Gar nicht peinlich - Mit Opa auf Lehrstellensuche

Petra Madyda: "Entscheidend bei der Berufswahl ist die eigene Idee, nicht der Wunsch der Eltern."
GroßelternReport (GR) sprach mit Petra Madyda, Direktorin des Lette-Vereins, über einen erstaunlichen Trend: Großeltern engagieren sich verstärkt bei der Berufswahl der Enkel
GR: Seit einiger Zeit beobachten Sie, dass die Großeltern mit Jugendlichen zu ihnen ans Berufsausbildungszentrum kommen, nicht die Eltern. Wie erklären Sie sich das?
Petra Madyda: Mit Großeltern ist es wohl weniger peinlich... (lacht) Im Ernst, die sind mehr Old Scool. Sie sehen mit ihren 60, 70 Jahren anders aus als Eltern, sie fragen unbefangen, sie erzählen viel... Sie sind eben ein bißchen anders. Trotzdem schämen sich die 16-Jährigen nicht für sie, im Gegenteil. Das Verhältnis ist meist sehr liebevoll und entspannt.
Eltern sind weniger locker, wenn es um die Ausbildung des Kindes geht...
Ja, oft bauen sie schon lange vor dem Ende der 10. Klasse Druck auf. Sie wollen wissen, wie es danach weitergeht, sie machen Stress. Das Kind ist aber gerade 16 und hat nur vage Ideen, was es einmal werden will. Manches hat zu gar nichts Lust. Eltern machen sich dann natürlich Riesensorgen.
Großeltern sicher auch. Wo ist der Unterschied?
Eltern sind heute beruflich oft so stark eingebunden, dass ihnen kaum noch Zeit bleibt. Die Generation davor ist meist schon im Ruhestand und kann sich einbringen. Also entlasten Großeltern die Eltern. Das funktioniert gut. Großeltern sind inzwischen genauso fit, haben Zugang zu Informationen im Internet und den Medien, - und sie nutzen Netzwerke aus ihrem früheren Berufsleben. Diese Nachkriegs-Generation ist ungemein rührig und gibt nicht so schnell auf.
Und noch etwas zählt: Die emotionale Nähe zu den Enkeln ist groß, gerade in der Pubertät, wenn sich die Kinder von den Eltern abnabeln. Oma und Opa halten dann die Verbindung.
Es ist nicht einfach, einen unschlüssigen Teenager zu motivieren. Was ist der erste Schritt?
Wichtig sind Anregungen, möglichst greifbare, sinnliche. Das klingt jetzt vielleicht sehr nach Eigenlob, aber es ist meine Erfahrung: Wer es schafft, einen solchen frustrierten Jugendlichen zu uns ins Berufsausbildungszentrum zu bringen, hat schon eine große Hürde genommen. Unser Haus verfehlt selten seine Wirkung.
Was macht Sie da so sicher?
Das Klima ist spürbar gut. Am Tag der Offenen Tür stehen alle Werkstätten offen. Ältere Schüler sind da, man kann sie ausfragen und kriegt eine ehrliche Meinung. Man kann sich über Ausbildungsinhalte informieren. Auch Einzeltermine an anderen Tagen sind möglich. Wer überhaupt eine Ausbildung ins Auge fasst, geht von uns auf jeden Fall mit sehr konkreten Anregungen nach Hause. Das Arbeitsleben hat weitaus mehr zu bieten als man ahnte. Es gibt zwischen Kfz-Mechaniker, Kosmetikerin, Tischler oder Friseurin und Jurist oder Arzt hoch interessante, anspruchsvolle Berufe!
Zum Beispiel?
Metallograph. Das kann man in Deutschland nur bei uns am Lette-Verein werden. Man arbeitet danach in der Materialforschung, Materialprüfung oder -entwicklung an Instituten, in der Flugzeugindustrie oder Chemiebetrieben. Das ist nur ein Beispiel. Wir bilden in vier großen Berufsbereichen aus: Technik, Design, Gesundheit und Hauswirtschaft. Es ist also für jeden etwas dabei. Insgesamt stehen elf Berufe zur Wahl, alle mit großen Perspektiven. Die Einstellungschancen unserer Chemie- oder Biologielaboranten, Pharmaassistenten oder Hauswirtschaftsassistenten sind sehr gut bis hervorragend.
