Hat meine Tochter Oma lieber als mich?

Wir haben eine 17 Monate alte Tochter, die seit ihrer Geburt ihre Oma (meine Mama) sehr gut kennt. Da ich arbeite, wird sie einen Tag die Woche von Oma betreut. Nun ist es so, dass unsere Tochter eigentlich sehr an mir hängt und bis vor einem Monat hat sie sich immer sehr gefreut, wenn ich sie abends von Oma abgeholt habe, gequietscht und mich kaum mehr losgelassen. Nun ist es aber plötzlich seit ca. 4 Wochen das Gegenteil. Sie lächelt mich zwar an, will aber bei Oma auf dem Arm bleiben. Wehe wir gehen, dann schreit und weint sie fürchterlich und streckt nach meiner Mama die Arme aus. Solche Szenen entstehen auch, wenn wir Oma mal per Zufall in der Stadt antreffen. Was ist dieses Verhalten nur? Eine Phase? Wenn ja, wie lange wird das denn so weiter gehen? Ich tue alles, um eine gute Mutter zu sein. Nimmt sie mir krumm, dass ich arbeiten gehe oder hat sie meine Mama einfach viel lieber?

Da ich durch meine eigene Kindheit ein Liebes-Defizit habe, welches ich bis jetzt noch nicht füllen konnte, fällt mir das jetzt wohl so wahnsinnig schwer. Ich bin nach solchen Szenen so traurig und wütend auf meine Mama (auch weil sie dann immer noch so theatralisch sagt, "Nein, du musst jetzt mit deiner Mama mit", als wäre das 'ne Strafe), dass ich mir manchmal denke die Kleine wäre wohl genauso gut dran ohne mich. Vielleicht wäre sie wohl noch lieber bei ihrer Oma als bei mir. Was soll ich nur tun? Wie soll ich das mit Würde überstehen? Soll ich unsere Tochter lieber in eine Krippe geben statt zu Oma? Früher war ich meiner Mama so nahe wie eine gute Freundin, heute vermeide ich möglichst, sie zu sehen. Margrit

Liebe Margrit,

machen Sie jetzt keinen Fehler und verfallen in Grübelei und Traurigkeit. Ihre Tochter kann Oma u n d Mama lieben. So wie sie dazu noch Papa und ein Geschwisterchen und sogar noch einen Hund und eine Katze lieben könnte. Liebe soll nicht im Wettbewerb ausarten, so ist sie nicht gedacht.

Menschen haben für Kinder auch Funktionen. Der eine ist für dies gut, der andere für etwas anderes. Es gehört zur Sozialkompetenz, dass sie lernen, mit wem sie was am liebsten machen. Geben Sie Ihren Ausschließlichkeitsanspruch auf. Sie können sich als Mutter natürlich "profilieren", also bestimmte Sachen aussuchen, die nur Sie mit Ihrem Kind machen. (Eine meiner Freundinnen z.B. singt seit Jahren jeden Abend mit ihrem Sohn. Die beiden kennen ca. 50 Lieder mit allen Strophen. Sie haben Riesenspaß daran. Das ist ihr Ding. Der geliebte Papa ist in dieser Hinsicht als Ersatz eher ein Witz.) Es geht im Mutter-Kind-Verhältnis sowieso nicht nur um Liebe. Ihr Job ist es, dem Kind die Welt zu erklären, es selbständig, klug, fit und fröhlich zu machen. Oder ums Üben, auch mal einen Konflikt auszuhalten und sich dann wieder zu versöhnen. All das machen Sie sicher wunderbar, ohne es überhaupt zu merken, und ganz sicher wäre Ihr Kind ohne Sie schlechter dran als nur mit der lieben Oma.

Natürlich nimmt ein Kind gern jede Wärme und Liebe mit, die es kriegen kann. Gerade von einer Oma, und gerade, wenn es so klein ist. Gönnen Sie also Ihrer Mutter und Ihrer Tochter die Zweisamkeit, Zärtlichkeit und gegenseitige Zuneigung dieser Babyphase. Je gestresster Sie davon sind, desto unattraktiver wirken Sie auf Ihr Kind. Gehen Sie weiter so liebevoll mit Ihrer Mutter um, wie Sie können. Ihre Tochter würde mit feinen Antennen spüren, dass sie rivalisieren,- und sich unbehaglich dabei fühlen. Es verunsichert Kinder extrem, wenn ihre Liebsten sich voneinander distanzieren.

