Das Gerät, das Irina auf der Flucht von daheim angeblich bei sich hatte, genau wie Ausweis und Schlüssel, fand sich vergraben in einem Blumenkübel.

Nach dem Geständnis des Vaters schaffte man seine drei inzwischen leicht verwahrlosten Kinder ins Moskauer Krankenhaus Tuschino. Eines der kleinen sollte erkrankt sein. Vor Journalisten wurden sie versteckt. Niemand sagte ihnen, dass die Mutter nicht mehr lebt. Die Großeltern väterlicherseits bekamen keinen Zutritt zu den Enkeln. Das Gesetz gibt Folgendes vor: Bis zu 21 Tage bleiben Kinder in Fällen wie diesem im Krankenhaus. Es ist festzustellen, ob sie Schaden genommen haben. Dann kommen sie in eine Rehabilitationseinrichtung, danach in staatliche Obhut in ein Waisenhaus, – oder zur Adoption. Bis zum Prozess behält Killer Kabanov die Vaterschaft. Normalerweise werden auch in Russland Kinder befragt, bei wem sie leben wollen. Aber Iras Kinder sind dafür zu klein.

Iljas Vater schreitet ein

Als erster handelte Iljas leiblicher Vater Maxim Gorzakaljan. Er holte, ohne auf Widerstand zu stossen, den Sechsjährigen nach Israel, zu seiner anderen Familie.  Der Jurist bei Pynes & Moerner war auch zugegen als das KInd von Ermittlern befragt wurde. „Nun bekommt Ilja eine Stiefmutter statt eines Stiefvaters“, klagten Stimmen in Internet-Foren. „Er darf nicht mit seinen Geschwistern aufwachsen.“ Die große Mehrheit aber atmete auf: Alles besser als Waisenhaus! In Russland führen von dort selten Wege hinaus, insbesondere nach Putins jüngstem Erlass, der Ausländern Adoptionen verwehrt. Nicht selten landen verlassene oder verwaiste Kinder als lebensuntüchtige Jugendliche in Altersheimen.

Oma aus Donezk reist an

Auch die Familie des Opfers machte sich stark. Die Großmutter mütterlicherseits von Darja und Tarass reiste aus Donezk in der Ukraine in Moskau an. Die 60Jährige Jelena Dukova ist Astronomin und Programmierein, inzwischen pensioniert. Irinas Selbstenthüllungen auf Livejournal zufolge erzog sie ihre eigene Tochter streng und kalt. Kinder hatten zu funktionieren und gut zu lernen. Die beiden Kinder ihrer Tochter hatte sie bis dahin nie gesehen. Dennoch war sie bereit, sie zu sich zu nehmen, zusammen mit ihrer Schwester, die die gesündeste der nahen Verwandten ist. Das Problem: Darja und Taras sind Russen, ihre Großmutter besitzt „nur“ die ukrainische Staatsbürgerschaft.

Großeltern väterlicherseits verzichten

Die Chancen der Großeltern väterlicherseits standen besser. Dass ihr Sohn mordete, ist ihnen theoretisch nicht anzulasten, waren sich Berichterstatter einig. Aus der Sicht des russischen Gesetzes hätten die alten Kabanovs als Russen größere Rechte auf die (russischen) Enkel als eine Ukrainerin. Doch das Paar verzichtete. „Wir kriegen zwei so kleine Kinder nicht mehr groß“, sagte Vater Wjatscheslaw dem Portal Life News. „Das hat materielle und psychologische Gründe. Wegen unserer kleinen Wohnung, unseres Alters und dem, was unser Sohn Ira angetan hat.“

