Ein Kind muss sich auch mal langweilen dürfen

Meine Enkelin geht lieber zu ihrer anderen Oma, die einen Hund hat. Bei mir ist es langweilig, sagt sie. Leider bin ich schon über 70 und gehbehindert und kann mit dem Kind nicht viel unternehmen. Was kann ich tun? Ich bin immer sehr glücklich, wenn sie bei mir ist.

Annagret Zabel, W.

Wenn Sie glauben, dass der Weg zum Herzen Ihrer Enkelin wirklich nur über Tiere führt, könnten Sie sich natürlich ein Aquarium oder eine Katze anschaffen. Aber das ist wahrscheinlich nicht nötig.

Reden Sie sich kein schlechtes Gewissen ein und glauben Sie nicht selbst, dass Sie langweilig sind. Unternehmungen finden nicht nur draußen statt!

Überhaupt: Sehen Sie die Bemerkung über Langeweile nicht so verbissen. Sie müssen eine Elfjährige nicht „bespielen“. Langeweile hat nämlich für Kinder durchaus etwas Positives: Susan Greenfield, Hirnforscherin und Professorin in Oxford, sagt darüber: „ Wenn ein Kind sich langweilen darf, erfindet es eigene Spiele, fängt an zu zeichnen oder zu lesen. Wenn es immer beschäftigt wird, kann das Gehirn diese Fähigkeiten nicht entwickeln. Ich halte Langeweile für sehr wichtig.“

Kleine Denkanstöße sind natürlich erlaubt. Schauen Sie sich in Ihrem Zuhause um, bieten Sie an, was sich da findet. Irgendetwas hier wird sicher auf das Interesse Ihrer Enkelin stoßen.

Vielleicht gibt es einen Sack mit Wollresten. Warum soll Ihre Enkelin nicht von Ihnen Häkeln lernen? Vielleicht sind Sie eine gute Köchin oder Bäckerin – probieren Sie mit dem Kind Rezepte aus oder geben Sie ihr „Familien-Geheimrezepte weiter, mit denen sie ihre Eltern überraschen kann. Lassen Sie sie in alten Fotoschachteln herumstöbern oder Sachen anprobieren. Spielen Sie Friseur, schreiben Sie zusammen eine Abenteuer-Geschichte…Vielleicht haben Sie noch einen richtigen Plattenspieler und alte Schallplatten…

Schaffen Sie kleine Rituale – und wenn Sie sich nur gemeinsam eine TV-Serie angucken, die sie beide mögen. Auch im Zeitalter der Computerspiele haben alte Brettspiele ihren Charme nicht verloren. Man lernt dabei sehr viel über den Charakter des anderen. Seien Sie einfach eine gnadenlose Mensch-Ärger-Dich-nicht-Spielerin. Oder was haben Sie seinerzeit mit Ihren Kindern gespielt?

PS: Vielleicht ist es tröstlich für Sie zu wissen: Die Beziehungen zwischen Großeltern und Enkeln sind selten stetig. Manchmal haben Enkel einfach wenig Zeit, z.B. wenn sie Arbeitsgemeinschaften besuchen, Sport treiben oder nach einem Schulwechsel gerade damit beschäftigt sind, neue Freundschaften zu knüpfen. Aus ähnlichen Gründen können auch Großeltern „verhindert“ sein. Später kommt es dann wieder zur Annäherung – lassen Sie nur zwischendurch den Kontakt nie ganz abreißen.