Modemacherin und Oma: Isa Henselmann, 64, fünf Töchter, zehn Enkel

Zierlich, mit kurzem braunen Haar, schmalen Hüften und einer gewagten Hornbrille wirkt die Berlinerin so gar nicht mütterlich oder gar omahaft. Doch sie hat fünf Töchter und zehn Enkel, für die sie Ruhepunkt und Anlaufstelle ist. Henriette, Florentine, Helene, Franziska und Luise mit den Kindern Lukas, Oskar, Cäsar, Felix, Pepe, Kilian, Emil, Mathilda, Isabell und Lara, das älteste 15 Jahre, das jüngste fünf Monate alt.

Ich sag am liebsten, ich zieh Leute an

Den Begriff Modemacherin mag Isa Henselmann nicht: „Ich sage lieber, ich ziehe Leute an.“ Früher waren es ihre Töchter, die Schwestern, Freunde und Bekannte. Heute sind es Berlinerinnen jeden Alters, quer durch alle Berufsgruppen.

„Zu dicke Beine, zu wenig Busen, zu üppige Taille, zu langer Hals …“ zählt die gelernte Kostümgestalterin auf, die penibel Bauchumfänge und Armlängen nachmisst, die sie ohnehin richtig schätzt. „Keine ist mit sich zufrieden.“

Sie weiß, es ist vergeblich, einer Frau ihre Makel auszureden. Sie verschwendet auch keine Mühe darauf. Lieber hilft sie entdecken, was schön und betonenswert ist. Mit Farben, Stoffen und Schnitten setzt sie rotes Haar, zarten Teint, blaue Augen oder frauliche Formen in Szene: „Hab Mut! Versteck dich nicht! Zeig, wer du bist. Wag mal einen Stilbruch.“

Es klappt. Ganz ähnlich funktioniert auch ihre Taktik als Mutter und Großmutter.

Isa Henselmann betreibt ein Atelier in der Kastanienallee im Szenebezirk Prenzlauer Berg. Diese Straße gilt als kultige Modemeile. Aber sie ist auch jene Gegend im Berliner Osten, in der man noch immer mehr Einheimische als Touristen sieht. Boutiquen, Friseurgeschäfte, Souvenirshops, Tante-Emma-Läden, Buchhandlungen, Galerien, Schule, Biergarten und Kneipen reihen sich hier aneinander.

Familie? Wir sind eher eine Frauengruppe

„Mir ist ein Standort mit vielen jungen Leuten wichtig“, sagt Isa Henselmann. „Ich will vermeiden, dass meine Produktion ältlich und brav wird.“ Dass sie einen Arbeitsort in der Nähe der Wohnungen ihrer Töchter wählte, versteht sich von selbst. „Wir sehen uns als Frauengruppe. Wir halten zusammen. Dass wir unterschiedlichen Generationen angehören, rückt dabei in den Hintergrund.“

Diese Haltung ist keine Familientradition, sondern einfach ein Gebot der Zeit. „Heute ist alles anders als in meiner Jugend“, erklärt die Berlinerin, die früher an der Staatsoper und dem Metropoltheater Künstler für ihre Rollen ausstattete. Keine ihrer fünf Töchter hatte je einen festen Arbeitsvertrag. Sie bekommen als junge Mütter nur Zeitverträge oder arbeiten projektweise. Isa Henselmann: „Das ist kein Grund zum Klagen. Man muss lernen, damit umzugehen. Also flexibel sein, nach außen leben, Kontakte knüpfen und nicht warten, bis einer anruft und einem etwas anbietet.“

Leben ist Kommunikation, meinte mein Vater. Stimmt!

„Menschen verbinden“, entspricht dem Lebensstil, den Isa Henselmann die eigene Familie vorgab. Die Tochter des Architekten Hermann Henselmann, wuchs mit sieben Geschwistern auf. Ein Haus für die Familie baute der Vater nie. In seiner Zeit als Direktor der Hochschule für Baukunst in Weimar lebte er mit Frau und Kindern direkt in der Hochschule.

Isa Henselmann: „Mein Vater sagte immer: Leben ist Kommunikation.“ Damit war der „Chef-Architekt der DDR“ seiner Zeit voraus.“ Er hatte die Vorstellung, dass die Bewohner der Berliner Paradestraße „Stalinallee“ in Gemeinschaftsräumen gemeinsame Aktivitäten entwickeln würden. Seine Architektur sollte dafür Raum bieten.

Wer die Wohnbauten in der heutigen Karl-Marx-Allee besichtigt, stößt auf breite Flure und großzügige, beinahe festlich wirkende Dielen. Toter Raum, der unnötig Betriebskosten macht, würde mancher heute sagen. Isa Henselmann, die in einem dieser Gebäude wohnt, dem ehemaligen „Haus des Kindes“ am Strausberger Platz, füllt sie mit Leben. Sie veranstaltet dort und in der eigenen Wohnung kleine, feine Modenschauen mit Musik. Ihre Töchter sind dabei und helfen. Backstage wühlen Enkel mit den Kindern der Models in Kisten voller Gürtel, Tücher und Mützen.

