„Kiwis“ stärken Kindern den Rücken

Kinder brauchen eine Lobby. Davon sind die Initiatoren des neuen Studienganges„Angewandte Kindheitswissenschaften“ an der Fachhochschule Magdeburg-Stendalüberzeugt. „Zwar wird gern beteuert, dass Kinder die Zukunft der Gesellschaft sind, aber in der gesellschaftlichen Realität spielen sie keine zentrale Rolle“, meint Prof. Dr. Eva Luber.

Deshalb engagierte sie sich für den in der Bundesrepublik bisher einmaligen Studiengang, bei dem das Thema Kind absolut im Mittelpunkt steht. Er soll die Studenten befähigen, sich in der Gesellschaft effizient für die Bildung und Gesundheit von Kindern und Jugendlichen einzusetzen.

Seit dem Wintersemester 2005 werden die ersten „Kiwis“, wie sie kurz genannt werden, an der Fachhochschule ausgebildet. „Angewandte Kindheitswissenschaften“ ist ein Querschnittsfach, das Erkenntnisse aller Disziplinen umfasst, die für Kinder und Jugendliche relevant sind.

Dazu zählen neben Pädagogik und Psychologie, Soziologie und Anthropologie/Ethnologie auch die Gesundheits- und Neurowissenschaften. Außerdem vermittelt werden fundierte Kenntnisse der Kinderrechte, der nationalen und europäischen Kinder-, Familien-, Sozial-, Bildungs- und Gesundheitspolitiken, sowie der Organisation und Praxis von Erziehungs-, Bildungs- und Gesundheitsinstitutionen.

„Die Mischung ist wichtig“, erklärt die Studiengangsbeauftragte Dr. Beatrice Hungerland. Man bekomme einen anderen Blick auf die Situation von Kindern, wenn man sie nicht nur von einem Spezialgebiet aus betrachtet.

Viele der heute akuten Fragen hängen miteinander zusammen: Arbeitslosigkeit der Eltern, Kinderarmut, soziale Ungerechtigkeit bei den Bildungschancen, Übergewicht und schlechter Gesundheitszustand von Kindern. Die Probleme erforden die Zusammenarbeit von Experten. Diese zu organisieren, soll die Aufgabe der Kindheitswissenschaftler sein. Sie verstehen sich als Lobbyisten der Kinder, die in jeder Lebenslage deren Interessen im Blick haben.

Wie nötig das ist, zeigt zum Beispiel die aktuelle Diskussion um die Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Da werden die Befindlichkeiten von Eltern, die Meinungen von Arbeitgebern und Politikern erörtert – wie es den Kindern dabei geht, danach fragt kaum jemand.

Oder Hartz IV. Das ist auch ein Problem von Kindern. Viele leiden darunter, wenn die Eltern lange arbeitslos sind. Nicht nur, weil das Geld knapp ist. Sondern auch wegen der psychischen Folgen, deren Tragweite bisher kaum zu ermessen sind.

Das Interesse an dem neuen Studiengang ist groß. Für 30 Plätze gab es über 300 Bewerber. Jetzt, nach dem ersten Semester, sind noch 29 Kommilitonen dabei. Einige haben schon Berufserfahrungen, etwa als Hebamme, Kinderkrankenschwester oder als Leiterin einer Kita. Andere engagieren sich ehrenamtlich für Kindersport oder Jugendtheater. „Das ist eine spannende Mischung, von der alle profitieren“, meint die Studiengangsbetreuerin.

Die beruflichen Möglichkeiten nach dem Anschluss des sechssemestrigen Bachelor-Studienganges sind breit gefächert. Als Kindheitsexperten können sie sowohl in direkten Kindereinrichtungen, also Schulen, Kita, Kinderheimen als auch in sozialen Einrichtungen arbeiten. Möglich ist ein Einsatz in kommunalen, Landes- und Bundesgremien oder in nationalen oder internationalen Organisationen für Kinderrechte.

Dass die Kiwis gefragt sein werden, deutet sich bereits an: „Obwohl die Kindheitswissenschaftler erst im zweiten Semester sind, werden ihnen schon Praktika in Schulen und anderen Kindereinrichtungen angeboten“, beobachtet Beatrice Hungerland.