Oma vermiest meinem Sohn die geliebten Comics!

Mein Sohn(9) mag nur Comics. Meine Mutter (65) ist darüber entsetzt. Gib ihm lieber ein gutes Buch in die Hand, sagt sie. Comics sind Bücher für Doofe. Ich bin froh, dass der Junge überhaupt liest und nicht immer nur im Fernsehen herumzappt. Sind Comics denn so verkehrt?

Kathrin Geißler, Berlin-Köpenick

Liebe Kathrin,

Comics können gerade für Jungen der Einstieg zum Lesen sein. Die Kombination von Bild und Text soll sogar zu einer guten „Vernetzung“ das Gehirns beitragen, weil mehrere Sinne zugleich angesprochen werden. Sie sind schön dünn, man kann sie tauschen …

Zur Beruhigung Ihrer Mutter: Comic und Buch schließen einander nicht aus. Es gibt erwachsene Vielleser, die neben der Belletristik gern zum Comic greifen. Denn der ist ja eigentlich ein eigenständiges Medium mit eigenen künstlerischen Gesetzen. Natürlich gibt es gute und schlechte, wie bei Büchern auch. Für den Fall, dass sie nur kennt, was sie für „Schund“ hält: Der berühmteste deutsche Comic ist „Max und Moritz“. Wie wär’s wenn Oma und Enkel gemeinsam darin blättern?

Der Weg zum Buch führt manchmal auch über Zeitungen und Zeitschriften, in denen sich kurze Texte und Bilder bzw. Fotos finden. Beim Sohn meiner Freundin waren es Auto-Zeitschriften.

Besorgt müsste Ihre Mutter nur sein, wenn Ihr Sohn generell das Lesen ablehnt. Wie die PISA-Studie zeigte, haben viele Kinder heute Lese-Defizite, besonders Jungen. Das „schnellere“ Leben, vielfältigere Freizeitangebote und Fernsehen bewirken, dass sie zum Lesen wenig Geduld aufbringen. Schon beim Vorlesen können sie sich nicht lange konzentrieren. Bilder, die beim Lesen im Kopf entstehen müssen werden ihnen vom Fernsehen ja sonst frei Haus geliefert.

Möglichkeiten, Freude am Buch zu wecken, gibt es trotzdem:

Vorlesen schafft die Grundlage. Anfangs sollten es nicht mehr als fünf bis zehn Minuten sein. Lassen Sie das Kind selbst die Seiten umblättern. Stellen Sie Zwischenfragen und gehen Sie auf Fragen des Kindes ein. Zum Beispiel, wenn es ein scheinbar abwegiges Detail bei den Illustrationen entdeckt hat. Manchmal entspinnen sich daraus interessante Gespräche und man findet dann „erfrischt“ zum Buch zurück.

Die klassische Gute-Nacht-Geschichte bleibt lange ein heiß geliebtes Ritual. Auch mit neun Jahren ist man dafür nicht zu alt. Es gibt Kinder, die kleine, abgeschlossene Erzählungen oder Märchen lieben. Andere mögen Fortsetzungsgeschichten mit einem immer gleichen Helden. Wieder andere finden es gut, wenn eine Geschichte an einer spannenden Stelle abbricht und dann am nächsten Tag weitergeht. Finden Sie heraus, was am besten ankommt. Natürlich wechseln die Vorlieben mit der Zeit.

Großeltern haben manchmal noch Bücher von den Eltern der Kinder. Enkeln macht es Spaß zu hören, wie Mama oder Papa damals, in ihrem Alter, darauf reagierten. Das kann ein Leseanreiz sein.

Wenn Sie beim Vorlesen merken, dass der Text zu schwierig wird, sprechen Sie ruhig eine Weile frei weiter. Nutzen Sie auch Hörbücher. Das ist keineswegs „Vorlesen zweiter Wahl“. Die Profi-Vorleser machen erwecken Texte zum Leben, sie schulen das Hören und damit auch das eigene Lesen. Viele Kinder-Hörbücher sind so gut, dass auch Erwachsene daran Spaß haben. Wir haben bei längeren Autofahrten immer eine kleine Auswahl dabei.

Entscheidend ist die Auswahl der Bücher. Wenn Sie unsicher sind: Ein Hauptheld, der etwa so alt ist wie das Kind, kommt meistens gut an. Gehen Sie gemeinsam in Buchläden oder Büchereien und stöbern herum. Reden Sie dem Kind seinen Favoriten nicht aus, auch wenn Sie z.B. Pferdebücher doof finden. ( Antiquarite, Büchereien und Tauschbörsen sparen Geld)

Gerade Ältere, wie wohl auch Ihre Mutter, glauben immer noch, ein „gutes“ Kinderbuch müsse „lehrreich“ sein, also belehren. Inzwischen hat sich die Erkenntnis durchgesetzt: Kinderbücher sollen in erster Linie Spaß machen. Jungen stehen eher auf Abenteuer und Phantastik. Das Abtauchen in eine „verrückte“, möglichst unwirkliche Welt mit viel Technik inspiriert sie und entschädigt für die Mühe des Lesens. Mädchen stehen auf Freundschaften, Magie, spannende Schicksale und – gern auch „verrückte“- Familien.

Ob ein Kind widerwillig oder gern liest, zeichnet sich im so genannten Erstlesealter ab, also mit sieben und acht Jahren. Manche Jungen und Mädchen kommen da nur schwer über die Phase hinaus, in der jeder Satz regelrecht entziffert wird. Bleiben Sie geduldig, loben Sie. Reden Sie lieber über den Inhalt des Textes als über das Lesen an sich.

Geben Sie die Sache nicht verloren. Der Sohn meines Kollegen Dieter W. kam erst mit 14 zum Lesen. Der Trick seines Vaters: Er verbot ihm ein Buch mit den Worten: das ist nichts für dich! Am nächsten Tag stand an dieser Stelle ein Kochbuch im Bücherschrank, getarnt mit dem Schutzumschlag des „Giftschmökers“. Das Buch selbst lag beim Sohn unterm Kopfkissen.

Uta Alexander