Marianne Heß, Initiatorin von „Großeltern-pro-Enkel“

Marianne Heß, 63, aus Braunschweig gründete im April 2003 die „Großelterninitiative“, heute Großeltern-pro-Enkel, als Selbsthilfegruppe. Sie will verhindern, dass Großeltern bei Scheidungen und Trennungen kurzerhand mit entsorgt werden.

Betroffene betrachten ihr Schicksal meist als Einzelfall. Das ist es nicht, wie der große Zulauf der Initiative zeigt. Deren Adressliste umfasst inzwischen rund 500 Einträge. Anfragen kommen aus aller Welt.

1000 Euro Strafe für Oma:

Marianne Heß, Gründerin von Großeltern pro Enkel, durfte ihren Enkel nicht anrufen, ihm nicht mailen, schreiben oder faxen. Päckchen-Schicken war verboten und wenn sie dem Kind zufällig begegnete, sollte sie die Straßenseite wechseln. GroßelternReport sprach mit ihr.

GroßelternReport: Frau Heß, Sie sind selbst eine betroffene Großmutter…

Marianne Heß: Ja, mein Sohn ist geschieden und hat einen Sohn, meinen Enkel, heute zwölf Jahre alt. Seit neun Jahren kämpft der Vater um einen regelmäßigen Umgang mit seinem Kind. Seit fünf Jahren kämpfe ich als Großmutter für das Umgangsrecht meines Enkels mit mir.

GroßelternReport: Wie konnte es soweit kommen?

Marianne Heß: Meine Schwiegertochter mag mich nicht. Im Laufe der Jahre hat sie das Kind so manipuliert, dass mein Enkel jetzt, wenn er bei der Mutter befragt wird, sagt: „Ich möchte Oma nicht sehen, die macht meine Mutter immer schlecht.“ Konkretisieren konnte er das noch nie.

GroßelternReport: Hat sich das Oma-Enkel-Verhältnis dadurch „abgekühlt“?

Marianne Heß: Ich glaube nicht. Er weiß, dass ich immer für ihn da bin, ihn niemals im Stich lassen werde, egal, was passiert. Ist mein Enkel bei seinem Vater, verstehen wir uns prächtig und gehen ganz normal miteinander um. Wir nehmen uns sogar jetzt, wo er schon zwölf Jahre alt ist, in den Arm, wenn er kommt und wenn er geht. Er möchte auch noch, dass ich ihm Gute-Nacht-Geschichten vorlese.

GroßelternReport: Sprechen Sie mit dem Kind über den Konflikt?

Marianne Heß: Eigentlich soll man Kinder nicht damit belasten. Konflikte ganz auszuklammern, ist auch nicht der richtige Weg für Kinder. Sie müssen lernen, damit umzugehen.

Seit der Junge älter ist, fragte ich ihn aber schon mal, warum er bei Befragungen sagt, er will mich nicht sehen. Darauf weiß er keine Antwort. Ich versichere ihm: Wenn du mich nicht sehen möchtest, sage es mir, ich bin dir nicht böse. Darauf antwortet er, er möchte mich sehen, er findet das Zusammensein gut und hat nichts gegen mich.

GroßelternReport: Wie erklären Sie sich das Schwanken?

Marianne Heß: Das ist eindeutig PAS, das Parental Alienation Syndrom, das elterliche Entfremdungssyndrom. Der Elternteil, der das Kind hat, möchte den anderen Elternteil und die Großeltern dahinter, am liebsten die gesamte „andere“ Familie ausgrenzen. Kinder brauchen aber für ihre Entwicklung und für ihren Lebensweg ihre Wurzeln, ihre gesamte Familie.

GroßelternReport: Wie stürzen Kinder in Loyalitätskonflikte?

