Kann ich Leistungsdruck auf den Enkel mildern?

Mein Enkel hat eine Abi-Note von 3,2. Mein Schwiegersohn ist schwer erschüttert. Er hatte sich vorgestellt, der Junge würde einmal Rechtsanwalt oder Arzt, was damit aus seiner Sicht jetzt „gestorben“ ist. Sebastian wollte das ohnehin nie. Er lebt für die Musik, hat eine eigene Band. Seine Musik ist für mich, gelinde gesagt, unverständlich. Trotzdem kann ich nicht ertragen, dass er jetzt zuhause als „Verlierer“ gilt. Wie könnte ich gegensteuern?

Karl Mahn, Luckenwalde

Schwer zu sagen, ohne die Vorgeschichte zu kennen. Vermutlich hat es Ihren Enkel schon Mühe gekostet, überhaupt das Abitur zu machen. Das verdient immerhin Respekt.

Wahrscheinlich hat er die ganze Schulzeit über unter hohem Erwartungsdruck gestanden. Im Verhältnis zu den Eltern dürften sich einige Missverständnisse angehäuft haben. Kaum zu glauben, dass sie bis zuletzt gehofft haben, ihr Sohn würde den von ihnen vorgezeichneten Weg gehen.

Allen Erfahrungen nach ist es gut, wenn sich die Familie nicht als geschlossene Front gegen Ihren Enkel aufbaut. Auch wenn sich Jugendliche in Sebastians Alter nach außen orientieren, tut ihnen Rückhalt von vertrauten Verwandten gut. Offenbar ist das jetzt Ihre Rolle. Nehmen Sie sie wahr.

Jungen haben nach der Schule noch Zeit, sich zu entscheiden. Erst einmal kommen in der Regel Bundeswehr oder Zivildienst. In dieser Zeit kann sich in Sebastians Entwicklung einiges tun. Gerade im Zivildienst bliebe Zeit, weiter Musik zu machen. Sebastian könnte danach eine Lehre in einem verwandten Bereich anstreben, zum Beispiel Tontechniker. Dann hätte er zumindest einen beruflichen Abschluss, was vielleicht seine Eltern ein wenig entspannt. Ein passabler Kompromiss zwischen seinen und ihren Interessen.

Mit 3,2 ist auch ein Studium nicht ausgeschlossen, wenn auch nicht in Numerus-Clausus-Fächern. Es gibt in Deutschland immerhin über hundert mögliche Studienrichtungen. Vielleicht kann er sich für eine Richtung begeistern, die seine Interessen tangiert. Schauen Sie doch selbst einmal in die Studienführer.

Ich denke, Ihr Gefühl trügt nicht, wenn Sie für den Enkel ein Verlierer-Image verhindern wollen. Niemand sollte in jungen Jahren diesen Stempel tragen. In niemandes Leben geht alles glatt.

Die Alten sind dazu da, daran zu erinnern. Sie als Großvater haben den Jungen aufwachsen sehen. Sie hatten dabei genug Distanz, das Gute und das weniger Gute an ihm zu erkennen. Bestärken Sie Sebastian in dem, was ihm wichtig ist. Machen Sie ihm Mut, sich auszuprobieren. Wenn er Ihnen Selbstzweifel anvertraut, behalten Sie die für sich.

Finden Sie heraus, was an der Musik für ihn wichtig ist. Die Musik selbst? Texte? Die Atmosphäre der Auftritte? Was für Menschen sind seine Freunde? Spätestens seit den kometenhaften Karrieren von Bands wie Tokio-Express könnte es auch sein, dass Sebastian daran glaubt, entdeckt und berühmt zu werden…

Eines steht auf jeden Fall fest und das braucht man „erwachsenen“ Großeltern eigentlich nicht sagen: Fremdgesteuerte Lebenswege führen meistens ins Abseits. Bleiben Sie Ihrem Enkel ein Verbündeter, hören Sie ihm zu und fragen nach. Das ist das beste Gegensteuern zu übersteigerten Erwartungen ehrgeiziger Eltern.

Uta Alexander