Ich hab geheult, als ich Oma wurde

Großmutter zu werden, war für die fünffache Mutter alles andere als das ersehnte Glück. „Ich habe geheult“, bekennt sie. „Es kam einfach viel zu früh, ich hatte ja selbst noch kleine Kinder.“ Die Hoffnung, bald die zehn Jahre ihres Berufslebens aufholen zu können, die sie durch die Kinder verloren hatte, schien sich zu zerschlagen. „Ich hatte von mir das Bild einer Katze mit sieben Leben: Kindheit, Junges Mädchen, junge Frau, Mutter, erfüllende Berufstätigkeit – und erst viel später Großmutter und Greisin. Jetzt kam plötzlich alles zusammen. Ein Schock. Es gab Jahre, da stellten sich gleich drei Enkel auf einmal ein.

Pragmatisch fand sich Isa Henselmann damit ab: „Man wird Oma, indem man Oma ist. Es bestand so etwas wie eine stumme Absprache. Meine Töchter konnten sich darauf verlassen, ich federe Härten ab.“ Härten, das waren Beziehungskrisen, Trennungen von Partnern, Zeiten fast ohne Geld, – auf beiden Seiten.

Ich war sogar schon Fluchthelferin für meine Tochter

Sie hütete erkältete Babys, holte kleine Jungen vom Sport ab, bastelte Kostüme fürs Schultheater. Sie betätigte sich als konspirative Fluchthelferin für eine Tochter, die ihren Mann verlassen wollte und packte heimlich die Taschen mit dem Nötigsten. Sie nahm vier kleine Jungen mit in den Urlaub. Gerade erst schickte sie zwei Töchter in einen Kurzurlaub nach England, weil sie das Gefühl hatte, sie brauchten dringend mal Abstand vom Alltag. Natürlich übernahm sie für diese Zeit die Kinder. Es klappte. Entspannt und tatenfroh kamen die Schwestern zurück.

Maikäfer im Bett sollten meine Oma vergraulen

Eine Großmutter, von der sie so etwas hätte lernen können, besaß Isa Henselmann nicht. „Die Oma väterlicherseits intrigierte gegen meine Mutter. Wir Kinder mochten sie nicht und haben sie mehr oder weniger vergrault“, bekennt Isa Henselmann mit einem Anflug von Reue. „Wir legten dieser Oma Drahtbürsten ins Bett und Schlimmeres, zum Beispiel Maikäfer…“

Die Mutter ihrer Mutter Irene erlebte Isa Henselmann nur zwei Jahre lang. Dann wurde die Familie durch den Mauerbau getrennt. Doch die Zeit reichte, um eine zärtliche Bindung entstehen zu lassen. „Diese Großmutter war Malerin, kreativ, unkonventionell und fast ein wenig verrückt, wie ich selbst“, erinnert sich Isa Henselmann. „Sie malte ihre Schuhe passend zum Kleid an. Eine tolle Idee in der Nachkriegszeit, in der man improvisieren musste. Sie war immer beschäftigt. Ich konnte mit ihr malen, wenn ich wollte. Oder einfach nur reden. Ich hatte nie das Gefühl, ich komme zu einer alten Frau, wenn sie mir die Tür öffnete.“ Geblieben von dieser Großmutter ist für Isa Henselmann die Vision davon, wie eine Oma sein sollte.

Ich erziehe meine Enkel nicht, ich bin lieber selber Kind

Die 64jährige hat sich diesem Bild mehr angenähert als sie selbst ahnt. Sie ist offen für die Enkel, aber sie lässt sich nicht in Rollen zwängen. „Ich sage meinen Töchtern: Ich erziehe eure Kinder nicht. Das ist eure Arbeit. Ich werte nicht und verteile keine Zensuren“, stellt sie etwa klar. Diese Abstands-Haltung erlaube ihr zum Beispiel, mit vier lebhaften Enkeln in den Urlaub zu fahren, ohne sich gestresst oder überanstrengt zu fühlen: „Dann bin ich eben selbst Kind, mit ihnen zusammen.“

Isa Henselmann schützt sich auch vor Enttäuschungen: „Ich bin kein Kaufhaus für Lebensinhalte“, meint sie. „Ich dränge niemandem Vorgaben auf. Die Kinder haben mich darauf trainiert, einfach glücklich zu sein, wenn ich an ihren Leben teilhaben darf. Schlimm wäre, wenn sie glaubten, ich erwarte Dankbarkeit.“