Marianne Heß: Indem man sie hineinzieht, wenn zwischen den Erwachsenen die Chemie nicht stimmt. Die Kinder können nichts dafür, leiden aber nachgewiesenermaßen sehr darunter. Meine Schwiegertochter z.B. lädt Verantwortung auf die Schultern ihres Sohnes, indem sie sagt: “ Es ist das Kind, welches nicht will. Ich habe nichts dagegen, dass er zur Oma geht.“ Ein Kind derart zu belasten, finde ich unverantwortlich.

GroßelternReport: Besteht inzwischen wieder Kontakt zu Ihrem Enkel?

Marianne Heß: Ich habe bisher nur diesen einen Enkel. Aber der Kontakt ist leider unbeständig: Lange Zeit durfte ich ihn gar nicht sehen, dann wieder nur telefonieren.

Einmal schaffte es meine Schwiegertochter sogar, über eine einstweilige Anordnung ohne Anhörung zu erreichen, dass ich nicht auf der Straße langgehen durfte, wo er wohnt, wo seine Schule war, ihn nicht anrufen durfte, nicht mailen, nicht schreiben, nicht faxen, keine Pakete schicken und wenn wir uns zufällig begegnen, sollte ich die Straßenseite wechseln und so tun, als kennen wir uns nicht. Wie muss sich ein Kind in dieser Situation fühlen?

Das Ganze abgefasst von der Rechtsanwältin meiner Schwiegertochter wie für einen Verbrecher, unter Androhung von 1.000,00 Euro Strafe. Alle waren entsetzt, niemand konnte es verstehen, dass so etwas überhaupt möglich ist.

GroßelternReport: Dazu bedurfte es doch sicher eines handfesten Grundes?

Marianne Heß: Nein, leider nicht. Zum Anlass wurde genommen, dass ich, übrigens mit zwei Zeugen, am Eingang des Zeltlagers dem Betreuer das meinem Enkelkind versprochene Taschengeld in einem geschmückten Umschlag (mit Herzen und Glückskäfern drauf) und ein Detektivbuch übergab, mit der Bitte es meinem Enkel zu bringen. Laut Gerichtsbeschluss durfte ich das.

GroßelternReport Sie haben offenbar einschlägige Gerichtserfahrung…

Marianne Heß: Ja, und ich hatte, genau wie mein Enkel, auch mit einer Gutachterin zu tun. Sie bescheinigte uns eine innige Bindung und ein liebevolles Miteinander.

Das Gericht interessierte das offenbar überhaupt nicht. Mehrfach fand ein Richterwechsel statt und jedes Mal wurde das Kind (von der Mutter gebracht) wieder neu angehört, mit dem Ergebnis, es wolle mich nicht sehen. Dieses Gutachten hat übrigens 5000,00 € gekostet. Ich bezahle heute noch dafür. Viel lieber hätte ich für meinen Enkel gespart.

GroßelternReport: Hat denn nie jemand auf Schlichtung hingewirkt?

Marianne Heß: Leider mehr auf Zurückziehen, erst mal Ruhe einkehren lassen. Das ist Friedhofsruhe und vollkommen falsch für die Kinder, was Fachleute mittlerweile eindeutig bestätigen. Kinder geben sich selbst die Schuld, wenn Oma und Opa nicht mehr kommen. Ein Richter brachte meine Schwiegertochter dazu, mit mir zu reden. Wir sollten uns innerhalb von zwei Monaten einigen.

Ich riss mir die Beine aus, versuchte alles, ließ mich von meiner Schwiegertochter beschimpfen, erniedrigen und gängeln, damit mein Enkel mich sehen konnte. Sie gab sich gar keine Mühe, ließ mich einfach am ausgestreckten Arm verhungern. Noch nicht einmal Weihnachten durften wir uns eine Stunde sehen.

