Was tun mit gefundenen Familienfotos?

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(Foto: Stefan Maria Rother, Photographie)

Meistens stecken sie in Schuhkartons, verblichen wie ihre einstigen Besitzer. Unsortiert, undatiert, dafür auf der Rückseite versehen mit launigen Kommentaren wie „prima Hut!“ oder „mein kleiner Liebling“. Professionelle Wohnungsentrümpler verschwenden keine Emotionen darauf. Sie wissen, die bräunlichen Bilder auf stabiler Pappe bringen auf dem Flohmarkt noch einen Euro pro Stück und mehr. Mit dem Rest wird nicht lange gefackelt, der kommt ins Altpapier.

Schwerer tun sich mit fotografischem Nachlass Kinder und Enkel. So Dieter Sellmann, 61, aus Berlin, der gerade das Haus seiner Mutter Wilma räumt. Sie zieht in die Demenz-WG eines Seniorenheims. Gequält blättert der Bauleiter in den Fotoalben der 81-Jährigen: „Sind das Mutters Schwestern, Tanten, Freundinnen...? Keine Ahnung. Mutter kann ich nicht fragen, sie erkennt nicht einmal mehr sich selbst. Aber alles weghauen? Nee, oder...?“

Private Archive - Fundgrube für Vergangenheitsforscher

Im Zweifel immer fürs Aufbewahren plädiert Irene Ziehe, Fotokuratorin im Museum Europäischer Kulturen in Berlin. Wer geerbte Fotosammlungen wirklich nicht behalten will, könne sie dort gern anbieten. Allerdings sind auch Ziehe und Kollegen die abgelichteten Menschen ziemlich egal. Kulturhistoriker spüren dem Lebensgefühl bestimmter Epochen nach, nicht Einzelschicksalen. In Begeisterung versetzen sie Aufnahmen, die neue Details über Wohnweisen, Kleidung, Frisuren oder andere Facetten des Alltags preisgeben. Selbst berüchtigte Einschlafhilfe-Motive wie „Tante Erna vorm Eifelturm“ oder „Tante Erna vor den Niagarafällen schrecken die Vergangenheitsforscher nicht ab. „Je mehr davon, desto besser“, sagt Ziehe , „denn erst ab einer gewissen Menge kristallisiert sich ein Trend heraus.“ Wohin diese Erna fuhr, wie sie sich mit Blick auf die späteren Betrachter daheim präsentierte, was sie als Erinnerung für sich selbst im Bild festhielt, - alles lasse Rückschlüsse zu auf die Entwicklung des Reiseverhaltens.

Historische Pressefotos - potenzielle Sammlerstücke

Rudolf Kicken, Inhaber einer Galerie für künstlerische Fotografie in Berlin, sichtet von Berufs wegen fotografische Hinterlassenschaften professioneller Fotografen. Das sind neben Auftragsarbeiten auch rein private Fotos. Beides kann für die Nachwelt hoch interessant sein. Kicken muss entscheiden, was er ankauft und was nicht. „Es hängt davon ab, was verwertbar ist“, sagt er. „Ein großer Name zieht, aber auch spektakuläre Motive.“

Oft hat er den richtigen Riecher. Sicherte beispielsweise den Nachlass Helmut Newtons für Berlin oder zog Werke des großen Fotografen Heinrich Kühn bei dessen Verwandten unterm Bett hervor und stellte sie erfolgreich aus. In Kickens Tresor lagert aber auch Material, das er vor über 30 Jahren erwarb, noch weitgehend unberührt. Wird es niemals attraktiv für Museen oder private Sammler? „Ich gucke manchmal rein“, bekennt der Galerist, “vielleicht sind die Sachen ja gereift, wie guter Käse. Auch der Zeitgeist heilt so manches...“ Der 63jährige hat gelernt zu warten. Als Kenner des internationalen Foto-Kunstmarktes besitzt er ein Gespür für Trends und Werte. Sein aktueller Geheimtipp sind alte journalistische Fotos aus Agenturen und Archiven. Sie werden derzeit aus Platzgründen verschleudert wie Brötchen vorm Ladenschluss oder unbesehen vernichtet. „Ein unverzeihlicher Fehler“, findet Rudolf Kicken. „Manches Zeitdokument entpuppt sich später als Kunstwerk.“

Knipserbild oder Kunst? Die Übergänge sind fließend

„Die Übergänge zwischen Gebrauchsfotografie und Fotokunst sind fließend“, weiß auch Katharina Hausel, Fotografiehistorikerin und Dozentin am Berliner Lette-Verein. Sogar „Knipserbilder“ von Amateuren seien kein Müll. Seit in den 40er Jahren Fotoapparate erschwinglich wurden, lichten Menschen ab, was ihnen im Leben wichtig ist: Taufe, Heirat, erster Schultag, erstes Auto... Zunächst sparsam, denn Film war teuer. Später geradezu inflationär. Aber stets unbeeindruckt vom öffentlichen Geschmack und voll innerer Bewegung. „Diesen Bildern haftet ein Geheimnis an, das schwer zu beschreiben ist“, findet Hausel. „Sie sind wertvoll.“ Im New Yorker Metropolitan-Museum gab es vor Jahren eine Ausstellung solcher anonymer Schnappschüsse, zusammengetragen auf Trödelmärkten. Verblüfft soll eine schwarze Besucherin darunter ihren Großvater erkannt haben. Plötzlich war er Teil eines Kunstwerkes. Die Frau war stolz. Eine andere hätte geklagt.

