Spielen: Puppen, die heiß geliebt werden

Bei der Auswahl einer Puppe kommt es nicht auf Schönheit und modische Trends an. Was wirklich wichtig ist, fand schon vor hundert Jahren die Puppenmacherin Käthe Kruse heraus.

Die erste Frau in Deutschland, die sich darüber Gedanken machte, war Käthe Kruse, Mutter von sieben Kindern, und heute die wohl bekannteste Puppenmacherin weltweit. Sie schuf als erste „Kinder für Kinder, die Kosenamen trugen wie Schlenkerchen, Träumerchen, Mummelchen und Pummelchen. Also Puppen zum Bemuttern, Kuscheln, Trösten und Liebhaben, „denn das ist ihr Sinn und Zweck“.

Dieser Gedanke Käthe Kruses war damals, vor gut hundert Jahren, geradezu revolutionär.

Ihre eigene Puppe „Perdita“ war kein Kind für ein Kind, sondern ein Kind der Zeit gewesen: kalt, starr und unempfindlich. Auf einem Körper aus Leder saß ein Kopf aus Porzellan, dieser nun wieder viel zu empfindlich zum Spielen. Gesicht und Kleid von Perdita waren das einer Erwachsenen. Käthe konnte das Geschenk ihrer Tante Paula nie ins Herz schließen.

„Nichts für kleine Kinderhände“, befand Käthe Kruse später als Mutter auch über andere Puppen. Ebenso sah es ihr Mann, der Bildhauer Max Kruse. Als sie ihn bat, für die dreijährige Tochter Maria, genannt Mimerle, eine Puppe zu besorgen, weigerte er sich strikt. Alle, die er gesehen habe, seien hässlich. Sein Rat: „Macht euch selber welche!“

Käthe Kruse, Tochter einer Näherin, ging ans Werk. Weihnachten 1905 bastelte sie für Mimerle eine „Kartoffelpuppe“: Der Körper bestand aus mit Sand gefülltem Tuch, der Kopf aus einer Kartoffel, Knoten an den Stoffecken stellten Arme und Beine dar. Diese Puppe wurde von Maria heiß geliebt. Sie spielte damit nach, was sie im liebevollen Umgang ihrer Mutter mit der gerade geborenen Schwester Sofie beobachtete – bis der Kartoffel-Kopf einschrumpelte und abfiel.

Da hatte ihre Mutter aber schon gelernt und konnte es künftig besser machen.

Wichtig an einer Puppe ist:

  • Sie darf für ein kleines Kind nicht zu groß sein. Sondern muss von kleinen, noch ungeschickten Händen gut zu halten sein. Viele von Kruses späteren Puppen haben in etwa kartoffelgroße Köpfe und einen entsprechenden Körper.
  • Die Puppe soll warm und anschmiegsam sein – und nicht zu leicht: „Kinder möchten gern auch etwas zum Schleppen haben.“.
  • Eine große Rolle spielt, ob sich das Puppenkind weich und zart anfühlt, denn, so Kruse: „Gefühl kommt von Anfühlen.“
  • Entscheidend sind die richtigen Proportionen, nämlich kindliche: großer Kopf, kleiner Körper. Das entspricht nicht nur Käthe Kruses eigenen Beobachtungen, sondern auch einer Theorie des Bildhauers Max Kruse: „Nur die richtige Form weckt die richtigen Gefühle.“
  • Häufig nicht ernst genug genommen werden Kruses Gedanken über den Gesichtsausdruck. Die Puppe soll, so meint sie, unbedingt einen nicht festgelegten Gesichtsausdruck haben, also nicht etwa ein starres Lachen, Weinen oder Gähnen zeigen. Denn die Puppenmutter muss ihre eigenen Stimmungen in das Püppchen hineinlegen können. Dieses soll Freund, Verbündeter, Tröster sein. Eine strahlend lachende Puppe, auch wenn sie noch so schön ist, wird einem traurigen Kind keine Hilfe sein, weil sie nicht mitfühlt. Noch als sehr alte Frau achtete Käthe Kruse darauf, dass die Puppen aus ihrer Werkstatt nicht etwa „einen falschen Blick“ bekamen.
  • Manche Eltern berichten, dass sie mit einer Puppe gute Erfahrungen gemacht haben, die dem Kind vom Typ her ähnlich ist, also zum Beipiel rothaarig und sommersprossig für ein Mädchen, das wegen seiner Sommersprossen gehänselt wird.

Machen Sie sich die Mühe, eine Puppe für Ihr Enkelkind mit Geduld und Sorgfalt auszusuchen. Hier ist auch etwas mehr Geld gut angelegt, denn eine geliebte Puppe ist ein Begleiter durch die ganze Kindheit – und oft noch darüber hinaus und muss deshalb allerhand aushalten. (Die bekannten und viel beworbenen naturgetreuen Babypuppen mit ihrer perfekten Ausrüstung erfüllen diese Funktion nur selten, denn sie sind zu wenig wandelbar.)

Sollten Sie eine individuelle Künstlerpuppe kaufen, sehen Sie sie nicht als Geldanlage. Sammlerwert behalten nur gut erhaltene Exemplare, wie man im An- und Verkauf sieht. Und Sie wollen doch sicher nicht, dass Ihr Geschenk unangetastet bleibt?

Sollte Ihr Enkelkind schon eine Puppe haben, die den o.g. Kriterien nicht entspricht, aber trotzdem geliebt wird, wechseln sie diese auf keinen Fall aus! Gesellen sie das neue Püppchen besser einfach hinzu.