Ich gab nicht auf und es gelang mir, erst im Beisein meiner Schwiegertochter, dann allein, mit meinem Enkel zusammen zu sein, insgesamt sechs oder sieben Mal. Später kam der Gerichtsbeschluss, der alles wieder zunichte machte und unverständlicherweise einen Umgang ganz ausschloss. Ich legte Beschwerde ein beim OLG. Hier gab es eine (unrechtmäßige, weil in Rechte Dritter eingreifende) Vereinbarung, wonach ich meinen Enkel alle zwei Monate vier Stunden während des Vaterwochenendes sehen darf. Was für ein Quatsch!

GroßelternReport: Warum?

Marianne Heß: Damit stehle ich Vater und Sohn die ohnehin schon knappe Zeit miteinander. Ich stimmte dieser Vereinbarung aber notgedrungen zu, denn das Gericht gab mir zu verstehen, dass es sonst gar keinen Umgang geben würde.

Inzwischen hat meine Schwiegertochter erneut Klage (Prozesskostenhilfe bewilligt!) eingereicht beim Amtsgericht. Sie will erreichen, dass auch diese (ihre)Vereinbarung wieder gekippt wird und ich meinen Enkel gar nicht sehen soll. Ich frage mich: Denkt hier nur einer an das Kind?

GroßelternReport: In Ihrem Fall scheinen die Fronten besonders verhärtet zu sein. Für andere Großeltern konnten Sie mit Ihrer Großeltern-Initiative aber schon sehr viel bewirken. Worauf sind Sie besonders stolz?

Marianne Heß: Stolz bin ich darauf, dass wir durch viel Lesen zur Thematik und viele Gespräche mit Fachleuten und Betroffenen sehr viel gelernt haben. Wir haben am Anfang manches falsch gemacht. Jetzt können wir versuchen, es besser zu machen. Davon profitieren Großeltern, die zu uns kommen. Nur noch wenige gehen bis zum Gericht. Oft können die Probleme im Vorfeld oder mit Hilfe der Jugendämter oder Beratungsstellen und unserer Unterstützung gelöst werden.

GroßelternReport: Sie haben auch schon im Bundestag von sich reden gemacht…

Marianne Heß: Ja, unsere Öffentlichkeitsarbeit bewegt einiges. Durch Petitionen beim Bundestag erreichten wir, dass alle Länderparlamente der BRD die Empfehlung erhielten, die Cochemer Praxis einzuführen. Viele Länder und Städte sind dem schon gefolgt.

Unsere Meinung ist auch gefragt bei dem „Gesetz zur Reform des Verfahrens in Familiensachen und in den Angelegenheiten der freiwilligen Gerichtsbarkeit“ welches in Berlin zur Zeit vorbereitet wird.

GroßelternReport: Wächst die Solidarität der Großeltern untereinander?

Marianne Heß: Natürlich, denn niemand kann heute mehr sicher sein, dass seine eigene Familie intakt und beisammen bleibt.

Wir Großeltern haben ein großes Stimmenpotenzial. Es werden täglich mehr, die sich nicht mehr unter dem Tisch verkriechen wollen, sondern sich auch mit den Elternteilen solidarisieren, denen ihre Kinder entzogen werden.

Großeltern erscheinen zahlreich auf allen einschlägigen Veranstaltungen und Demonstrationen, um unsere Interessen zu artikulieren. Alle Aktivitäten finanzieren wir selbst.

GroßelternReport: Glauben Sie, dass ein Umdenken einsetzt und Großeltern-Enkel-Beziehungen ernster genommen werden?

Marianne Heß: Wir glauben fest daran. Kinder und Jugendliche haben in diesen Fällen keine eigene Lobby. Wir setzen uns für sie ein. Es wird natürlich noch dauern, aber es führt kein Weg daran vorbei, dahin geht auch die FGG-Reform. Die Cochemer Praxis ist der Königsweg!

Bei jährlich rund 215.000 Kindern aus Trennung und Scheidung, insgesamt mittlerweile über 5.000.000 betroffenen Kindern in Deutschland, kann einfach niemand mehr die Augen und Ohren vor ihren Sorgen verschließen, die auch ihre Großeltern belasten.

