Erst war ich "die Mutterkuh", jetzt bin ich nur noch Luft
Mein Problem ist meine Schwiegermutter und die Großmutter meiner beiden Kinder (Tochter 4 Jahre, Sohn 10 Monate alt). Seit vielen Jahren bin ich mit meinem Partner zusammen, wir sind aber nicht verheiratet. Schon in der ersten Schwangerschaft begannen die Probleme mit seiner Mutter. Sie war sie an jedem Detail der Schwangerschaft interessiert. Anfangs war ich noch gern zur Auskunft bereit, weil ich es auch irgendwie schön fand, dass sie sich so freute. Am Ende der Schwangerschaft wurde mir mulmig bis unheimlich: Alles wollte sie kaufen, ich sollte meine „paar Kröten für mich behalten“. Jeden Tag rief sie an und gab Anweisungen, was ich nicht tun dürfe, um "ihr „Baby" nicht zu gefährden“. Damals bat ich schon energisch, diese dauernden Anrufe zu unterlassen. Mein Freund hielt sich heraus, er war froh, dass sich das Interesse nun nicht mehr um ihn drehte. Die Schwiegermutter nahm mich gar nicht ernst. Sie sagte halb scherzend und halb mit bestimmendem Ton, ich solle sie nur nicht „böse“ machen, sie meine es nur gut. Deshalb bin kaum noch ans Telefon gegangen. Häufig kam sie dann vorbei, um irgendetwas abzuliefern (Gekochtes oder Wäsche für ihren Sohn. Bei solchen Gelegenheiten wollte sie mich dazu drängen, sie zur Geburt mitzunehmen, was ich entschieden ablehnte. Sie redete immer weiter auf mich ein. Mit erschreckend großem Willen sagte sie: „Ich will die Erste sein, die das Baby in den Händen hält.“
Bald nach der Geburt wollte sie das Kind eine Woche lang mitzunehmen zu ihren Verwandten, um es denen zu zeigen. Da ich meine Tochter stillte, wurde ich zur „Mutterkuh“ und dann nur noch „die Brust“. Gerade die letzte Äußerung kränkt mich heute noch. Ich war auch sauer auf meinen Partner, der selbst auf mein Bitten hin seine Mutter nicht zur Mäßigung rief.
Die Schwiegermutter hat sich darin verstiegen, dass ein Kind ihres Sohnes auch „irgendwie ihr Kind“ sei. Später hat sie das etwas abgemildert, nachdem ich ihr vorhielt, dass sie bitte in ihrer Großmutterrolle bleiben solle. Womit sie mich allerdings verblüfft, ist, dass sie aus ihrem Herzen wahrlich keine Mördergrube macht:„ Du kannst mir gar nichts verbieten, schon gar nicht meine Gedanken.“ Das stimmt ja auch. Nur erschwert diese Haltung extrem eine vernünftige Kommunikation.
Seit unser Sohn geboren ist, sind Beleidigungen seltener geworden. Von einem wirklich normalen Verhältnis lässt sich aber nach wie vor nicht sprechen. Nach jedem Treffen mit den Großeltern höre ich von meiner Tochter Sätze wie: „Ich bin wie der Papa und ich bin die Schönste – du bist nicht schön. Papa habe ich am liebsten – dich nicht usw.“ Sie gehören dann zu ihrem Standardrepertoire. Ich habe das nie kommentiert, nach ein zwei Tagen hört es dann von selbst auf. Aber es wurmt mich. Dass Papa bei den Großeltern „der beste Papa der Welt“ ist, wird bei wirklich jeder Gelegenheit zum Ausdruck gebracht. Bin ich da kleinlich?
Ich werde grundsätzlich schlichtweg ignoriert. Beide Großeltern reden über mich hinweg oder sie stehen vom Tisch auf, wenn ich etwas erzähle. Man schlägt mir sogar - scheinbar zufällig - die Tür vor der Nase zu. Ihre offene Ablehnung fand ich schlimm, konnte mich aber aktiver dagegen wehren. Bei der jetzigen Form des Quasi- Waffenstillstands habe ich auch ein schlechtes Gefühl. Soll ich sie darauf ansprechen? Oder es lieber ignorieren?