Dieses starke Klammern an Oma kann auch wirklich eine Phase sein. Kinder lieben ihren Trott und eine gewohnte Umgebung. Sobald sie sich innerlich- und mit ihrem Spielkram - irgendwo eingerichtet haben, werden sie ungern rausgerissen. Vor allem abends, wenn sie müde sind. (Das passiert auch in der Krippe!) Anziehen, weg, raus, ins Dunkel, Kalte - das ist alles lästig und anstrengend. Später verkraften sie Wechsel lässiger und freuen sich sogar darüber.

Ihre Tochter hat jetzt in ihrem Alter schon eine Vorstellung davon, wie es weitergeht, wenn Sie kommen. Sie kann jetzt vorausdenken. Das ist gar nicht gegen Sie gerichtet. Sie ahnt nicht, dass Sie Ihnen damit wehtut. Sie gehören unerschütterlich in die Gedankenwelt Ihres Kindes. Am liebsten hätte die Kleine wahrscheinlich, wenn Sie mit bei Oma blieben, dann hätte für das Kind alles seine Ordnung.

Gestalten Sie das Abholen fröhlich, ohne Hektik, lassen Sie sich von der Oma über den Tag berichten. Das tut allen gut. Denken Sie sich ein Ritual für das Nach-Hause-Gehen aus, das Ihrem Kind Spaß macht. Gucken Sie in ein bestimmtes Schaufenster, in dem sich was ändert (z.B. Zoohandlung), singen Sie ein ausgedachtes Liedchen - z.B. über die Puppen, die zuhause warten... Lassen Sie ein Fingerpüppchen für sich sprechen, das das Kind mit Ihnen zusammen abholt. Also, kurz, verbreiten Sie Frohsinn. Bleiben Sie entspannt. Nehmen Sie sich auch zuhause noch Zeit. Seien Sie strahlend, fröhlich, begehrenswert, gut angezogen und gut riechend...

Auch das Arme-Ausstrecken nach Oma in der Stadt muss Sie nicht ängstigen. Begrüßen Sie Oma einfach genauso freudig. Dass die eigene "Sippe" über mehrere Ort verstreut ist, ist für ein kleines Kind einfach schwer einzusehen. Es will die Menschen, bei denen es sich geborgen fühlt, am liebsten beisammen haben. (Selbst Hunde leiden, wenn ihr "Rudel" sich teilt.)

Checken Sie zur Sicherheit noch, was dem Kind bei Oma besonders gut gefällt. Wenn es das Kind derzeit dort besonders hinzieht, könnten Sie etwas davon vielleicht übernehmen. Ruhe, Stille, ein besonderes Ambiente, ungeteilte Aufmerksamkeit... Auf keinen Fall muss aber bei Oma und den Eltern alles gleich sein.

Dass Sie arbeiten, ist eine Investition in die Zukunft, kein Fehler. Ihr Kind wird in vieler Hinsicht von Ihren Job-Erfahrungen profitieren.(Umgang mit Kollegen, mit Zeitdruck, Fertig-Werden mit ungeliebten Arbeiten etc. Mütter, denen bezahlte Arbeit gänzlich fremd ist, haben ein Defizit, finde ich. Seien Sie froh, dass Ihr Kind in guten Händen ist und machen Sie sich nicht unnötig das Leben schwer.

Die unbedachten Worte "du musst mit Mama mit" sind wohl der häufigste Zank-Apfel zwischen Omas und jungen Müttern. Manchmal hilft es, seine Mutter ins Vertrauen zu ziehen und sie zu bitten, ein anderes Spiel mit zu spielen: "Oh, du darfst zu Mama?! Ich will auch zu Mama! Du bleibst bei Opa und ich gehe mit!" Es kann erhellend sein, zu sehen, wie das Kind dann reagiert.

Also, liebe Margrit, keine Panik. Liebesdefizite sind schon schlimm. Aber wenn man selber großzügig lieben kann, ist man nicht fürs Leben geschädigt. Und Sie haben da, wie ich sehe, doch mindestens drei Kandidaten.

Uta Alexander


Veröffentlicht am 18. Januar 2010. (854 Tage alt) in Kummerkasten
 

„Stimmts, Opa“, sagte Anton gestern dicht an meinem Ohr, „das Leben ist ungerecht.“ „Und gefährlich, Alter!“, ranzte ich ihn wütend an. Der Kerl hatte mich aus dem schönsten Schlummer geschreckt.

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