ABC für Großmütter

Dem Buch der Wienerin, Jahrgang 1936 und Oma von Nette und Nando, merkt man an, dass sie eine Geschichten-Erzählerin und keine Sachbuch- und Ratgeber-Autorin ist. Da mietet sich zum Beispiel Oma Schuster in einer Pension ein, die direkt neben einem Abspeck-Heim für übergewichtige Kinder liegt und schmeißt des Nachts ihrem dicken Enkel Anatol Mozartkugeln ins geöffnete Fenster. Das gibt’s doch nur in Österreich, oder?

Trotzdem kann man dem, was Christine Nöstlinger (nach Stichworten von A wie Annerl bis Z wie Zärtlichkeit alphabetisch sortiert) über Großmütter zu sagen hat, einiges Nützliche entnehmen. Etwa, dass Putzteufel-Aktionen nicht unbedingt Dankbarkeit auslösen. Ist es wirklich nötig, im Haushalt der Kinder die Handtücher zu bügeln und Essen vorzukochen und einzufrieren?

Nein, meint Nöstlinger. Es stößt nur deshalb nicht auf Protest, weil man die Mutter nicht kränken will. Also überlegen, welche Hilfe willkommen ist, und welche nur hingenommen wird. Das spart Arbeit und vermeidet Frustration.

Wichtig – unter T – der Hinweis, dass man beim Trösten von Kindern einiges falsch machen kann. Sprüche wie „Ist ja nicht so schlimm“ oder „geht ja bald vorbei“ bagatellisieren den Kummer von Kindern statt ihn ernst zu nehmen. Noch verkehrter ist es, Argumente für Verfehlungen der Eltern zu suchen: „Mama war mit den Nerven fertig“, „Papa hatte einen schlechten Tag, du musst verstehen, dass er besoffen war.“ Das Kind fühlt, dass Oma eigentlich die Eltern bedauert. Ein schwacher Trost!

Besser: Zuhören, nicht unterbrechen, streicheln, Taschentuch parat halten. Und schweigen, wenn einem nichts wirklich Tröstliches einfällt. Manchmal helfen Rituale aus der Kleinkind-Zeit. Der größte Kummer für Kinder ist es, wenn ihnen die Eltern das Leben zur Hölle machen, etwa indem sie streiten. Nöstlinger: Großeltern haben kein Recht, die Lebenssituation der Enkel zu ändern. Eltern befolgen ihren Rat nur in Ausnahmefällen und wenn es nicht allzu viel Mühe macht. Omas Zuspruch kann dem Enkel immerhin helfen, nicht im Unglück zu versinken.

Großväter kommen, wie schon der Titel vermuten lässt, nur am Rande vor (unter O), und zwar vorwiegend als eingeschnappte, weil wegen des süßen neuen Enkels vernachlässigte Ehegatten. Das gibt’s doch nur in Österreich, oder?

Das im Patmos-Verlag erschienene ABC ist eine limitierte Geschenkausgabe.

Vorsicht: Erst reinlesen, dann verschenken! Zwischen Österreich und Deutschland (oder zumindest Norddeutschland) liegt eine Humorgrenze. Stellen Sie sich Uschi Glass als die oben erwähnte Oma Schuster vor, wie sie heimatfilmmäßig die Diät ihres Enkels torpediert. Wenn Sie glauben, dass die Adressatin darüber lacht: Kaufen!

Christine Nöstlinger: ABC für Großmütter,
Patmos Verlagshaus,
ISBN 978-3-85191-420-7