Ändern lassen sich die Schwiegereltern wohl nicht mehr. Haben Sie Erfahrung bei so einem Verhalten durch Bericht von anderen? Kann ich etwas zu einem besseren Verhältnis beitragen? Veronika W.
Liebe Veronika,
was mir beim Lesen des Briefes am meisten auffällt, ist, dass Sie so allein sind. Wo sind Ihre Brüder und Schwestern? Wo sind Ihre Eltern, die auf Familienfeiern die egozentrische Oma einfach in die Ecke lachen könnten? Falls Sie - jetzt mal Ehemann und Kinder ausgenommen - allein auf der Welt sind, sollten Sie dringend dafür sorgen, dass die Schwiegereltern Sie in Gegenwart von Freunden erleben, unter denen Sie sich wohl fühlen und die Sie mögen. Sie brauchen dringend Verbündete! Dann sind Sie in einem geschützten Kreis, in dem die unterschwellige Aggressivität der beiden von Ihnen abprallt.
Wichtig wäre, dass Sie selbst sich innerlich aufrüsten. Sonst geraten Sie immer weiter in die Rolle hinein, die man Ihnen zuweist. Machen Sie sich klar, dass Sie in dieser Familie eine zentrale Figur sind. Wahrscheinlich sind Sie überhaupt deren warmes Herz, denn Sie geben auch Ihrem etwas labilen (?) Partner eine emotionale Heimat als Mann. Sie sind es, die zwei gesunde Kinder zur Welt gebracht hat. Sie haben, konsequent und höflich, einen neuen Ton des Umgangs miteinander angeschlagen. Ich bewundere Ihre Engelsgeduld gegenüber den diversen distanzlosen Ansinnen der Oma!
Mein Eindruck ist, Sie räumen dieser schwierigen Frau in Ihrem Denken einen zu großen Raum ein. Dabei gebührt ihr nicht mehr Platz darin als jedem anderen Familienmitglied. Nehmen Sie sich selbst wichtiger, auch äußerlich. Machen Sie sich schön, wenn Sie mit den Schwiegereltern zusammen kommen. Lächeln Sie sich im Spiegel zu, gönnen Sie sich Ihr Lieblingsessen, genießen Sie es sichtlich. Achten Sie auf Ihre Körpersprache: Aufrechte Haltung, sichere Gesten, laute Stimme. Kopf hoch! Setzen Sie sich an den wichtigsten Platz am Tisch, nicht in eine Ecke. Werfen Sie Ihrem Mann strahlende Blicke zu! Nichts an Ihnen sollte an das blasse Nichts erinnern, zu dem Sie stilisiert werden ("paar Kröten", "neidisch" sein, kein Ehefrau-Status, "etwas älter"...). Sie sind eine energiegeladene Mutter, die ihren Alltag fest im Griff hat! Machen Sie sich den Spaß, schauspielern Sie notfalls ein bißchen. Gehen Sie dem Schwiegerpapa um den Bart. Wie wäre es z.B., wenn Ihr kleiner Sohn ganz der Opa wäre ... Oder der Opa der beste Opa der Welt... Knacken Sie die "gegnerische Front"!
Ich sehe es als Mobbing, was da mit Ihnen angestellt wird, gerade durch dieses subtile Gehabe und diesen plumpen, boshaften Humor,- "Milchkuh etc." Man könnte relativ leicht auch die Großeltern ab und an in eine Lage versetzen, in der sie die Randfiguren sind. "Verdünnen" Sie ihren Einfluss. Mal ganz praktisch: Feiern Sie z.B. die Kindergeburtstage mit anderen Kindern und deren Müttern zusammen, nicht in dem von Ihnen gefürchteten kleinen Kreis wie gehabt. Suchen Sie sich einen Ort, der Oma und Opa fremd ist, wo sie nicht automatisch die Chef-Rolle besetzen. Die Kinder haben ihren Spaß und Sie die anderen Mamas zum Reden, Spiele-Machen, etc...