Eine Großfamilie kann auch mal auf jemanden verzichten

Ihre eigene Lebensgeschichte lehrte Isa Henselmann die Vorteile einer Großfamilie. Der wohl wichtigste: „Man kann auch mal auf jemanden verzichten. Es gibt wechselnde Bündnisse. Wenn nicht ich es bin, ist jemand anders aus der Sippe da, der Probleme abfedert. Man leistet einander keinen Treuschwur. Es kommt auch mal vor, dass sich einer zwei Jahre nicht meldet. Wir alle wissen, der kommt wieder.“

Eine anderer: „In Familien mit nur zwei Kindern werden diese oft miteinander verglichen. Jeder hat da seine Rolle. Der eine ist der Liebe, der andere der Böse.“ Isa Henselmann meidet Schablonen: „Jeder hat mal so seine Phasen… Rückzug, Auseinadersetzung und wortlose Eintracht wechseln einander ab“, ist ihre Erfahrung.

Schwiegermutter kocht Putzlappen? Na und, ich nicht!

Mitunter rückte eine Schwiegermutter an ihre Stelle in die erste Reihe und die Tochter ging auf Konfrontation: Die Schwiegermutter ist viel häuslicher! Die kann ganz toll kochen. Die kocht sogar die Putzlappen aus und du nicht… Isa Henselmann lacht: „So etwas kommt vor. Man darf sich vor solchen Attacken nicht verstecken.“ Ihre Lebensschule seien ihre Schwestern gewesen. Manchmal verliebten sie sich in ihre Freunde. Manchmal war es umgekehrt. Das gab Zoff. Aber früher oder später immer eine Versöhnung.

Isa Henselmann, die Leute-Anzieherin, ist eine leidenschaftliche Beobachterin. Es ist für sie spannend, ihren Lebenspartner Helmut als Opa zu erleben. Der zehn Jahre jüngere Architekt hat keine eigenen Kinder. „Helmut ist ein Systematiker, er liebt Ordnung. Die Enkel bringen ihm oft alles durcheinander“, erzählt Isa Henselmann. „Er hat ziemliche Angst davor.“ Gerade deshalb finde sie die Kinder wichtig: „Sie lösen Verspannungen und Knoten und helfen Prioritäten zu setzen.“

Helmut ist kein Schmuseopa, aber Fels in der Brandung

Helmut sei nicht der Schmuseopa, zu dem man ins Bett springt. Trotzdem hätten die Enkel eine große Zärtlichkeit für ihn entwickelt. Isa Henselmann: „Die Männer in unserer Familie kamen und gingen. Er ist immer da. Ein Fels in der Brandung. Die Kinder kriegen von ihm immer vernünftige Antworten. Und er steht zu ihnen, selbst wenn sie was ausgefressen haben.“

Isa Henselmann fragt ihre Enkel niemals aus. Da erfahre man sowieso nichts. „Wie war es in der Schule? Hm, äh, normal…“, imitiert die 64jährige lachend einen angeödeten Teenager. „Ich habe gelernt, auf Nebensätze zu hören und zuzusehen bei dem, was sie tun. Die Kinder sind so konzentriert bei ihren Leidenschaften. Wenn Pepe auf Dinos steht, Isabel von Pferden schwärmt oder Mathilde, die Verkleidungskünstlerin, die Prinzessin gibt, dann ist das spannend für mich.“ Gut möglich, dass Oma manchmal mehr von ihren Enkeln weiß als deren Eltern.

Die Enkel kommen oft in ihr Atelier. Es ist extra dafür eingerichtet. Es gibt ein Gärtchen, ein Bett, eine winzige Küche. „Ich arbeite, sie arbeiten. Ich gebe ihnen Scheren und Stoff in die Hand. Sie spielen zwischen den Kleiderständern. Ich denke, das wird in den Köpfen bleiben.“

Mein Traum wäre eine Kita für Alleinerziehende

Isa Henselmanns bisher unverwirklichter Traum ist eine Kita für Alleinerziehende, in der Omas und Opas mitwirken. Und seien es fremde. Sie sollten in der Nähe leben, ausreichende Rückzugsmöglichkeiten allerdings vorausgesetzt. Die WG-Erfahrungen der 60iger und 70iger Jahre stehen Pate. Ein Bastel- und Reparieropa für die Jungs, wäre Isa Henselmann wichtig. Ein Klavieropa für die musische Erziehung… Sie stellt sich ein geschützt gelegenes Haus in der Stadt vor, das Garten, Werkstätten und Sportgelegenheiten bietet. Und das auch dann offen wäre, wenn die Kita schließen, die Eltern aber weiter arbeiten und nicht in den Urlaub fahren.

„Mein Partner Helmut entwirft als Architekt altersgerechte Wohnanlagen. Das ist nicht gut genug. Es wächst nicht mit“, sagt sie. „Die Alten wollen gebraucht werden. Bei unserem Modell wäre es auch kein Drama, wenn jemandem etwas geschieht. Das könnte abgefedert werden. Man kann auch mit einer Oma im Rollstuhl spazieren gehen.“