Wird meine minderjährige Tochter doch noch eine gute Mutter?
Meine Tochter ist 16 und hat im August 2009 ein Baby bekommen. Sie lebt bei uns mit ihrem Sohn. Seitdem sie 12 Jahre alt ist haben wir große Probleme mit ihr. Wir sind damals zur Erziehungsberatung gegangen, von dort zu Psychologen. Nach massiven Wutausbrüchen und Agressionen wurde vom Jugendamt (das wir um Hilfe baten) eine Inobhutnahme durchgeführt. Sie kam in eine betreute Wohngruppe, konnte sich auch dort nicht anpassen. Schließlich wurde sie schwanger.
Wir haben lange überlegt, was wir tun sollten. Nachdem sie sehr oft im Krankenhaus war und sie weinte, dass sie nach Hause möchte, haben wir sie wieder aufgenommen. Das Baby bekam sie 3 Monate später. Es ist ein ganz liebes Kerlchen, wir können es uns gar nicht mehr ohne ihn vorstellen. Meine Tochter verhielt sich zunächst super und kümmerte sich auch um ihn. Aber in letzter Zeit verfällt sie immer mehr in ihr altes Verhaltensmuster. Wir arbeiten mit dem Jugendamt zusammen und sie haben uns eine Mediatorin zur Seite gestellt, die wöchentlich kommt. Sie sieht aber keine große Chance für meine Tochter, dass sie sich ändert.
Meine Tochter wollte nun gerne alleine wohnen und dann jeden Tag nach Hause kommen, um den Kleinen zu sehen. Die Mediatorin hielt es für sinnvoll und vereinbarte für alle einen Termin beim Jugendamt. Die Mitarbeiter lehnten die Idee aber ab. Sagten, meine Tochter müsse sich 100%ig um den Kleinen kümmern. Würde sie ausziehen, dürfe der Kleine nicht bei uns wohnen bleiben. Bleibt sie bei uns und ändert sich nicht, darf er auch nicht bei uns bleiben.
Wir haben uns bei einem Rechtsanwalt erkundigt. Der meinte, wir hätten keine große Chance auf das Sorgerecht. Haben Sie Erfahrungen mit solch schwierigen Fällen? Wir sind ansonsten eine gute Familie. Beide haben gute Berufe. Und keine Probleme mit dem Sohn. Gibt es Hoffnung? Ute K.
Heute antwortet Susanne Liebherr:
(Susanne Liebherr 44, ist Heilpraktikerin für Psychotherapie im Therapie-Zentrum TZT Wermelskirchen)
Liebe Ute,
Ihre Tochter scheint ein "schwieriger Fall" zu sein. Seit sie zwölf Jahre alt ist, gibt es das Jugendamt, Wohngruppen, Moderationen. Also eine Menge Stress, Behördengänge, gesetzliche Vorschriften etc. Sicherlich kein angenehmes Leben für Sie und auch nicht für Ihre Tochter.
Trotz aller Widrigkeiten und langjähriger Differenzen mit Ihrer Tochter liegt sie Ihnen doch am Herzen. Und die junge Frau scheint Interesse für ihr Kind zu haben und vor allem Verantwortung dafür übernehmen zu wollen. Trauen S i e Ihrer Tochter nach allem, was Sie mit ihr erlebt haben, zu, es großzuziehen?
Wenn ja, dann bedarf sie vielleicht auf Grund ihrer Unerfahrenheit Ihrer Unterstützung, nicht Ihrer Übernahme. Es fühlt sich für mich aus der Entfernung so an, als ob viele Menschen und Institutionen bei Ihnen mitmischen, und das Eigentliche - Sie als Familie, Ihre Tochter und Ihr Sohn - dabei verloren gehen. Es scheint mehr um was muss sein und wer bestimmt was zu gehen, als darum was will Ihre Tochter.
Vielleicht traut man ihr aufgrund ihrer Vergangenheit nicht die nötige Verantwortung zu. Vielleicht hat man sogar recht damit. Aber was, wenn nicht? Vielleicht hat gerade das Reglement aus Jugendamt und Mediatorin dazu geführt, dass die 16-Jährige aus Protest in ihre alten Verhaltensmuster zurückgekehrt ist?
Jugendamt? Das kennt sie, beurteilt und beobachtet werden von anderen, vor allem amtlichen Institutionen...
Es scheint vor allem und immer wieder darum zu gehen, dass Ihre Tochter sich ändern muss. Wenn dem so ist, ist vielleicht eine geeignete liebevolle therapeutische Begleitung der ganzen Familie sinnvoll. Eine Begleitung, mit der alle lernen können loszulassen, wieder zu vertrauen, Verantwortung zu übernehmen und den eigenen Weg zu finden. Das kann in schwierigen Situationen eine ZuMUTung sein - aber in diesem Wort steckt das Wort MUT. Mut bedarf es von beiden Seiten. Mut, einer jungen Frau zuzugestehen, Mutter zu sein und einfach nur unterstützend zu wirken. Mut aber auch von ihrer Seite - Verantwortung zu übernehmen, auch wenn das Leben ihr diese Verantwortung bisher nicht zugestanden hat. In VerANTWORTung steckt das Wort "Antwort". Es geht um die Antwort, die jeder auf sein Leben zu geben hat.
Was also ist die Antwort, die Ihre Tochter auf das Leben und auf ihr Baby zu geben hat?
Sie war auf einem guten Weg, als sie wieder nach Hause wollte und sich um ihr Kind kümmerte. Trauen Sie ihr zu, dass es weiter schafft, damit Sie sich irgendwann zurücklehnen und Ihre Oma-Rolle genießen können! Rom wurde auch nicht in einem Tag erbaut und Eltern sein ist ein lebenslanger Lernprozess. Wer von uns hat denn alles richtig gemacht? Wer hat von Anfang an gewusst, wie es geht? Ich denke, ein neuer Erdenbürger kann die Chance sein, einen neuen Weg zu finden. Auch für Ihre Tochter.
Susanne Liebherr
Kontakt zu Susanne Liebherr: liebherr@tzt-wermelskirchen.de
Anmerkung von GroßelternReport:
Bitte lesen Sie nach, was bei GroßelternReport zum Thema Verwandtenpflege geschrieben steht. Es ist eine Serie aus drei Artikeln, am Ende des ersten finden Sie Links zu Teil 2 und 3.
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