Das war jetzt nur ein Beispiel. Hilfreich, um eingefahrene Beziehung neu aufzumischen, sind immer auch Änderungen der äußeren Umstände. Machen Sie bewusst etwas anders, als es von Ihnen erwartet wird und als es bisher immer war. Seien Sie weniger berechenbar, das bringt die Schwiegermutter aus dem Konzept. Sie wird stutzen und überlegen müssen, ob sie Sie vielleicht doch nicht mehr in die alte Schublade stopfen kann.
Dass Ihr Partner sich nicht offener auf Ihre Seite schlägt, ist natürlich bitter. Verlangen Sie es am besten gar nicht. Er muss sich ja auch gar nicht direkt gegen Mama stellen, wenn er das nicht kann. Nur neben Sie. Schon nonverbale Signale würden Ihnen sicher gut tun. Dass er dicht neben ihnen sitzt bei Schwiegereltern-Besuchen. Dass er still den Arm um Sie legt, wenn Sie übergangen werden, dass er Sie anlächelt... Falls er zu so etwas Ansätze zeigt, danken Sie ihm - abends unter vier Augen - dafür, um dieses Verhalten zu verstärken. Es dürfte ihm genauso gut tun wie Ihnen.
Ihr bisheriges Verhalten finde ich, wie schon gesagt, ziemlich souverän. Sie haben sich immerhin Respekt verschafft. Nun haben Sie sich offenbar für Ignorieren der moralischen Fußtritte entschieden. Das wird in Ordnung sein, denke ich. Ich wüsste auch nicht, wie ich mit jemandem verhandeln sollte, der meinem Kind einredet, ich sei nicht so schön und so toll wie Papa. Das ist unterste Schublade!
Dass eine Vierjährige sich selbst super schön vorkommt, ist normal. Dass sie die Mutter bewusst kränkt, und das nicht aus einem konkreten Anlass heraus, im Zorn, sondern aus heiterem Himmel, finde ich schon bedenklich. Experten empfehlen Rollenspiele. Das Kind soll nachfühlen können, wie sich so etwas anfühlt. Probieren Sie es ev. auch mal mit einer Puppe. Fragen Sie Ihre Tochter, was sie denkt, wenn Sie ihrer Lieblingspuppe erklären, Sie fänden sie häßlich. Wenn es mit rechten Dingen zugeht, wird sie lebhaft Partei ergreifen für ihre Puppe. Reden Sie mit dem Kind - vielleicht nicht unmittelbar nach einem solchen Vorfall - darüber, was Schönheit ist. Märchen eignen sich als Beispiele. Die Schönen sind darin oft kalt und böse. Die Guten sind die wertvolleren Menschen. Eigentlich sollte ein Kind von vier Jahren offen für so etwas sein. Sie haben immer einen Sinn für Fairness und ein gutes Herz.
Bewahren Sie sich Ihre zärtlichen Gefühle für Ihr Kind, sonst hat die Schwiegermutter mit ihren Intrigen gewonnen. Ermuntern Sie Ihre Tochter, Ihnen mit dem kleinen Bruder oder auf andere Weise zu helfen. Seien Sie stolz auf sie, wenn sie wirklich etwas Nützliches tut. Dann wird sie ihr Selbstbewusstsein aus einer echten Leistung speisen und hat das primitive Schön- oder Nicht-Schön-Sein-Denken nicht mehr nötig. Es ist übrigens auch gefährlich. Unter Kindern wird sie sich mit solchen Urteilen keine Freunde machen. Das sollten auch die Großeltern zur Kenntnis nehmen, wenn sie ihre Enkelin ermutigen, jemandem auf den Kopf zu zu sagen, er sei häßlich. (Was man leider nicht beweisen kann.)
Eine Sache, die ich machen würde, nur für mich allein: Ich würde mein Kind die ganze Familie malen lassen. Am besten nicht nur einmal, um Zufälle auszuschließen. Und genau hinschauen, wer dort wie groß ist und wer mit wem zusammen steht. Wenn sich da auf dem Kinderbild mein Partner und meine Kinder um Oma scharen, und ich allein am Rand stehe, würde ich wahrscheinlich zu einer Familienberatungsstelle gehen und einen ErziehungsProfi um Hilfe bitten. Und den "Besten Vater der Welt" gleich mitnehmen. Denn dann ist schon etwas sehr kaputt.
Uta Alexander
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