Dicke Oma, dicke Enkelin. Lebenswandel wird vererbt

An Übergewicht und Diabetes der Jugend von heute sind die Sünden der Großeltern schuld. Die Fresswelle in den 1950er Jahren und die Allgegenwart der Zigaretten wirken sich auf sie aus. Diese These vertritt Marcus Pembrey, Genetiker am University College London.

Er präsentierte Ende 2005 zwei große Studien. Untersucht wurden etwa 14 000 Anfang der 1990er Jahre geborene Briten und deren Vorfahren. Ergebnis: Wessen Vorvater vor der Pubertät geraucht hatte, brachte mit neun Jahren deutlich zu viele Pfunde auf die Waage.

In dieselbe Richtung geht eine Untersuchung in der schwedischen Gemeinde Överkalix (Webcam) an Nachkommen von 303 Männern und Frauen der Jahrgänge 1890 bis 1920, deren Lebensumstände exakt dokumentiert waren. Auch sie hatten ihren individuellen Lebensstil vererbt. Nahrungsüberangebot verkürzte die Lebensdauer ihrer Enkel. Mangel ließ diese überdurchschnittlich lange leben.

In beiden Studien zeigte sich der Effekt nur innerhalb des gleichen Geschlechts: Von Opa zum Enkel, von der Oma zur Enkelin.

Wie lässt sich das erklären? Bisherige Modelle der Vererbung taugen dazu nicht. Danach galt es als Zufall, welche Veranlagungen ein Kind erbt. So können Enkel Opas Augenfarbe haben – oder auch nicht. Je nachdem, welche von Vater und Mutter überkommene und „gemixte“ Gen-Ausstattung sich bei ihnen in den Vordergrund geschoben hat.

Die Effekte des Rauchens und Schlemmens der Alten für die Enkel zeigten sich hingegen immer und dann auch noch geschlechtsspezifisch. Da kann von Zufall keine Rede sein, meint Forscher Pembrey.

Was ist es dann? Verständnishilfe kommt von der Epigenetik, einer jungen Disziplin der Genetik. Sie untersucht die Wirkung von Umweltfaktoren auf die Gene. Ihre Erkenntnisse legen nahe, dass Prägungen durch den Lebensstil vererbbar sind. Nikotin etwa beeinflusst Keimzellen. Auch Experimente an Tieren bestätigen das.

Durch welche Signale die Vererbung genau funktioniert, ist noch nicht klar. Ebenso wenig, warum die Effekte nur innerhalb bestimmter Zeitfenster auftreten. Also zum Beispiel, warum nur der Tabakkonsum des Großvaters in früher Jugend so deutliche Folgen hat, sein spätes Rauchen aber nicht.

Die Forscher suchen den biologischen „Sinn“ der Vererbung des Lebenstils. Pembrey tippt auf eine Art „Stress-Sensor“: „Epigenetische Botschaften melden den Nachkommen in Krisenzeiten: Wachse schnell, pflanze dich rasch fort.“ Das wäre in einer feindlichen Umwelt ein Überlebensvorteil gewesen. Heute ist das Gegenteil der Fall. Die Nachkommen zahlen „Temposteuer“ in Form höherer Krankheitsrisiken wie Fettsucht.

Was heißt das nun für Großeltern? An der Vergangenheit können sie schließlich beim besten Willen nichts mehr ändern.

Leben Sie heute gesund und schieben Sie den schwarzen Peter zurück: „Die wichtigsten Ursachen für Übergewicht bleiben neben genetischen Faktoren das zu reichliche Nahrungsangebot und Bewegungsmangel.“, tröstet Dr. Anke Hinney von der Rheinischen Universität Essen.

(Quelle: Apotheken Umschau 1. Mai 2006)