Ich soll die Familie meine Tochter "einfach nur in Ruhe lassen"
Jahrelang hatten wir guten Kontakt zu Tochter, Schwiegersohn und Enkelkind. Dann bekam mein Mann eine längere Krankheit. Ich habe das Angebot angenommen und einige Zeit bei den Kindern gewohnt. Verbrachte die meiste Zeit im Krankenhaus und bin abends eine erfüllte Oma gewesen. Die Kleine, damals zwei Jahre alt, fand das prima. Ja, und mir tat es auch gut.
Als mein Mann nach einer längeren Zeit wieder fast gesund war, aber im Garten noch Hilfe brauchte, wurde es immer schwieriger. Auf Anfragen, was los ist, kamen ausweichende Antworten. Bis es dann zum Schluß hieß, sie möchten in Ruhe gelassen werden. Keine Anrufe und Mails mehr. Wir haben es über Schwiegereltern und unsere zweite Tochter weiter versucht, aber ohne Erfolg. Wir waren in einer Beratung, die rieten zum Abwarten. Aber wie lange?
Wir schicken alle 4 Wochen ein Päckchen an die Kleine. Nach einem halben Jahr legten wir eine Einladung zum Kaffee dazu. Es kam eine Absage. Ein paar Tage später dann ein Anruf vom Schwiegersohn, ob die Tochter vorbei kommen könne. Sie kam mit Kind. Die Kleine lief mit offenen Armen auf mich zu. Sie war vier Stunden da, aber eine Unterhaltung kam kaum zustande.
Nun betreuen wir ein fremdes Kleinkind. Das haben wir gemacht, weil wir so besser mit dem Schmerz fertig werden. Dazu haben uns auch andere geraten. Es hilft, aber es ist nicht als Ersatz zu sehen. Nach diesem Treffen mit der Tochter kam wieder nichts an Reaktion. Inzwischen war Osten und wir haben von der anderen Tochter erfahren, dass sie sagt, der Besuch bei uns hätte ihr nichts gebracht. Wir haben jetzt wieder ein Päckchen und eine Einladung geschickt. Die Reaktion darauf ist, sie kommen nicht und möchten auch keine weiteren Einladungen. Wie soll man sich jetzt verhalten und weitermachen? Ohne Sprechen geht's doch wohl nicht. Bitte um einen Rat. Angelika
Liebe Angelika,
ich fürchte, Ihr langer Aufenthalt bei Tochter und Schwiegersohn war zuviel. Im Wunsch zu helfen, haben sich die beiden womöglich überschätzt. Es ist nicht leicht, in einer Partnerschaft Tag für Tag die Anwesenheit eines Dritten berücksichtigen zu müssen. Es bilden sich wechselnde Allianzen, man ist nicht frei, nicht ungezwungen, das zerrt an den Nerven. Vielleicht haben Sie Signale überhört, die Ihnen bedeuteten, sich wieder zurück zu ziehen... Und statt dann nach der Krankenhausentlassung Ihres Mannes wieder zum Alltag zurückkehren zu können, wurden Tochter und Schwiegersohn um Garten-Einsätze gebeten. Vielleicht wurden diese sogar selbstverständlich eingefordert. Ging es wirklich nicht anders?
Die Botschaft "wir möchten in Ruhe gelassen werden" erscheint mir als beinahe verzweifelte Ansage, die Ihrer Tochter nicht leicht gefallen sein kann. Natürlich tut das weh, das verstehe ich. Aber ahnen Sie wirklich nicht, ewas in ihr vorgeht? Wie nun weiter? Die Päckchen und die Einladungen funktionieren nicht, wie sich zeigt. Dann lassen Sie das bleiben. Auch das Einbeziehen der ganzen Familie in Ihren Kummer führt Sie nicht weiter...
Mein Vorschlag wäre: Locker lassen. Lassen Sie die Familie Ihrer Tochter nochmal wissen, dass sie Ihnen in einer schweren Situation gut getan hat und dass Sie dafür dankbar sind. Jetzt soll erstmal eine Weile Ruhe sein? OK, das akzeptieren Sie. Fragen Sie ganz sachlich, wie lange.
Versuchen Sie, der jungen Familie kein schlechtes Gewissen zu machen, denn ein schlechtes Gewissen ist einer der häufigsten Gründe, jemanden zu meiden. Verabreden Sie z.B. einen Tag im Sommer, bei dem man sich wieder trifft, vielleicht zu einem Picknick am See, jedenfalls nicht bei einer der beiden Parteien zuhause. Vielleicht zu einem bestimmten Anlass, der in der Familie immer gefeiert wurde, z.B. ein Geburtstag.
Bis dahin helfen Sie Ihrem Mann, wieder gesund zu werden, genießen Sie die Zeit mit dem fremden kleinen Kind, das Sie sicher auch ins Herz schließen wird, und quälen Sie sich und die Tochter nicht mit verzweifelten Anrufen oder Post. Vielleicht wird ein derartiger Vorschlag erleichtert angenommen. Ihre Tochter hat ja auf keinen Fall ganz mit Ihnen abgeschlossen, das zeigt ihr Besuch.
Wie Sie sich damit fühlen, weiß ich nicht, jede Familie ist anders, Verhaltenstipps von unbekannten Dritten können auch falsch sein. Sicher ist nur, dass es keinen Zweck hat, ein nicht funktionierendes Mittel immer und immer wieder anzuwenden. Ein neues muss her!
Uta Alexander


