Was sind wertvolle Erbstücke?

Meine Oma wollte immer wissen, was wir mit ihren Sachen machen, wenn sie tot ist. Wenn sie darauf zu sprechen kam, habe ich abgewiegelt: Omi, du lebst doch noch ewig. Jetzt ist sie plötzlich gestorben. Ich habe ihre Lieblings-Kaffeetasse behalten und das „Familiensilber“ weggegeben. Vielleicht hätte sie das geärgert, vielleicht aber auch gerührt. Soll man mit Alten darüber reden, was man für ein wertvolles Erbstück hält und was nicht?

Verena Held, Gernrode

Wahrscheinlich wollten Sie mit Ihrer Oma nicht über das Erben sprechen, weil Sie nicht wahrhaben wollten, dass sie irgendwann sterben wird. Sie wird schon gelegentlich daran gedacht haben. Vielleicht muss man alt sein, um zu verstehen, dass man über den Tod unbefangen reden kann und sogar sollte.

Manchmal ergeben sich solche Gespräche aber gerade zwischen Großeltern und Enkeln, wenn diese noch klein sind. Im Alter zwischen acht und zwölf Jahren haben Kinder oft eine „philosophische Ader“, die sich mit der Befindlichkeit ihrer Großeltern trifft.

Erben ist ein großes Thema. Ich will jetzt nicht über die Erbstreitigkeiten reden, die in vielen Familien unweigerlich ausbrechen, wenn es um wirkliche Werte geht. Auch Sie erwähnen das „Familiensilber“, aber es ist Ihnen offenbar nicht wichtig.

Vielleicht wäre Ihre Oma wirklich erstaunt oder sogar verärgert darüber, dass Sie es nicht behalten haben. Abgesehen davon, dass es wirklich von materiellem Wert sein kann, hängen daran ja manchmal auch Familiengeschichten.

Meiner Oma war das Thema Erben auch wichtig. Weberin von Beruf und seit dem Tod ihres Mannes im zweiten Weltkrieg auf sich allein gestellt, hatte sie nicht viel zu vermachen. Trotzdem wollte sie – auf dem Umweg über „Erbgespräche“ – wissen, was von ihr bleibt.

Auch sie hat es nie erfahren. Aber, so hoffe ich, wenigstens ahnen können. Es ist ein Gefühl der Wärme und Geborgenheit. Ihre lausitzer Mundart mit dem rollenden „r“. Ihr schönes Gesicht. Ihre geschickten Hände, die auf einer altmodischen Singer-Tret-Nähmaschine Puppenkleider für meine Puppe Rita zauberten. Damals fand ich die gekauften schöner. Ihre Abneigung, Lebensmittel „umkommen“ zu lassen, vor allem Brot. Einige stehende Redewendungen und Lebensweisheiten, die sie zu zitieren pflegte und die als „Omas Sprüche“ an meine eigenen Kinder übergegangen sind. Ein Gefühl der Dankbarkeit, bedingungslose Liebe erfahren zu haben…

Ich führe jetzt ihr Kochbuch weiter, das neben Rezepten wie „Tante Florchens Eierschecke, sehr gut“ diverse Lebensweisheiten in Versform enthält. Ihr gerahmtes Foto steht in meiner „Ahnengalerie“ und manchmal entdecke ich Ähnlichkeiten mit meiner Tochter, die ihre Uroma nicht mehr kennen lernte.

Die Kaffeetasse Ihrer Oma hängen sicher viele Erinnerungen. Haben Sie Enkel, die Sie genüsslich daraus trinken sehen? Werden Sie jemals wagen, direkte „Erbgespräche“ zu führen? Ich bin mir bei mir selbst nicht so sicher und weiß auch nicht, warum…

Uta Alexander