Die Weihnachtsfreude meiner Schwiegermutter macht mich traurig

mein jüngstes Kind wird bald ein Jahr und kennt immer noch nicht seine Oma. Meine Mutter interessiert sich einfach nicht für die Kinder womit ich mich schon immer versuche abzufinden. Als ich Kind war, war sie überfordert, weil mein Vater sie verlassen hat als sie noch schwanger war. Meine Kindheit hat sich hauptsächlich in Hippiekommunen abgespielt, wo ich mir selbst überlassen wurde. Manchmal durfte man alles selbst erforschen und dann hats wieder ne Tracht Prügel für irgendwas gegeben. Mit zehn Jahren konnte ich perfekte Joints drehen (das musste ich für meine Mutter bei langen Autofahrten machen), aber hab noch immer am Daumen gelutscht. Es war nicht alles furchtbar und sicherlich gab es auch gute Momente mit meiner Mutter, aber meistens werde ich traurig wenn ich an meine Kindheit denke. Jetzt bin ich fast 34. Ich will gar nicht an der Vergangenheit knabbern und festhalten und möchte einfach das Hier und Jetzt mit meinen Kindern und Mann genießen. Aber jetzt, wo es auf die Weihnachtszeit zugeht schnürt sich mein Hals wieder zu, wenn ich erlebe, mit wieviel Liebe und Offenheit sich die Mutter meines Mannes an den Enkeln erfreut. Wir fahren auf Wunsch aller zum Feiern dort hin und alle freuen sich aufeinander. Aber ich habe Angst. Ich kann es keinem sagen, weil ich mich schäme, aber ich ertrage es nicht, dass dort alles feierlich ist. Sie fragen nicht mehr, ob meine Mutter inzwischen ihre Enkeltochter kennengelernt hat, aber das Thema taucht vor meinem inneren Auge auf und ich muß irgendwoher die Kraft holen, selbstbewusst das Ganze durchzustehen. Es sind sehr komplexe Gefühlsschwankungen, die ich jedesmal durchmache, wenn wir dort sind und ich streite mich meistens mit meinem Liebsten, wenn wir da sind, wegen irgendwelcher Kleinigkeiten. Am liebsten würde ich hierbleiben, aber keiner würde verstehen warum...Sally

Liebe Sally,

ich finde, Sie hatten wirklich nicht die schlechteste Kindheit, die ein Mädchen haben kann. Sie waren wenigstens irgendwie immer dabei, wenn ich das richtig verstehe. Das ist schon viel wert. Sie werden Ihren Kindern, wenn diese etwas größer sind, noch viel von ihrer "verrückten" (im Sinne von auch coolen) Oma erzählen. Es war bestimmt traumatisch für sie, schwanger verlassen worden zu sein, und hat die Freunde am Baby getrübt.

Erzwingen kann man jetzt den Kontakt mit den Kindern nicht. Schicken Sie beiläufig immer mal paar Fotos mit paar kurzen netten Worten dazu, ohne Vorwurf. Erinnern Sie Ihre Mutter an Dinge, die Sie ev. gemeinsam als schön erlebt haben. Die witzigen Sachen. Das weckt bei ihr positive Emotionen und ev., auch etwas Neugier. Ersparen Sie ihr Kritik, Sie kann an der Vergangenheit sowieso nichts mehr ändern. Also - immer Positives, Vorwärtsweisendes vor ihrer Nase schwenken! Irgendwann beißt sie schon an. Kinder mit ihrer Neugier und ihrer pragmatischen Sicht auf die Welt sind eigentlich gut für die Seele einer älter werdenden Hippiebraut. Dass sie mit Babys nicht so gut kann, kann ich ganz gut verstehen. Mit Drei- und Vierjährigen wird es leichter sein. Man darf ihr die Kinder nur nicht mit großen Erwartungen aufdrängen. Dem "Oma-Standard", wenn es den überhaupt gibt, wird Ihre Mama nie entsprechen. Aber warum sollte sie auch? Stellen Sie sich mal kurz vor, wie es wäre, wenn sich zwei Top-Omas um Ihre Kinder streiten würden. Das gibt es auch, und es ist fürchterlich.

Genießen Sie also die Familie des Mannes und freuen Sie sich daran, dass sie Ihnen so zugewandt ist. Klar ist ein feierliches Weihnachten etwas Tolles. Mit Ihrem leichten Gruseln davor sind Sie aber nicht allein. Mir ist manchmal die Feierlichkeit "zum Termin" auch nicht ganz behaglich. Nehmen Sie Ihre schwankenden Gefühle einfach hin - und denken Sie daran, dass Sie trotz allem fähig waren, eine intakte Familie aufzubauen. Sie haben auch Kraft aus Ihrer Kindheit geschöpft, einen Willen und Zähigkeit entwickelt. Vielleicht sind Sie gerade wegen Ihrer Vergangenheit eine wunderbare Mutter. Sie haben sich jetzt selbst für Ihr Leben den Rahmen gegeben, den Sie wollen. Ihr Lebenshintergrund ist eine wertvolle Erfahrung.

Verkriechen wäre wirklich echt schade. Bestimmt kocht ihre Schwiegermutter auch ganz gut... Hauen Sie rein! Haben Sie Spaß! Beobachten Sie Ihre Kinder. Ich wünsche Ihnen ein frohes, fröhliches Fest! Uta Alexander

Veröffentlicht am 19. Dezember 2009. (780 Tage alt) in Kummerkasten
 

„Stimmts, Opa“, sagte Anton gestern dicht an meinem Ohr, „das Leben ist ungerecht.“ „Und gefährlich, Alter!“, ranzte ich ihn wütend an. Der Kerl hatte mich aus dem schönsten Schlummer geschreckt.

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kussmann