GroßelternReport: Wo sehen Sie Hürden?

Marianne Heß: Eine ist: Familienrichter haben keine Ausbildung als Familienrichter, Fortbildung wird nur wenig in Anspruch genommen. Befragungen der Kinder etwa werden nicht sach- und fachgerecht durchgeführt. Die Frage „möchtest du zu deinen Großeltern?“ ist zum Beispiel völlig fehl am Platze. Das Kind wird „nein“ sagen, sogar wenn es zu Oma und Opa möchte. Das geschieht zwangsläufig, wenn im Umfeld, wo es lebt, die Großeltern abgelehnt werden. Vor allem, wenn es dort richtiggehend manipuliert wird vor solchen Befragungen, was meistens der Fall ist.

GroßelternReport: Welche Fragen wären aus Ihrer Sicht besser?

Marianne Heß: Besser wäre, das Kind z.B. zu fragen, „Was hast du mit deinen Großeltern immer so unternommen, haben sie dir Gutenachtgeschichten vorgelesen, mit dir gespielt? Wie habt ihr Weihnachten, Ostern, Geburtstage oder andere Feiern oder Ferien miteinander verbracht …

Richter arbeiten autonom, das muss auch so sein. Es darf aber nicht dazu führen, dass Richter auf dem hohen Ross sitzen und meinen, es wäre alles richtig, was sie beschließen. Ich habe mal gelesen, ein Richter sollte sich immer wieder hinterfragen, besonders in dem so sensiblen Bereich des Umgangs- und Sorgerechts. Es geht hier schließlich um Kinder, um Menschen und nicht um irgendeine Sache.

GroßelternReport: Wie sehen Sie in Zukunft die Rolle der Gutachter?

Marianne Heß: Gutachter sollten lösungsorientiert arbeiten und nicht entscheiden, wer ist böse, wer ist gut! Das hat nämlich weit reichende Folgen: Gerichte stützen sich in Ermangelung anderer Möglichkeiten gern auf Gutachter-Empfehlungen und machen sie sich zu eigen.

GroßelternReport: Machen es sich auch die Jugendämter zu leicht?

Marianne Heß: Mitunter schon. Sie haben sehr große Macht. Oft gilt bei ihnen noch die Devise, Kinder gehören zu den Müttern bzw. ausschließlich den Eltern. Gibt es Probleme unter den Erwachsenen, werden zum Nachteil der Kinder ganze Familien auseinander gerissen. Man nimmt die Befindlichkeiten der Erwachsenen ernster als die ureigenen Interessen der Kinder.

GroßelternReport: Sie sagen, Familie ist für Kinder wichtig, egal, in welcher Form. Wie meinen Sie das?

Marianne Heß: Ich wünsche mir ein komplettes funktionierendes familiäres Umfeld für jedes Kind, damit es gesund heranwächst. Dazu gehört die Großeltern-Generation mit ihrer eigenen Sicht auf die Welt. Es ist gar nicht möglich und nötig, dass das Verhältnis immer konfliktfrei ist.

Würden sich Jugendämter, Richter, Rechtsanwälte und Beratungsstellen diese eigentlich so selbstverständliche Erkenntnis zu eigen machen, wäre die„Großeltern pro Enkel“ Initiative überflüssig. Wir würden dann gern Leih- Großeltern werden. Überflüssig sind wir aber leider noch lange nicht.

Wir haben ganz große Hochachtung vor den Eltern mit Kindern, die ein gutes Miteinander der Generationen hinbekommen. Ganz wichtig: Verantwortungsvolle Eltern, die ihre Kinder wirklich lieben, sollten respektieren und akzeptieren: Enkelkinder lieben ihre Großeltern und kein Kind verzichtet freiwillig auf Oma und Opa.

Rechtssprechung zu PAS