Wo ist Onkel Rolf jetzt?

Vor einigen Wochen verstarb nach langer Krankheit Onkel Rolf, ein väterlicher Freund meiner Enkel. Seitdem sind Krankheit und Tod ein großes Thema für sie. Besteht Gefahr, dass sie sich in Ängste hineinsteigern, wenn man immer wieder mit ihnen darüber spricht?

Silvio R., Dortmund

Nein, im Gegenteil. Wenn Fragen unbeantwortet bleiben und Trauer nicht ausgesprochen werden kann, passiert es viel eher, dass sich bei Kindern Ängste festsetzen, die weit ins Erwachsenenleben hinein wirken.

So berichten etwa Hypochonder, dass dunkle Ahnungen über tödliche Krankheiten naher Verwandter ihre Leidensgeschichte auslösten. Vor echtem Wissen sollten sie als Kinder „verschont“ werden. Stattdessen begannen sie, in sich hinein zu horchen: Werde ich jetzt auch krank und muss sterben?

Sprechen Sie also mit Ihren Enkeln über Onkel Rolf und alles, was mit seiner Krankheit zusammenhängt, so lange diese danach fragen.

Kindliche Auffassungen von Sterben und Tod sind von Wissenschaftlern untersucht worden. Für Kinder unter vier Jahren bedeutet Tod nichts Endgültiges, sondern nur die vorüber gehende Abwesenheit eines Menschen. Entsprechend sieht ihre Gefühlswelt aus, wenn jemand stirbt.

Tiefe Traurigkeit zeigen Kinder etwa ab dem fünften Lebensjahr. Das heißt, erst dann erfassen sie, was Tod wirklich bedeutet. Ab dem Schulalter stellen sie genaue Fragen, wie: Wo ist Onkel Rolf jetzt? Was ist in der Urne?

Was Kinder über Krankheit denken, ist weniger bekannt. Erwachsene gehen davon aus, dass sie in etwa dieselben Vorstellungen haben wie sie selbst. Das stimmt nicht.

Kinder denken kausal, d.h. sie glauben, es gibt für alles eine Ursache und eine Wirkung, auch für Krankheiten. Etwa so, wie Erwachsene es immer sagen: Wenn ich bei Regen keine Gummistiefel anziehe, werde ich krank. Wenn ich unreife Stachelbeeren esse, kriege ich Bauchschmerzen.

Außerdem glauben Kinder, Krankheit kommt von außen in sie hinein. So haben Kinder schon Todesängste ausgestanden, weil sie den Finger in die Blüte eines Fingerhuts gesteckt hatten, der als „Giftpflanze“ gilt. Ähnliches geschah in Zeiten von Rinderwahn und Vogelgrippe nach dem Essen eines Würstchens oder dem Berühren einer Feder.

Oft plagen sich Kinder mit Schulgefühlen: Ich bin krank, weil ich etwas Verbotenes getan habe. Junge Diabetiker etwa quält die Vorstellung, sie hätten zuviel genascht und seien dafür jetzt ihr Leben lang mit der Zucker-Krankheit gestraft.

Schwere Diagnosen bei sich selbst und anderen nehmen Kinder lange erstaunlich gelassen, weil sie glauben, es vergeht wieder. Dann folgen echte Krisen: Für das Kind bricht seine gesamte (Erfahrungs) Welt zusammen.

Aus dem hier Gesagten ergibt sich: Erwachsene müssen geduldige, sachliche Erklärer und Tröster sein, wenn es um Krankheit geht. Wie viele Informationen ein Kind braucht, ist stark altersabhängig. Grundsätzlich gilt: Soviel wie nötig, d.h. soviel, wie das Kind selbst erfragt, und so wenig wie möglich.

Lügen Sie Kinder niemals an. Wenn Sie es nicht sagen, hören das Kind von anderen Leuten, dass Krebs schlimmer ist als ein Beinbruch. Besser, Sie berichten, dass heute diese Diagnose nicht das Todesurteil bedeutet. Bewahren Sie ihren Kindern die Lust am Leben und machen sie ihnen keine Angst. Ein Grundschulkind mit Diabetes etwa muss nicht gesagt bekommen, dass ihm möglicherweise Erblindung droht. Wichtiger ist es, ihm zu erklären, wie es den Umgang mit seiner chronischen Erkrankung in den Alltag integrieren kann und dass niemand daran schuld hat.