Erdbebengefahr

„Bei uns darf es nie, nie, Erdbeben geben“, jammerte Anton gestern beim Ins-Bett-Bringen und wiegte sich auf seiner Matratze hin und her wie ein rumänisches Waisenkind.

„Da haste den Salat“, zischte Brigitte in meine Richtung. „Von wegen, Nachrichten-Gucken bildet! Das macht Kinder nur meschugge.“ Sie verdonnerte unseren armen Enkel zu einer Woche Fernsehverbot.

„Du bist gemein, Oma!“, protestierte Anton. „Is' doch nur wegen Bruno. Der würde uns unter Trümmern nie finden. Und dann muss er ins Heim.“

„Uns findet ein Blinder mit dem Krückstock“, versicherte Brigitte hastig, denn ihr geliebter Polizeiruf fing gleich an. „Wenn wir verschüttet sind, schläft Opa einfach ein und schnarcht, das hört man meilenweit!“

Ich fass' es nicht! Nutzt dieses Weib sogar die Tragödie von Haiti, um Spitzen gegen mich loszulassen!

„Wenn Oma schnarcht, wackeln die Wände. So gehen Erdbeben überhaupt erst los!“, klärte ich Anton auf.

Jetzt heulte er laut. Brigitte warf mir einen dieser Blicke zu, die Menschen auf Ameisengröße schrumpfen lassen.

„Wir können auch auswandern“, sagte sie eisig. „Getrennt. Und jetzt schlaf endlich, Anton!“

Veröffentlicht am 19. Januar 2010. (226 Tage alt) in Kussmann
 

„Stimmts, Opa“, sagte Anton gestern dicht an meinem Ohr, „das Leben ist ungerecht.“ „Und gefährlich, Alter!“, ranzte ich ihn wütend an. Der Kerl hatte mich aus dem schönsten Schlummer geschreckt.

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