Phantasiereisen mit Enkeln - fast noch besser als Vorlesen

Jenny (8) wollte mit Pferd und Wagen auf Tour gehen. Leider konnte sie unterwegs nicht fotografieren. Dafür aber hinterher alles aufmalen, auf Seide. (Foto: M. Friedrich)
(Freund oder Feind!? Begegnung im Märchenwald)
Für Fantasiereisen braucht man kein Geld, keine Fahrkarten, keinen Koffer. Nur Zeit und Ruhe. Sie sind darum das perfekte Spiel für Großeltern und Enkel. Spielbar überall, wo sie ungestört zusammen sind. Wunderbar geeignet, langweiligen Wartezeiten Glanz und Zauber zu verleihen. Auf endlosen Autofahrten, bei Bettruhe während einer Krankheit oder einfach so, beim Gemüseputzen.
So geht es:
Tief durchatmen, zurücklehnen, einen Einstieg finden. Es kann ein Spaziergang in einem Wald sein, bei dem man auf verschiedene Stationen trifft: eine Lichtung, eine Hütte, einen besonderen Baum... Oder wir beziehen ein altes Haus mit Dachboden und Keller voller seltsamer Fundstücke... Oder ein bunter Vogel sitzt plötzlich auf dem Fensterbrett und lädt zu einem Rundflug ein. Wohin soll es gehen? Ans Meer, in die Berge, in ein Märchenland?
Je nach Laune des Kindes kann die Reise entspannt oder eher „actiongeladen“ angelegt sein. Manchmal fasziniert es eine Entscheidungs- oder Problemsituation: „Oh je, wir haben den Zug verpasst und stehen allein in einer fremden Stadt...." Was nun? Einen Zauberstab finden? Die Sprache lernen? Zur Polizei gehen? Dem Kind fällt bestimmt etwas ein.
Die Vorgabe sollte sehr einfach sein, aber möglichst bildhaft und poetisch. Sie dient ja nur dafür, die Fantasie auf die Reise zu schicken. Die Vorstellungskraft des Kindes kommt in Gang und auch die eigene. Sie setzt aus bekannten Bildern neue zusammen. Erinnerungen mischen sich mit Gesehenem, Gehörtem, Gelesenem. Alles ist erlaubt: Natürlich darf man sich auch Flügel wachsen lassen! Oder unsichtbar sein.
Die Reise nimmt ihren Lauf. Welche Kleidung tragen wir? Wen treffen wir? Wie ist das Wetter? Was hören wir? Was fühlen wir unter unseren Füßen? Ist da auch Musik? Lassen Sie sich viel Zeit zwischen den Worten, damit die Fantasie reifen kann. Es ist wie ein gelenkter Tagtraum. Auch Träume lassen sich nicht beschleunigen. Greifen Sie auf, was das Kind beisteuert: „In der Hütte sitzt ein kleiner Hund? Na gut, nehmen wir ihn mit!“
Das geschieht:
Das Eintauchen in die Fantasie versetzt Kinder in einen Zustand tiefer Entspannung. Manchmal ergeben sich daraus Ideen für die Zukunft. Es lösen sich vielleicht sogar Probleme, die bisher gar nicht wirklich bewusst waren. Meist kehren Kinder voller Ideen und Tatendrang in die Realität zurück.
Geglückte Fantasiereisen greifen sie gern wieder und wieder auf, spinnen das „Erlebte“ weiter oder dichten beim nächsten Mal einen neuen, ganz anderen Schluss hinzu. Anders als beim reinen Vorlesen gewinnen Großeltern tiefe Einblicke in die Gedanken- und Gefühlswelt ihres Enkelkindes. Auch die Kinder machen sich ein Bild von Omas oder Opas innerer Welt. Beide Seiten können dafür dankbar sein.



