Das letzte Hemd für den Enkel

Modeblogger Roth von Dandy Diary trägt zu besonderen Gelegenheiten ein Oberteil seiner Großvaters Karl. Foto: privat
Der Tod des Designers Alexander McQueen war für ZeitOnline Anlass, sich unter jungen deutschen Modebloggern umzusehen und sie vorzustellen. Einer davon ist David Roth, der mit Gespür für Trends und Mut zur exzentrischen Selbstinszenierung auf Dandy Diary schreibt, begleitet von Fotografin Kaja Smith. Für das Gruppenfoto trug Roth einen mit Draht und Nägeln verdelten schwarzen Hut, eine Hose von H&M - und das Totenkleid seines Großvaters. GroßelternReport fragte den jungen Mann, wie er dazu kam. David Roth schickte diese Erinnerung:
Das Totenkleid, das ich liebe
Er wusste es, wir allen wussten es. Er würde sterben. Karl Gustavsson, mein Großvater, lag auf seinem Bett, seinem Sterbebett. „Der Krebs hat ihn aufgefressen“, flüsterte mir meine Tante zu. Ich nickte, dachte nach. Erinnerungen kamen hoch. Großvater und ich, wie wir gemeinsam lachten, wie wir weinten. Ich musste weinen. Meine Mutter, die entgegen ihrer sonstigen Gewohnheiten schwarz gekleidet war, umarmte mich. Großvater Gustavs letzter Wunsch war es, dass ich sein Totenkleid fortan tragen sollte. Ich nickte, auch wenn ich damals nicht verstand, und nahm seine Hand. Sie war kalt. Noch in der Nacht nahmen mir Todesengel meinen geliebten Großvater. Alles was blieb – ein schwarzes Oberteil, das schon damals rissig und brüchig war. Lange Zeit lag das Hemd ungewaschen, unbeachtet im Keller. Während meines Umzugs, damals zog ich nach Braunschweig, entdeckte ich das knittrige Oberteil in einer Holzkiste. Ich streife es über. Gefühle übermannten mich, Tränen füllten meine Augen. Er war da, ich spürte es. Die tiefe Verbundenheit, die ich damals für meinen Großvater empfand, war wieder da. Ich hörte auf zu verdrängen, begann zu verarbeiten. Das Hemd, das dabei ist in seine Einzelteile zu zerfallen, hat einen Ehrenplatz in meiner Garderobe gefunden. Noch immer ungewaschen, noch immer nach meinen Großvater riechend. Wenn ich traurig bin, streife ich es über.


