„Familienleben“

Niemand liest ein Buch nur weil eine Großmutter darin vorkommt. Bei „Familienleben“ aber ging es mir fast so. Wäre das Buch ein Film, wäre Großmutter Hedwig Glitzer, geborene Wasserstrahl, für mich Anwärterin auf den Oskar für die beste weibliche Nebenrolle.

Eigentlich ist Enkelin Fania, 13, die Erzählerin und Hauptheldin. Unsentimental und witzig berichtet sie über das Leben ihrer Familie im Hamburg Ende der 60iger Jahre. Es ist eine halb deutsche, halb jüdische Familie, die überlebt hat, wenn auch längst nicht vollständig. Die Nachgeborenen, Fania und ihre Schwester Vera, 17, wollen und sollen „normal“ sein, wie alle.

Das ist nicht einfach, wenn man eine Mutter hat, die bei jedem Klingeln an der Tür zusammenzuckt. Die ihre halb erwachsenen Töchter nicht ohne Begleitung ausgehen lässt. Und die es zum Ritual macht, den Vater, einen Vertreter für Brillen, vor jeder Geschäftstour so zu verabschieden, dass „alles gesagt“ wäre, wenn man sich am Ende der Woche nicht wiedersieht. Alma, nach außen hin strahlend vor Temperament, Schönheit und Intelligenz, rechnet zwanghaft mit dem Schlimmsten.

Immer ist Oma Hedwig da, die zusammen mit der Familie in einer maroden Villa lebt.

Eine 65 Jahre alte Frau, deren Haar einmal schwarz war. Die zum Ausgehen einen hellem Tuchmantel, dünne Handschuhe, Hütchen mit Schleier und ihre bauchige Handtasche mit Knipsverschluss trägt, darin Ausweis, Hausschlüssel, Prämiensparbuch von der Hamburger Sparkasse und ein nach 4711 duftendes Spitzentuch. Die sich zum Kartoffeln schälen eine Schürze vorbindet und ihren Stuhl in die Sonne rückt. Die den Esstisch nicht unaufgeräumt verlassen kann und sich niemals im Nachthemd zum Frühstück setzen würde. Die von ihrer Tochter für die Haushaltskasse angepumpt wird. Die vorgekochtes Essen in Federbetten warm hält und sich amüsiert, wenn Vera sich das Haar toupiert wie die persische Kaiserin Farah Diba. Die mit Enkelin Fania ihre Freundinnen im Altersheim besucht, weil sie ungern mit den Alten allein sein will… Eine normale Oma, wie alle.

Oder doch nicht. Denn die Jüdische Gemeinde liefert ihr zu Pessach Mazze und es gibt Streit, weil die Nachbarn die Kartons nicht vor dem Haus sehen sollen. Sie hat ein Gebetsbuch, das sie von hinten aufschlägt und rückwärts liest. Sie hat ihr eigenes Vokabular und ihre eigene Logik: Warum müssen zehn Männer zum Beten beisammen sein, ehe Gott es hört, fragt die Enkelin. Warum nicht zehn, antwortet sie.

Das Altersheim ist ein jüdisches Altesheim und die Freundinnen dort bilden mit Hedwig das „Theresienstädter Kränzchen“. An jedem ersten des Monats erhält Hedwig Glitzer eine kleine Summe als Wiedergutmachung „wegen Verfolgung, Haftentschädigung und Berufsschaden“. Einmal im Monat gibt sie jeder Enkelin davon zehn Mark.

Aus Nebenhandlungen und Nebensätzen setzt sich das Bild von Hedwigs Leben zusammen:

Ihr Schwiegersohn Paul ist zwanzig, als er als Untermieter bei ihr einzieht und sich in die Tochter verliebt, die damals so alt ist wie Vera heute. Hedwig, lange vom Ehemann verlassen, lässt sie im verwaisten Ehebett schlafen, gewöhnt sich das Rauchen ab und schenkt den beiden zwei goldene Ringe, „um die Verbindung ihrer jüdischen Tochter mit dem jungen Goj gut und achtbar zu machen vor ihren Augen“. Heiraten durften sie nicht mehr. Das hieß Rassenschande.

Viel Unglaubliches ist vorgegangen. Die Enkelin muss es ahnen oder raten. Denn „oft bleibt die Großmutter stumm und scheint ohne Sprache zu sein vor der Erinnerung“, so kommt es Fania vor.

An einem Frühlingstag stirbt Hedwig in Fanias Armen. Die Milch, die sie gerade geholt hatte, versickert im Flur. Autorin Viola Roggenkamp schuf hier eine Szene, die mir den Atem stocken ließ, weil ich fürchtete, die Intimität des Augenblicks zu stören.

Aber das ist noch nicht das Ende des Buches, das eigentlich die Geschichte von Fanias Selbstfindung ist.

Viola Roggenkamp, „Familienleben“,
Fischer Taschenbuch Verlag, ISBN 13-978-3-596-16591-9