Meine Tochter belügt mich, wenn es um ihren Sohn geht
Meine Tochter macht sich kaputt aus Sorge um ihren Sohn aus erster Ehe, der mit zweifelhaften Kumpanen in einer mehr als verdreckten Kiffer-WG in den Tag hinein lebt. Das weiß ich von meiner Enkelin, seiner Halbschwester. Wenn ich meine Tochter nach dem Jungen frage, den ich kenne seit er 8 Jahre war, dem kurz vor Schluss seine Lehrstelle plötzlich nicht mehr gut genug war, sagt sie: es geht schon, der fängt sich wieder und wechselt das Thema. Ich glaube, der reitet sich immer tiefer rein. Mache mir selbst jetzt immer Sorgen um beide, aber offiziell weiß ich ja von nichts. Almut K.
Liebe Almut,
es gibt viele mögliche Gründe, warum Ihre Tochter ihren Kummer nicht mit Ihnen teilen will: sie schämt sich für den Sohn, sie will Ihnen z.B. keine Sorgen machen, weil Sie genug eigene haben... Sie glaubt, Sie seien nicht verschwiegen genug und ruinieren ihr Ansehen unter Bekannten, die nichts wissen sollen. Oder, was noch schlimmer wäre, sie fürchtet Ihre Missbilligung und dass sie vielleicht in Ihren Augen als gescheiterte Mutter dasteht. Das kann passieren, wenn Sie früher immer sehr perfekt waren und auch von Ihrer Tochter wünschten, dass Sie stolz auf sie sein können. Zu so jemandem wagt man sich als Erwachsener nicht mit Versagensangst und großem Lebenskummer. Man vertraut sich dann, wenn überhaupt, lieber Freunden an und belügt die alternden Eltern.
Setzen Sie Ihre Tochter jetzt nicht unter Druck, indem Sie ständig hochnotpeinliche Fragen nach Ihrem Enkel stellen. Ich kann mir vorstellen, sie weiß, dass Sie "es" wissen.
Zeigen Sie sich als Partnerin auf Augenhöhe. Sagen Sie ihr, dass Sie sehen, dass es ihr seelisch nicht gut geht. Bleiben Sie ruhig, fangen Sie selbst nicht auch noch Klagen an. Zeigen Sie, dass Sie Kummer aushalten können. Und lassen Sie alle Sätze weg, die mit „Man hätte damals..., du hättest schon viel eher ....“ oder so beginnen. Selbst wenn Sie glauben, in der Erziehung des Jungen sei etwas falsch gelaufen, - das bringt jetzt auch nichts mehr und klingt nur nach Vorwürfen. Die kann Ihre Tochter am wenigsten gebrauchen.
Graben Sie statt dessen in Ihrer Lebenserfahrung nach Mut machenden Geschichten. Sicher gab es in der Jugend Ihrer Tochter – oder bei Söhnen und Töchtern in Ihrem Freundeskreis - auch Momente, in denen die Eltern an den Kindern verzweifelten. Erzählen Sie davon. Ganz bestimmt sind die wenigsten in ihrem Leben komplett gescheitert.
Uta Alexander


