Oma Colorado: Sieben Wochen später

Auf den Tag so alt wie dieses Magazin ist Marina Kristin, die Enkeltochter von Christine Schmitt-Schablitzki. GrosselternReport begleitet die beiden seit Juni 2006. (Teil 2)

Christine Schmitt-Schablitzki ist 69, geschieden, und lebt mit ihrem Partner im Taunus in der Nähe von Frankfurt am Main. Die gelernte Verlagskauffrau hat einen Sohn, ist belesen, reiselustig und leidenschaftliche Camperin. Wir trafen sie im Chat des Seniorentreffs, wo sie unter dem Nickname „Colorado“ bekannt ist.

GrosselternReport: Christine, jetzt bist Du seit sieben Wochen Oma. Wie macht sich Dein Enkelkind?

Christine Schmitt-Schablitzki: Sie ist vier Zentimeter gewachsen und vier Kilo schwer. Die roten Flecke sind weg, die dunklen Haare hat sie behalten. Die Augen sind grau-blau. Sehr süß. Sie zieht ein Schmollmündchen und trägt ihr Köpfchen hoch – das hätte ich bei einem so kleinen Kind nicht erwartet.

Ich wollte aber auch nicht in Ratgebern wie „Das erste Jahr“ oder so nachgeschlagen. Lieber frage ich Freundinnen, wie sie es halten. Beim Kuchenbacken verlasse ich mich auch am liebsten auf erprobte Rezepte.

GrosselternReport: Kommt Dir das Baby immernoch so zerbrechlich vor?

Christine Schmitt-Schablitzki: Oh, nein. Ich kenne mich inzwischen ganz gut aus, auch mit Pampersgrößen. Jetzt wird Größe II gebraucht. Ich kann das Baby herumtragen – man merkt, dass es das will. Die Kleine ist sehr aufmerksam und neugierig. Also, eine Schlafmütze wird das nicht, da ist sie wie ich. Meine Schwiegertochter, die wieder stundenweise arbeitet, kommt zu nichts, wenn sie wach ist.

Längst ist die Kleine für mich auch nicht mehr „das Baby“, sondern Marina Kristin, ein Mitglied unserer Familie. Ich freue mich darauf, dass sie noch ein bisschen wächst und ich sie mir mal einen Tag holen werde. Ich werde ihr Karotte und Banane geben, nichts aus dem Gläschen…. Es trifft sich gut, dass gleich hinter meinem Haus ein großer Kinderspielplatz ist. Früher war das für mich nicht wichtig.

GrosselternReport: Wie oft siehst Du Marina Kristin?

Christine Schmitt-Schablitzki: Alle acht Tage fahre ich kurz hin, natürlich rufe ich vorher an. Ich habe dann immer Blumen dabei und ein Paket Windeln mit 48 Stück drin.

Neulich erlebte ich, wie mein Sohn über eBay eine Krabbeldecke ersteigerte. Dazu gehört eine Art Gestell, an dem man Spielzeug befestigen kann. Das Kind kann liegen, Arme und Beine schön ausstrecken – und hat was zum Gucken. Sehr praktisch, dieses eBay: fabrikneue Ware, aber viel billiger als im Laden. Kindersachen sind ja sonst recht teuer…

GrosselternReport: Kaufst Du jetzt doch manches?

Christine Schmitt-Schablitzki : Ich gebe zu, man kommt in Versuchung. Aber das Aufputzen der Kinder ist sowieso nur Eitelkeit der Erwachsenen. Den Kindern ist es egal und sie wachsen so schnell raus. Also, mein Beitrag sind die Windeln. Ich habe auch ein paar von den Baumwollwindeln „von früher“ besorgt. Als Unterlage für’s Köpfchen, wenn ich die Kleine auf den Arm nehme, sind die nicht schlecht bei den 37 Grad, die wir jetzt draußen haben.

Ansonsten haben wir ausgemacht, dass ich für Bücher und Holzspielzeug zuständig bin und nichts anderes. Eine Freundin will mir „Die kleine Raupe Nimmersatt“ geben, das Buch hat mein Sohn geliebt.

GrosselternReport: Was hat sich bei Dir selbst verändert?

Christine Schmitt-Schablitzki: Ich bin seltener in Internet-Foren, dafür treffe ich mich mit alten Freunden und betreue im Altersheim ehrenamtlich eine Dame von 96 Jahren.

Gerade freue ich mich auf einen viertägigen Fotokurs, den ich belegt habe: Digitalfotografie, Bildbearbeitung, Archivierung und so weiter. Sehr professionell und in kleinem Kreis. Ich hätte das auch als Nicht-Oma gemacht. Aber den Kinderfotos bekommt das bestimmt gut. Wenn ich da an die Fotos denke, die man früher hatte…

GrosselternReport: Welche meinst Du?

Christine Schmitt-Schablitzki: Die gestellten, steifen, vom Fotografen, mit künstlichem Hintergrund. Auf denen die Kinder fein angezogen und streng gescheitelt sind. Beim Kramen in Foto-Kartons habe ich allerhand davon gefunden. Meine Schwiegertochter fragte mich kürzlich: In welchem Alter konnte Dein Sohn laufen? Ich war mir nicht sicher, also wollte ich nachgucken. Dabei fiel mir übrigens auch das Silberhochzeitsbild meiner Oma Magdalena in die Hände.

GrosselternReport: Spielte sie für Dich eine große Rolle?

Christine Schmitt-Schablitzki: Nein, leider nicht, denn wir wohnten nicht zusammen und es war immer ein größerer Ausflug, im Krieg nach Frankfurt zu fahren. Heute bedauere ich das. Sie war eine kleine, liebe, gütige Frau, die unglaublich alt wirkte, wahrscheinlich wegen ihrer ewigen dunklen Kleider. Ich sah sie nur sechsmal im Jahr. Und habe sie seltsamerweise auch nie danach gefragt, wie sie gelebt hat.

Zwischen ihr als Oma und meiner Mutter als Oma liegen Welten. Man meint, die beiden trennen hundert Jahre. Dabei war die eine Jahrgang 1880, die andere Jahrgang 1908. Meine Mutter war völlig anders gekleidet und sehr aufgeschlossen. Sie lernte im Alter von 69 mit meinem Sohn zusammen noch Latein. Als technische Gewerbelehrerin konnte sie das auch.

Meine Großeltern mütterlicherseits lernte ich nie kennen. Ich besitze aber 50 Liebesbriefe, die sie einander schrieben. Da könnte man ein Buch draus schreiben. Ja, vielleicht keine so schlechte Idee: Familiengeschichte. Und Zeitgeschichte.

Zu „Oma Colorado: Das erste Mal“, Anfang der Serie