Welche Voraussetzungen müssen Bewerber mitbringen?
Das ist je nach Beruf unterschiedlich, Genaues kann man auf unserer Homepage nachlesen oder direkt erfragen. Teils machen wir Aufnahmeprüfungen, teils nur Aufnahmegespräche. Entscheidend sind Interesse und eigener Wille. Die Ausbildung im Lette-Verein ist traditionell stark handwerklich orientiert, stützt sich aber auf ein starkes theoretisches Fundament. Bei uns lernen junge Fachleute, die später auf Augenhöhe mit Ingenieuren, Wissenschaftlern und Ärzten zusammenarbeiten. Das Ansehen dieser Facharbeiter ist international hoch. Sie gelten als besser qualifiziert für den Arbeitsmarkt als mancher Bachelorabsolvent. Man erwirbt bei uns aber auch die Studienbefähigung und kann sich später selbst einen akademischen Abschluss holen.
Nach der Probezeit werfen beim Lette-Verein nur drei Prozent der Schüler die Flinte ins Korn. Woanders gibt es mehr Abbrecher. Heißt das, die Ausbildung ist doch ziemlich soft?
Die ist nicht soft! Die Schüler stöhnen mächtig über volle Stundenpläne und strenge Bewertungen. Sie bekommen aber auch entsprechende Unterstützung. Bei uns geht keiner in der Masse unter wie an überfüllten Unis oder riesigen staatlichen Berufsausbildungszentren.
Auf 85 Plätze pro Jahr kommen 400 Bewerber. Wer wird genommen?
Wir gucken nicht nur auf die Noten. Wir machen, wie gesagt, schriftliche Eignungstests. Da sitzend dann in zwei Durchgängen je 100 Schüler in der Aula und die Köpfe rauchen. Besonders in den technischen Richtungen hängt die Messlatte hoch.
Wie läuft es ab, wenn man zu Lette will?
Man kommt am besten zum Tag der Offenen Tür, informiert sich, sieht sich um, gibt den Anmeldebogen ab und wird dann zum Eignungstest eingeladen. Das gilt für Berufe, in denen Chemie und Mathe gefragt sind. Im Bereich Hauswirtschaft gibt es nur persönliche Eignungsgespräche.
Sind Großeltern auch bei solchen Gesprächen dabei?
Wir führen das Gespräch mit dem jugendlichen Bewerber, natürlich. Aber Großeltern dürfen gern zuhören. Wir haben schon erlebt, dass sie ins Gespräch eingreifen. Dann liegt es am Geschick des Gesprächsleiters, sie ggf. zu bremsen. Das spontane Mitreden von Oma und Opa hat auch etwas Gutes. Man erfährt etwas über den Bewerber und seine Familienkonstellation. Wenn in der Ausbildung mal etwas nicht so gut läuft, wissen wir, wer in der Familie der beste Ansprechpartner ist.
Was ist, wenn jemand von seinen Eltern bevormundet und in die falsche berufliche Richtung gedrängt wird? Oder selbst seine Pläne ändert. Sind Umstiege möglich?
Daran arbeiten wir noch. Derzeit muss man bei einem Wechsel ganz neu anfangen. Wir haben aber viel Erfahrung damit, zu erkennen, ob jemand mitbringt, was er für einen Beruf braucht. Für uns steht die Persönlickeit des Kindes im Vordergrund, nicht der Wunsch der Eltern. Die wollen z.B., dass die Tochter Medizinisch-technische Assistentin wird, weil das in ihren Ohren toll klingt. Wenn das Mädchen aber in Bio und Physik schwach ist, ist für sie vielleicht Hauswirtschaft besser. Auch Metallographie kommt infrage. Das war früher übrigens mal ein reiner Frauenberuf. Wir haben ihn für Männer geöffnet.
