Ameisenbüchlein und Krebsbüchlein

Als ich Mutter wurde, überreichte mir meine Mutter mit bedeutungsvoller Miene das „Ameisen- und Krebsbüchlein“ von C.G. Salzmann, das ihr gehört hatte. Das als „wichtiges Erziehungsbuch“ angepriesene Werk sah nicht gelesen aus und ich habe auch nie reingeguckt.

Als es mir jetzt beim Aufräumen in die Hände fiel, habe ich das bedauert. Nicht weil ich (und meine Mutter bei mir!) dann den einen oder anderen Fehler vielleicht nicht gemacht hätte, sondern weil hier Pädagogik ohne theoretische Mäntelchen daherkommt. Salzmann braucht keine Erkenntnisse aus der modernen Hirnforschung, um zu erklären, dass Kinder besser lernen, wenn sie tätig sind. Beobachten reichte ihm.

Das „Krebsbüchlein“ ist, didaktisch clever, eine „Anweisung zu einer unvernünftigen Erziehung der Kinder. Es gibt da Mittel, „Kindern den Geschmack am Müßiggang beizubringen“: Stelle ihnen die Beschwerlichkeit der Arbeit vor. Oder „Mittel, Kinder gegen sich misstrauisch zu machen“: Belüge und hintergehe sie. Oder „Mittel, sich seinen Kindern zum Spott zu machen“: Befiehl, ohne nachzufragen, wie es befolgt wird. Drohe, ohne deine Drohungen zu erfüllen.

Die pädagogischen Fehler werden an praktischen Beispielen abgehandelt. Die Kinder heißen Melchior, Kaspar, Gustav oder Philippinchen. Die O-Töne klingen wie im Märchen: „Heute, dachte Karolinchen, will ich anfangen, recht gut zu sein, dass der liebe Vater, der so viel Mühe mit mir hat, seine Freude an mir sehen soll.“ Aber sonst ist vieles wie heute: Der Vater bemerkt die Bemühungen der Tochter nicht und liebkost statt ihrer den Mops, der heute vielleicht ein Golden Retriver wäre. Eltern prahlen mit eigenen „Jugendtorheiten“ und sind sauer, dass die Kinder sie wiederholen. Ein Mädchen, deren kleiner Bruder ihr Lieblingsspielzeug ruiniert, soll sich, so die Eltern, „nicht so haben“ – und entwickelt Hass auf ihn. Fritz wird bestraft, wenn er eine Schuld gesteht – und: „War es ihm zu verdenken, wenn er sich auf das Lügen legte?“

Das „Ameisenbüchlein“ ist eine „Anweisung zu einer vernünftigen Erziehung der Erzieher“, nicht der Kinder. Wer vielleicht gerade darüber nachdenkt, was man von einem Lehrer und Erzieher eigentlich verlangen darf, findet in Salzmann einen Vordenker. „Zugestanden, dass dein Zögling Fehler hatte, ehe du ihn bekamst. Warum hat er sie noch?“, formuliert er schlicht und einfach die Frage nach dem pädagogischen Geschick.

Salzmann, Pfarrer, Pädagoge und Vater von 14 Kindern, lebte vor über 200 Jahren in Gotha. Damals galten Maulschellen und Rute als Mittel, Kinder zu verbessern, was hieß, sie zum Gehorsam zu bringen.. Dass Salzmann Kinder und ihre Rechte ernst nahm, stieß bei Zeitgenossen auf Unverständnis. Sie betrachteten den Aufklärer als Ketzer. u.a.

Das „Ameisen- und Krebsbüchlein“ wird derzeit neu verlegt.