Wie eine Katze ins "dogs"-Magazin kam. Über den Umgang mit geerbten Fotos und eine Männerfreundschaft

Großvater und Enkel? Nein. David Ettlinger (84)) und Stefan M. Rother (44) sind einfach nur Freunde. Trotzdem vermachte David dem Jüngeren den Nachlass seiner Tante, der jüdischen Fotografin Martha Maas (1893-1970)
Die Geschichte:
Ende Januar 1970 starb im schweizerischen Gurtberg eine Frau namens Martha Maas, geb. Rosenfeld, 77 Jahre alt. Nachbarn erinnern sich noch daran, denn in den Tagen danach quollen die Mülltonnen über vor Fotos und Papieren.
Die meisten Menschen hinterlassen solche Zeugnisse ihres Lebens. Ratlos und beschämt stehen die Nachfahren davor. Die vergilbten Bilder und Briefe sagen ihnen nichts mehr und sie wollen sie nicht haben. Auch was die kinderlose Martha ihr Leben lang gehütet hatte, wurde schließlich weggeworfen.
Bis auf zwei Kartons. Die landeten auf Umwegen bei Stefan Maria Rother. Im Nachhinein sieht es so aus, als hätte sich da eine ruhelose Seele einen Verwandten gesucht.
Was Rother natürlich niemals so sagen würde. Dem bodenständigen 44-Jährigen aus dem Ruhrpott liegt jede Esoterik ferne. Aus purer Höflichkeit wuchtete er seinerzeit die Kisten in den Kofferraum seines Autos. Sein alter Freund David, den er seit Jahren beim Schwimmen traf, hatte sie ihm fröhlich angetragen: "Ich hab da was für dich. Sachen von meiner Tante. Die war Fotografin, wie du." Ein kühner Schachzug des 84-Jährigen. So war er das lästige Erbe auf anständige Weise los.
Und zwar an den Richtigen. Anhand lückenhafter Dokumente, Zeitungsausschnitte und Briefe rekonstruierte Stefan Rother das Leben der jüdischen Fotografin, vorsichtig und akribisch.
"Martha Maas hätte eine der ganz Großen werden können", ist er sicher. "Sie war hoch talentiert." Aber Verfolgung, Krieg und Hunger brachen ihr die Flügel. Die Holocoust-Überlebende fotografierte danach nie wieder.
Als sich kaum mehr jemand in ihr "nicht-arisches" Atlier wagte, war sie noch stark. Sie holte sich Hunde und Katzen vor die Kamera. Eine Flucht aus der angesagten Künstlerszene ins Private. Dabei waren Marthas Tierporträts von derselben Eindringlichkeit und handwerklichen Perfektion wie die der Filmstars, die zuvor ihre beste Kunden gewesen waren. Sie sicherten ihr und Ehemann Walter den Lebensunterhalt. Bis das Berufsverbot kam, dann Zwangsarbeit ...
Rund 400 Stunden steckte Stefan M. Rother in eine Martha-Maas-Biografie, die niemand von ihm verlangt hatte und die ihm niemand bezahlte. Ohne konkrete Absicht zunächst. Warum? "Meine beiden Großväter sind im Krieg gefallen", sagt er. "David ist, könnte man sagen, an die Stelle gerückt, die für einen Opa frei war. Aber ich habe das nicht für ihn gemacht."
Es war die künstlerische Reife einer jungen Frau, die den nur wenig älteren Kollegen 90 Jahre später tief berührte. Ihre stilsicheren Bilder, die er mit modernen technischen Mitteln zu neuem Leben erwecken konnte. Die Möglichkeit, einen eigenen Zugang zu den Goldenen Zwanzigern zu finden, und allem, was danach kam. Rother entdeckte auch Querverbindungen: Marthas Vorfahren stammten aus Essen wie er selbst. Wie er hatte sie am Lette-Verein die Prüfung abgelegt. Wie er war sie ein Mensch, der über das Fotografen-Handwerk nachdachte. Erst menschliche Qualitäten machten für Martha den Künstler aus: Sensibilität, Bildung, Einfühlsamkeit, Geduld. So steht es in den nachgelassenen Texten. Ohne dass ein Funke überspringt, vertieft sich niemand in ein fremdes Leben, - und auch nicht das eines Verwandten.
Stefan Maria Rother erzählt das Leben der Künstler-Kollegin in einer Ausstellung, die noch bis zum 27.02.2010 im Lette-Verein Berlin zu sehen ist. Das Magazin "dogs" druckte seinen Text über sie und ihre Fotos auf drei Doppelseiten.
(Aufmacher des Beitrags in "dogs")
Vermutlich hätten auch Stern oder Spiegel zugegriffen. Aber Rother ist anders gestrickt: "Ich finde, Marthas Tierporträts passen einfach perfekt in "dogs". Und es war eine echte Sensation: Das erste Mal, dass in dieser vornehmen Hundezeitung eine Katze abgedruckt war!"
- Im Sommer 2010 wird die Martha-Maas-Ausstellung in Essen auf dem UNESCO-Weltkulturerbe Zollverein im Kunstschacht Zollverein gezeigt.
2011 dann in Maas's Heimatstadt Aachen.
Stefan M. Rother, 1966 geboren in Essen, lebt und arbeitet in Berlin. Er studierte am International Center of Photographie New York und am Lette-Verein Berlin. Sein aktuelles Projekt ist ein Berlin-Porträt anhand ausgewählter Straßen und der Menschen, die dort leben. Daneben macht er sich weiter Gedanken über den Umgang mit hinterlassenen Bildern, Dokumenten und Papieren.
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