Mitleid ist kein Grund zu helfen

Dass sich in Familien alt und jung gegenseitig unterstützen, ist  üblich. Der Frage „warum?“ ging Psychologin Sylvia Henger vom Institut für Entwicklungspsychologie der Universität Leipzig nach. Sie befragte 217 Teilnehmer einer Langzeitstudie über Bedingungen eines gesunden und zufriedenen Alters.

Als wichtigstes Motiv nannten dabei zwei Drittel der Teilnehmer Zuneigung und Dankbarkeit. Bei rund der Hälfte (43,8 Prozent) ist Pflichtgefühl im Spiel: Die Familientradition schreibt Hilfeleistung vor.

Nur in 13,4 Prozent der Fälle leisten Angehörigen Hilfe, weil sie sich durch Erwartungen anderer oder durch Versprechen gebunden fühlen.

Mitleid ist nur zu knapp zehn Prozent ein Grund für Hilfeleistungen für Verwandte, knapp gefolgt vom Streben nach Anerkennung, das für neun Prozent der Befragten eine Rolle spielt.

Interessant: Dass in Deutschland die Unterstützung naher Angehöriger auch durch gesetzliche Regelungen vorgeschrieben ist, spielte bei den Teilnehmern der Befragung eine untergeordnete Rolle. Lediglich 1,8 Prozent gaben an, dass sie nur helfen, weil es das Gesetz so verlangt.

Betrachtet man die Intensität der „solidarischen Leistungen“ innerhalb der Familie, so liegen die Großeltern deutlich vorn. „Sie sind ganz klar die Netto-Geber“, stellt Henger fest. Dabei handeln aber die Großeltern vor allem aus Zuneigung und Liebe. Durch moralische Gründe fühlen sie sich deutlich weniger verpflichtet als die mittlere Generation, die sich sowohl gegenüber den Eltern als auch gegenüber den Kindern in der Verantwortung sieht. „Man ist im Ruhestand, die Pflicht ist abgegolten, jetzt sind die anderen dran“, interpretiert die Psychologin diese Einstellung der Alten.

Umso höher dürfte es zu bewerten sein, wenn sie sich dennoch für das Wohl der Kinder und Enkel engagieren.