Köpfchen durch Knöpfchen – komplizierte Kleidung schult die kindliche Motorik

Klettverschlüsse an Kindersachen sind ein Segen. Besonders an Schuhen. Das An- und Ausziehen geht schnell, schon die Kleinsten können es bald allein und haben ihren Spaß an dem lauten „Ratsch!“ Das Kind ist selbstständig und manchmal schneller ausgehfertig als Oma und Opa.

Wie so oft hat aber der Fortschritt seinen Preis. Die praktischen Klett- und Reißverschlüsse lassen die motorischen und intellektuellen Fähigkeiten der Vorschulkinder verkümmern. Das finden Prof. Dr. Marc Weber und Prof. Ute Detering vom Fachbereich Textil- und Bekleidungstechnik der Hochschule Niederrhein.

Knöpfe, Schleifen, Haken und Ösen früherer Zeiten waren für Kinder schwer zu handhaben. Aber sie zwangen beim Anziehen zum Zählen, zu Experimenten mit Versuch und Irrtum und zum Nachdenken: Wie ging noch mal die Schleife? Wer das beherrschte, war so gut wie schulreif.

Die Forscher vom Niederrhein entwickeln nun gemeinsam mit einem Mönchengladbacher Kindergarten „lernunterstützende Bekleidung“. Im Rahmen einer Diplomarbeit entstand bereits eine erste Kollektion, die verschiedene Fähigkeiten der Kinder trainiert.

Die Kleidung ist zugleich ein Spiel. Zum Beispiel ein Fühl-Memory. Es schult den Tastsinn, wenn unterschiedliche Stoffe eingesetzt werden. Jeder fühlt sich anders an. Warm und kratzig die Wolle, glatt und kühl die Seide, weich und flauschig der Webpelz. Die meisten Kinder berühren Stoffe genauso gern wie ein Spieltier.

Oder ein Geometrie-Spiel. Die Kindersachen haben Ösen, durch die sich Kordeln fädeln lassen. Drei Ösen für ein Dreieck, vier für ein Quadrat… Und wieviel braucht ein Stern? Neben der Feinmotorik wird das Verständnis für geometrische Formen und Zahlen geübt. Die Spiele können von den Kindern alleine, sehr gut aber auch zu zweit gespielt werden, was soziale Kontakte zwischen ihnen fördert.

In den Handel wird „Lernkleidung“ vorerst wohl nicht kommen. Einen Denkanstoß gibt sie trotzdem: „Richtige“ Lernspiele, die oft hochwertig und teuer sind, machen Kinder manchmal misstrauisch statt begeistert. Sie glauben, sie sollen üben, weil die Erwachsenen fürchten, sie seien sonst nicht genug in der Schule. Überhaupt werden Erwachsene mit ihren ständigen pädagogischen Angeboten Kindern manchmal lästig, meint Hans Brügelmann, Pädagogik-Professor aus Siegen: „Die meisten Kinder sind von sich aus neugierig.“

Eine Jacke mit vielen Knöpfen, eine Bluse zum Schnüren und Schuhe mit Schnürsenkeln tun’s also auch. Dieses multifunktionale Spielzeug kostet nicht extra Geld, dafür natürlich Zeit. Und Nerven, bis man reif ist zu sagen: „Binde dir endlich die Schleife allein!“

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