Marcel Reich-Ranicki

Der Literaturkritiker, heute selbst schon in die Jahre gekommen, musste als junger Mann seinem über 80-jährigen Großvater täglich eine Viertelstunde Gesellschaft leisten. Meist las er ihm etwas vor.

Den Anekdoten des ehemaligen Rabbiners über die gelehrten Vorfahren hörte er kaum zu, zumal sie sich oft wiederholten. Trotzdem gelang es dem alten Mann, seinen Enkel zu verblüffen. Er riet ihm, ebenfalls Rabbiner zu werden. Die Unterhaltungen mit ihm hätten ihn von seiner Eignung überzeugt. Außerdem könne man als Rabbi viel faulenzen.

Reich-Ranicki, der geglaubt hatte, der alte Mann nehme seine Umwelt nicht mehr wahr, entdeckte plötzlich einen nüchternen Vorfahren voller Humor. „Es mag sein, dass ich von meinem Großvater gar nicht so falsch beurteilt wurde“, räumte er in späteren Jahren ein.