Karin Kraufmann, 64: „Ich weiß, was eine Mumie ist.

…nämlich ein vertrockneter Mensch, der in Klopapier gewickelt ist, sagt mein Enkel.“

Die gelernte Schneiderin, die diesen Spruch notierte, hat drei Kinder und 13 Enkel. Ihr Sohn Lutz richtete ihr vor fünf Jahren eine Homepage ein. Dort veröffentlicht sie eigene Gedichte, Kinderzeichnungen und Geschichten, die sie für ihre Enkel schrieb. Rund 50 000 Mal ist sie angeklickt worden, das Gästebuch verzeichnete in kurzer Zeit an die 300 Einträge.

Jetzt zog Karin Kraufmann zu ihrer Tochter in die Wesermarsch und will ihre Site schließen. GrosselternReport sprach ihr.

GrosselternReport: Nähen Sie eigentlich noch?

Karin Kraufmann: Ich flicke Jeans, massenhaft, was aber nie lange hält, weil meine Enkel richtige Lausbuben sind. Und ich setze neue Reißverschlüsse in Anoraks ein… Nähen kann man das nicht nennen.

GrosselternReport: Ins Internet gerieten Sie eher unfreiwillig…

Karin Kraufmann: Ja, denn ich dachte: wer liest das schon? Früher hatte ich meine Mappe und wenn mir vom Gefühl her danach war, habe ich etwas geschrieben. Mit der Hand natürlich. Jetzt tippe ich am Computer, was viel einfacher ist für die alten Finger. Mein Sohn stellt es online. Und nun sind sogar Leute traurig, dass ich die Seite schließen will.

GrosselternReport: Warum wollen Sie denn das?

Karin Kraufmann: Ich bin mit meinem Mann zu meiner Tochter und ihren fünf Kindern gezogen. Nicht direkt zu ihnen, aber zwei Orte oder 25 Autominuten entfernt. Nachdem wir vorher sechs Jahre lang ein total ruhiges Rentnerleben hatten, empfinde ich das als Rückkehr mitten ins Leben. Ich habe es keine Minute lang bereut. Wenn vorm Haus die Autotüren knallen und die Kinder mir wie bunte Schmetterlinge ins Haus flattern, denke ich nicht ans Schreiben…

GrosselternReport: Wie finden die Enkel Omas Werke?

Karin Kraufmann: Denen kann ich inzwischen nicht mehr mit so was kommen. Sie sagen, Oma, das ist langweilig. Das gilt aber auch für ihre eigenen Werke, die auf meiner Site stehen. Sie gucken mal kurz drauf – und das wars. Fußball interessiert sie viel mehr. Einfach nur spazieren gehen wollen sie auch nicht. Nur mit Ball.

GrosselternReport: Traurig?

Karin Kraufmann: Nein, es ist recht lustig. Ich bin jemand, der gern beobachtet und genau hinhört. Neulich erklärte mir mein siebenjähriger Enkel, eine Mumie sei ein in Klopapier eingewickelter Mensch. Meine Enkel in Hamburg, fünf und neun Jahre alt, waren allein zu Haus, als es einen Feuerwehreinsatz gab, bei dem das Haus geräumt werden sollte. Sie weigerten sich, die Wohnung zu verlassen: „Es geht nicht, wir haben Stubenarrest“! Solche Sachen schreibe ich auf.

GrosselternReport: Liegt das Schreiben, Malen und Erzählen Ihnen „im Blut“?

Karin Kraufmann: Ich weiß nicht, ich bin ohne Vater aufgewachsen, er ist im Krieg geblieben. Meine Mutter hatte nie viel Zeit. Meiner kleinen Schwester habe ich aber immer selbst ausgedachte Geschichten erzählt. Später sollte ich mal Modezeichnerin werden, bekam aber Angst vor der eigenen Courage und wurde glücklicherweise schwanger. Ich bin wohl doch ein Familienmensch…

GrosselternReport: Auch schon als junge Frau?

Karin Kraufmann: Anfangs eher nicht. Mein Sohn kam im Vergleich zu seinen jüngeren Schwestern zu kurz. Ihn hat meine Schwiegermutter die ersten fünf Jahre lang betreut, denn mein Mann studierte und ich ging arbeiten. Ich merke erste jetzt, wie schön man mit kleinen Jungen spielen kann.

Es ist auch sehr spannend, denn sie leben in einer Patchworkfamilie. Der neue Partner meiner Tochter brachte zwei Söhne und eine Tochter mit. Das wirbelte die Geschwisterordnung um. Der Kleine war plötzlich nicht mehr der Kleine… Es gab Eifersüchteleien, Umbrüche und Veränderungen…. Anfangs hieß es zum Beispiel: Das ist meine Oma, nicht deine!

Das ist jetzt vorbei, alle haben zusammengefunden. Ich genieße es, wenn ich mal ein Kind allein habe und es so richtig verwöhnen kann, denn eine Oma darf das. Für das Kind ist es auch schön, mal etwas nicht gruppenweise zu machen, nicht Rücksicht nehmen zu müssen auf die anderen, sondern ganz allein im Mittelpunkt zu stehen.

GrosselternReport: Wie steht es bei soviel Wirbel mit der Ruhe und Ordnung für Sie selbst? Eher schlecht?

Karin Kraufmann: Ach was. Es gab eine Zeit, da hatten wir uns neu eingerichtet und es tat mir leid um die schönen Möbel. Dann kamen die Kleinen mit ihren Schmutzfingern und ich habe mir das sehr schnell abgewöhnt. Da mache ich halt sauber, wenn sie weg sind. Wir sehen uns auch nicht jeden Tag.

Die paar Jahre, die man gemeinsam hat, muss man jedenfalls nicht verderben, indem man die Enkel durch Putzen und Wischen und Herumkommandieren vergrault.