Omis Puppensachen

Jäckchen für Thilo, Dezember 1959 (Fotos: U.Alexander)
(Oma Linda (1901-1984))
Meine Oma, Fiedler-Oma genannt, um sie von Mamas Familie abzugrenzen, den Müllers, war 54 Jahre alt als ich zur Welt kam. Sie fand das damals fast zu spät. Und war ein wenig enttäuscht, dass ich kein Junge war. Natürlich ließ sie sich das nicht anmerken.
Ich kriegte trotzdem raus, dass sie sich für ihren Sohn einen Sohn gewünscht hätte. Er trug in ihrem Kopf sogar schon einen Namen: Thilo. Doch nach mir lieferten meine Eltern keine weiteren Enkelkinder, und der Name war übrig. Sie gab ihn dieser Puppe, ihrer Meinung nach eindeutig eine Jungspuppe:
(Thilo. Thilo mit der Schmalztolle und dem Streberlächeln. Von seinem Stammplatz auf der Lehne des Ecksofas glotzte er aus blauen Wackelaugen selbstherrlich auf mich herunter, umgeben von bestickten Kissen und Kunstblumen.)
Mein Verhältnis zu Thilo war schlecht. Man nahm ihn vor mir in Schutz. Ich durfte ihn nicht herumtragen, denn er hatte einen empfindlichen Porzellankopf.
Irgendwann begann Omi damit, Thilo einzukleiden. Erst war er Baby. Also gab es Jüppchen, Lätzchen und Strampler. In Hellblau, versteht sich:
(Das war, was mein Vater als Säugling getragen hatte, in Miniatur-Version. Auch für ihn hatte Omi alles selbst gemacht. Was man selber machen kann, wird nicht gekauft. Das galt eisern, auch bei ihren fünf Schwestern.)
Mit vier Jahren zog ich Thilo die Hose runter und stellte meiner Großmutter peinliche Fragen. Nach einer Übergangsphase mit unisex-Schlafanzügen ...
... einigten wir uns darauf, dass "Thilo" unter Umständen auch als Mädchenname durchgehen könnte. Wie "Kay". Omis Kreationen wurden femininer und kühner:
Nicht nur Thilo, auch andere Puppen wurden eingekleidet.
(Rita mit dem Stoffbauch)
Und Puppe Namenlos, die das echte Haar meiner früh verstorbenen Müller-Omi trug.
Omi war Weberin in einer Textilfabrik in der Oberlausitz. Die Stoffe für die Puppensachen nahm sie aus der Putzlappenkiste. Dort landete die fehlerhafte Ware. Oma nahm die Reste mit heim, schnitt die Fehler raus, wusch und bügelte die Stoffe. Für die Stricksachen bat sie Freundinnen um "Rester" oder sie verwendete Aufgetrenntes.
Sie selbst trug blau und braun, die Witwen-Farben, denn ihr Mann Kurt war "im Felde geblieben". Da gleich hinter Omas Haus Felder begannen, war mir bei Spaziergängen nie ganz wohl.
Später erfuhr ich, Kurt sei "verschollen". Ich dachte, da könnte er ja noch leben. Hatte sich vielleicht nur verirrt in Russland. In Zigarettenbilder-Sammelalben mit Schauspielerfotos suchte ich, ein Jugendfoto des Großvaters in der Hand, wie er wohl jetzt aussehen könnte, 20 Jahre später. Ich entschied mich für Louis Trenker. Omi nickt: Weiß Gott, das könnte sein. Manchmal, abends, wenn es im alten Haus die Balken knackten oder eine Tür knarrte, sagte ich: "Omi, jetzt kommt er zurück!" Sie zuckte zusammen und schwieg.
Die Puppensachen rochen nach feuchtem Haus, Braunkohlenbriketts und Kaffeesatz. Aber sie fühlten sich gut an. Die Nähte saßen. Da beherrschte jemand sein Handwerk.
Ich liebte Omas Singer-Tretnähmaschine, ihren Wollkorb, die Nadelkissen und die Knopfschachteln. Sie war pedantisch und detailversessen. Reißverschlüsse und Knöpfe der winzigen Klamotten funktionierte wirklich, die Cordeln endeten in kirschkerngroßen Bommeln...
Bald hatten die Puppensachen mit Thilo und Rita nicht mehr viel zu tun. Sie hatten einfach die Größe, die der jeweilige Stoffrest vorgab. Meine 65 Jahre alte Großmutter spielte einfach. Zweckfrei. Was sonst sollte sie tun im Herbst in ihrer "guten Stube", die das einzige beheizte Zimmer ihres "Fiedler-Häusels" war. Einen Fernseher besaß sie nie. Das Radio blieb aus, weil es Strom verbrauchte.
Meine kleine, pummlige, vernünftige Omi entpuppte sich als ziemlich schräge Designerin mit Mut zu gewagten Farbkombinationen. Die Vivian Westwood von Großröhrsdorf.
Sie scheute selbst vor Kunstleder nicht zurück, das damals als etwas anrüchig galt:
Aus meinen obligatorischen Weihnachtspäckchen zog ich schließlich sogar Puppen-Reizwäsche:
(Garnitur für den Sommer)
(Garnitur für den Winter. Ganz ähnliche Bettschuhe schenkte Omi auch meinen Eltern und mir, wir sollten "warm stecken".)
(Das seidige Hemdchen ist gerade mal fingerlang)
Fiedler-Omi, (Jahrgang 1901), nach zwei Kriegen stets auf das Schlimmste gefasst, war eine Aufheberin mit Hang zum Messie. Sie sagte: "Man kann nie wissen, wozu's gut ist!" und hortete sogar gebrauchtes Butterpapier,um damit die Herdplatten einzureiben, einzelne Schnürsenkel und Gummiringe.
Ich bin eine Wegwerferin. Omis nach Mottenkugeln riechende Puppensachen aber bewahre ich nun schon 50 Jahre lang auf. Dabei spielte ich fast nie damit. Erst waren die empfindlichen Puppen unberührbar, dann fand ich die altmodischen Klamotten peinlich. Die Puppen meiner Freundinnen trugen Jeans, Anoracks und Perlonkleider mit Petticoat.
Meine Großmutter Linda erlebte noch, dass in der Familie wieder ein Junge geboren wurde, ihr Urenkel, mein Sohn. Mit etwas gutem Willen und nassem Haar sah er Thilo entfernt ähnlich. Nach dem zweiten Weihnachten mit ihm starb sie, 83 Jahre alt.
Omis Kronprinz Thilo lebt noch. Nur er hat jetzt wirklich einen Sprung im Kopf, wie sie stets befürchtet hatte.
Schon lange hat ihm niemand mehr was genäht.
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