Fotodesign, Grafikdesign und Modedesign dagegen ist bei Eltern nicht besonders beliebt ...
Ja, Design gilt als brotlose Kunst. Tatsächlich haben nur die Besten Erfolg. Wir sieben also schon unter den Bewerbern sehr stark aus. Jeder muss eine Bewerbungsmappe mit eigenen Arbeiten abgeben und zeigen, was er drauf hat. Die meisten haben Praktika und Referendariate hinter sich. Sie wissen genau, was sie wollen und sind oft auch schon etwas älter. Da ist dann bei der Bewerbung keine Oma mehr dabei ... es sei denn, sie hat auch einen Sinn für Design und ist neugierig, was wir bieten.
Vererben sich berufliche Interessen?
Es gibt viele Beispiele dafür, dass sich die Lebensbilder ähneln. Wenn ein "Familienberuf" aber eine Überforderung darstellt und die Neigung dazu fehlt, schlagen die Kinder bewusst eine ganz andere Richtung ein. Da helfen keine Bitten und kein Druck. Leider denken Eltern mit Hochschulabschlüssen, ihr Kind müsse unbedingt auch studieren, den Bezug zur Berufsbildung haben sie völlig verloren. Ein Mensch wird aber nicht froh, wenn der Job den eigenen Fähigkeiten nicht entspricht.
Seltsamerweise vererben sich Interessen gern über zwei Generationen. Mein Großvater war z.B. Tischler, mein Sohn fühlt sich auch stark zu Holz hingezogen. Ich denke, das hat mit positiven Erlebnissen und warmherzigen Erinnerungen in der Kindheit zu tun.
Ist das Schulgeld eine Hürde?
Schulgeld ist für manchen eine Belastung, das stimmt. Andererseits scheint die Ausbildung wertvoller zu sein, wenn man dafür bezahlt. Sie wird seltener leichtfertig abgebrochen. Die Mühe lohnt sich aber auch. Wir bieten anerkannte staatliche Abschlüsse und der Name Lette ist ein Türöffner bei vielen Personalabteilungen.
Wer ein Studium oder eine Ausbildung abgebrochen hat, seine Richtung lange nicht fand und schon älter ist, glaubt oft, es sei nun für einen Neustart zu spät...
Man muss sich dafür nicht schämen, aber dann doch wirklich wollen und sich anstrengen. Der Lette-Verein ist keine sozialtherapeutische Einrichtung!
Der Lette-Verein
(Das Gebäude am Victoria-Luise-Platz)
Mit ca. 1000 Ausbildungsplätzen ist der Berliner Lette-Verein ein relativ kleiner Anbieter. Man kann sich nicht in der Masse verstecken. Die Klassen umfassen 27-28 Schüler, bei der Arbeit in Labor oder Werkstatt werden sie geteilt. Alle angebotenen Ausbildungen wurden im Lette-Verein zu Beginn des 20.Jahrhunderts konzipiert und weiterentwickelt. Die Ausbildung ist stark handwerklich orientiert.
Von den rund 200 Mitarbeitern des Vereins unterrichten viele in Teilzeit, weil sie noch in ihren Jobs arbeiten. So etwa die Modelehrerin, die ihr eigenes Label TUTU hat, oder die Grafiker, die eigene Büros betreiben. Dieser frische Input aus der Praxis ist der Schule wichtig.
Das viel gelobte Schulklima wird nicht zuletzt auf die eigene Küche zurückgeführt. Bei Lette wird frisch und lecker gekocht, die Hauswirtschaftsschülerinnen stellen sich täglich der Kritik der Schüler- und Lehrerschaft. "Offizielle"
Kulturveranstaltungen gibt es nicht, die Schüler organisieren sich vielmehr selbst. Höhepunkte des Schullebens sind Präsentationen, Ausstellungen und vor allem die großen Abschlussmodenschauen. Sogar das Vergnügen hat mit Arbeit zu tun, wie auch die Arbeit mit Vergnügen.