Selbst anonyme Fotos sind rechtlich geschützt

Denn grundsätzlich hat jeder Mensch das Recht am eigenen Bild. Das heißt, dass nur der auf einem Foto Abgebildete selbst darüber bestimmen darf, ob und in welchem Zusammenhang es veröffentlicht wird. Fotos unterliegen auch dem Urheberrecht. Selbst bei anonymen Werken erlischt das erst 70 Jahre nach der Schaffung bzw. Veröffentlichung. Und sogar dann kann sich noch ein Rechtsnachfolger finden und Rechte anmelden. Es ist also leichtsinnig, mit Fotofunden nach Lust und Laune zu hantieren, selbst im Familienkreis, wo sich leicht jemand hintergangen fühlen kann. Wer also nicht plötzlich in Liebe zu gefundenen Fotos entbrennt, belastet sich denn auch selten damit und schmeißt sie weg. Mit später Reue ist zu rechnen.

Jede Generation trifft ihre eigene Wahl

„Woher sollen wir wissen, was wir morgen brauchen?“ fragt Katharina Hausel. „Fotos sind kondensierte Erinnerungen. Menschen behalten am liebsten nur die guten. Manchmal werden aber auch die schlechten Erinnerungen wieder gebraucht Was dann?“

Es kann vielleicht wirklich nicht schaden, ein Bild aufzubewahren, auf dem man 10 Kilo Übergewicht hatte, einen Ex-Freund oder das Porträt eines verhassten Vorfahren. Vieles erscheint Jahre später in einem anderen Licht. Wohl war man fett, - aber dafür so jung! Auch bei historischen Ereignissen wechseln mit der Zeit die Perspektiven. So hatte beispielsweise Maurice Weiss von der Fotoagentur Ostkreuz, ein Chronist des Mauerfalls, 20 Jahre später ganz andere Auswahlkriterien für seine Jubiläumsausstellung als aus der Sicht mittendrin. Hausel: „Bestimmt interessiert die nächste Generation wieder etwas ganz anderes als uns. Ich denke, wir haben deshalb eine Verpflichtung, vieles aufzuheben.“

Papierfotos sind eine aussterbende Spezies

Galerist Kicken steuert noch ein rein sachliches Argument bei: „Wir leben in einer Umbruchsphase. Die Zeit der analogen Fotografie geht zuende. Sie hat nur rund 200 Jahre gedauert und wir sind die letzten, die sie erlebten.“ Die Kinder von heute wüssten schon nicht mehr, was ein Negativ ist, ein Kontaktabzug oder eine Vergrößerungsmaschine. Und so furchtbar viel Platz nähmen Fotos nun wirklich nicht weg. Kicken: „Wenn in einem ominösen Schuhkarton voller Papierbilder nur ein einziges Foto dabei ist, das später einmal jemandem Freude macht, war er das Aufheben wert!“

Auch Dieter Sellmann sollte demnach die bei seiner Mutter gefundenen Fotos weglegen und einfach ruhen lassen. Manche Leute, wie Marlies, Moderatorin im Forum Ahnenforschung, haben in ihrer Wohnung eine „Ahnenecke“. Marlies lagert dort auch Opas Maßkrug und Pfeife und Omas Lackschuh und sogar Krankenscheinhefte mit inzwischen schon hundert Jahre alten Rechnungen. Ihr kleines Privatmuseum erweist sich oft als Gesprächsthema bei Familientreffs und für Gäste.

Die mit Papierfotos sozialisierte Generation 50+ hat nicht nur mit den Hinterlassenschaften ihrer Eltern ein Problem, sondern auch der ihrer Kinder. „Gerade zog unsere Tochter aus“, berichtet Arndt.K.,ein Vater aus Berlin. „Es blieb ein Stapel Zeug zurück, darunter CDs. Alles Fotos, sie hatte kein Interesse mehr daran.“ Er frage sich, ob sich durch die permanente Möglichkeit, sich und andere zu fotografieren, der Umgang mit Bildern grundsätzlich ändere. Aber wie? Einerseits scheinen sie nur für den Moment bestimmt zu sein. Andererseits, auf Facebook online gestellt, für die Ewigkeit. Der Mann rettete erst einmal die Bilder der Tochter ohne ihr etwas davon zu sagen. „Ich bin gespannt, wie sie reagieren wird, wenn es nach Jahren herauskommt.“

Tipps zum Umgang mit alten Familienfotos:

  1. Niemals unbesehen wegwerfen
  2. Ort, Zeit und Inhalt der Aufnahme möglichst genau herausfinden und die Fotos beschriften
  3. Prüfen, wer der Autor ist bzw. Rechte hat
  4. Interessante Motive und Personen aufbewahren, im Original und digital gesichert
  5. Wertvoll sind „Vintage Prints“, d.h. nach dem Negativ vom Fotografen selbst gemachte Abzüge, das ist auch Jahre nach der Aufnahme noch möglich.
  6. Historische Originalfotos oder Kunstfotografien können online oder auf dem Flohmarkt zum Verkauf angeboten werden. Es gibt die unterschiedlichsten Kategorien, z.B. Technik oder Sehenswürdigkeiten. Manche Sammler interessieren sich auch für die Stempel der Fotografen
  7. Bei einigen Nachlässen (z.B. von Menschen in ungewöhnlichen Berufen oder Prominenten) lohnt sich eine Rückfrage beim Museum, ob ev. ein Ankauf gewünscht wäre
  8. Wer mehrere Kinder hat, kann sein Familienarchiv digitalisieren und jedem Kind mitgeben.
  9. Bei digitalen Fotos: Bei besonderen Motiven lohnt sich ein hochwertiger Ausdruck, denn Datenträger können mit der Zeit kaputtgehen.
  10. Fotobücher bieten sich an, wenn man gern Fotos in der Hand hat, aber Originale schonen will

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Veröffentlicht am 1. Oktober 2010. (598 Tage alt) in Ratgeber
 

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