Kriminal-Psychiater Michail Vinogradow hält Alexej Kabanov für einen potenziellen Serienmörder, der nur noch nicht genug Übung gehabt hat. Nächstes Opfer hätte Tatjana sein können, die Kinderfrau. Das glaubte sie sogar selbst. Noch als alle nach Ira suchten, witterte die Njanja (russ. Kinderfrau) Verdacht: „Ira ging nie ohne Schlüssel weg. Sie wollte beim Nachhausekommen nicht die Kinder durch ihr Klingeln wecken. Ira konnte nicht ‚einfach so’ verschwunden sein!“ Im Schrank fehlten Bettlaken. Im Bad waren beide Abflüsse verstopft. Die Tür abgesperrt. Alexej betrat nicht mehr den Balkon,  rauchte nur noch auf dem Klo. Tatjana sah die Stapel schwarzer Plastikbündel draußen liegen, aber ein Instinkt hielt sie davon ab, danach zu fragen. Als Kabanov anfing, Müll herunter zu bringen und das Bad zu putzen, packte Tatjana nackte Angst: „Er fasste normalerweise niemals im Haushalt etwas an!“ Sie zitterte innerlich bei der Vorstellung, ein falscher Blick könne sie verraten. Sie kleidete die Kinder zur Nacht nicht mehr aus und lag wach im Bett: „Beim kleinesten verdächtigen Geräusch wären wir aus der Wohnung gerannt.“

Schock und Zweifel in den Online-Netzwerken

Kaum war Alexej in Untersuchungshaft, meldeten sich online weitere Stimmen, die angeblich alles vorher gewusst hatten. Etwa eya_kulyatova: „Ich hatte längst Verdacht geschöpft. Er wusste zu genau, was die Frau beim Weggehen trug. Wer guckt schon darauf bei einem Streit!“ Anderen war aufgefallen, dass Alexej von seiner vermissten Partnerin nur in der Vergangenheit sprach. Aber auch eine Front der Zweifler formiert sich: esme_weathewax: „Es kommt mir seltsam vor, dass Alexej diese Aufrufe im Internet startete, aber fünf Tage lang die Leichenteile nicht entsorgte. Das ist doch Logik unter Null. Seine Schuld ist noch nicht bewiesen!“ Etliche Facebookfreunde wittern Rache vonseiten derer, denen Alexej Geld schuldete: „Sie töteten seine Frau und zwangen ihn, die Schuld auf sich zu nehmen, um die Kinder zu retten.“ Blogger Kyrill Martynow, der mit Alexej 35 gemeinsame Freunde auf Facebook hatte, dämpfte die Verschwörungstheoretiker: „Man darf einem russischen Gericht und einem russischen Ermittler natürlich gar nichts glauben. Aber zu glauben, dass sie eine namenlose Leiche gefunden und Alexej untergejubelt haben, wäre zu grenzwertig, zu diabolisch irrrational. Damit überschätzt man sie dann doch.“

Ilja Filippow vom Nachrichtenkanal vesti7.ru bilanziert den Fall Kabanov: „Das Drumherum ist fast noch schockierender als der Mord.“ Tatsächlich. Eine Woche lang führte ein Mann ganz Russland an der Nase herum. Die Onlinegemeinde erlitt einen Verlust an gegenseitigem Vertrauen. Der Kontrast zwischen intellektuellem Auftritt eines der Ihren und seiner nackter Brutalität in der realen Welt traf sie hart. Weitaus offenherziger und gesprächiger als die hiesige, setzt die russische Internet-community Hoffnungen in moderne Dienste wie Facebook und Twitter.  Man will sich vernetzen zur  Beförderung von Freiheit und Demokratie. Und sah nun, „im gemütlichen, lieben Facebook lauern Monster“.
Die Kinder Darja und Taras werden bei Oma Dukova in der Ukraine aufwachsen. Sie bekamen die doppelte Staatsbürgerschaft, die russische und die ukrainische. nestor_1974: „Mein Mitgefühl gilt ihnen. Der leibliche Vater schlachtete die leibliche Mutter. Ihr Leben wird die Hölle sein.“ Die sozialen Netze ihrer Mutter allerdings sind nicht gerissen. Eine Facebookgruppe sammelt für Lohn für die vertraute Kinderfrau Tatjana.