Enkel weint, wenn wir Mamas Anordnungen locker sehen
Unser 4-jähriger Enkel reagiert gelegentlich weinerlich und schreiend auf unseren entspannten, liberalen Erziehungsstil. Besonders, wenn wir die Verbote oder Gebote seiner Mutter auf die leichte Schulter nehmen, die unserer Auffassung nach ständig Warnungen, Besorgnis und Vorsichtsregeln an ihre Kinder weitergibt. Das betrifft vorwiegend das Essverhalten. Da soll nicht gekleckert werden, sie sollen sich beim Spielen nicht schmutzig machen, dafür gibt’s besondere Kleidung usw. Für unsere Schwiegertochter ist u.a. Sauberkeit sehr wichtig.
Wir wollen ihr nicht zu nahe treten, aber wir haben das Gefühl, dass den Kindern das nicht gut tut. Der Große ist mit seinen gut vier Jahren häufig nicht in der Lage, rechtzeitig auf die Toilette zu gehen und braucht nachts eine Windel. Auch ist er eher ängstlich und sensibel. Sein jüngerer Bruder (fast 2 Jahre alt), ein eher lebhaftes, robustes Kind, zeigt bisher keine Auffälligkeiten.
Wir möchten mit unseren Enkeln weiterhin gelassen und fröhlich umgehen, ohne dabei den Erziehungsstil unserer Schwiegertochter zu kritisieren oder die Kinder zu verwirren. Auch haben wir bisher das Gespräch mit unserem Sohn, der eher der Gelassene ist, unterlassen, weil wir uns nicht in seine/ihre Angelegenheiten mischen wollen. Luise
Liebe Luise,
Kinder von vier Jahren sind kleine Dogmatiker. Wenn sie, wie Ihr älterer Enkel, mit festen Regeln aufgewachsen sind, werden sie sich daran halten und erwarten, dass alle anderen das auch tun. Es gibt für Vierjährige gut und böse, hell und dunkel, richtig und falsch, und noch nichts dazwischen. Wie im Märchen. Sie sind auch sehr regeltreu: Wenn etwas soundso gemacht wird, wird es immer so gemacht. Oft sind sie auch sehr ordentlich. (Was sich dann bald von selbst erledigt!)
Es besteht also wirklich die Gefahr, den kleinen Jungen ziemlich zu verunsichern, wenn Sie Mama infrage stellen. Sie erschüttern sein Weltbild. Eine hat ja dann nicht recht: Oma oder Mama. Beides darf nicht sein. Zwei wichtige Bezugspersonen wären in ihrer Autorität beschädigt...Das ist Besorgnis erregend! Die Orientierung ist weg. Kein Wunder, dass das Kind heult.
Erst allmählich dämmert Kindern, dass etwas mal so und mal so sein kann. Beides richtig und beides falsch oder alles gleichzeitig von allem ein bißchen... Ich würde diesen Prozeß nicht künstlich beschleunigen wollen.
Ihre Frage ist ja nun, was Sie tun können. Vielleicht ist Folgendes für Sie hilfreich: Forscher haben festgestellt, dass Großeltern den Erziehungsstil der Eltern tendenziell ausgleichen. (Womöglich ist das sogar ihr natürlicher "Job") Also, wenn die Eltern sehr streng sind, liefern Oma und Opa Toleranz und Milde. Umgekehrt, bei antiautoritären Eltern, sind Großeltern eher herrisch und kontrollierend. Je extremer die einen, desto stärker schlägt das Pendel bei den anderen aus.
Daher wäre es falsch gegenüber Ihrem Enkel, Mamas übertriebene Vorsicht offen zu kritisieren oder sich darüber lustig zu machen. Das Kind würde eher an Ihnen zweifeln als an seiner Mutter, die für ihn noch die wichtigste Autorität auf der Welt ist. Kinder glauben, dass Mama weiß, was für sie gut ist.
Die Mutter selbst würde, wenn sie mitbekommt, dass sie von Oma und Opa nicht ernst genommen wird, nur mit mehr Vorsicht reagieren. Dann wäre nichts gewonnen. Lockerer könnte sie hingegen werden, wenn ihr Anliegen im Prinzip respektiert wird. Dass das "wahre Leben" dann all diese Konzepte ein wenig durcheinanderbringt, steht auf einem anderen Blatt...
Ich finde es gut, dass Sie sich Gedanken machen und einfach gelassen und fröhlich mit den Enkeln umgehen wollen. Der Große versucht nicht zu kleckern? Prima! Wer kleckert schon mit Absicht!? Sie können es ja auch versuchen - und wenn es dann doch Flecken gibt, lachen Sie drüber und machen sie weg... Bleiben Sie einfach gelassen. Machen Sie die Mutter der Enkel nicht madig, aber bleiben Sie Sie selbst. Sie haben den Papa als Verbündeten in der Hinterhand.
Mit Kindern kann man auch beiläufig über Grundsätzliches reden. Zum Beispiel darüber, was I h n e n wichtig ist. Dass das Essen schmeckt zum Beispiel. Dass die Tischrunde fröhlich ist. Dass man beim Essen miteinander redet usw. Ihr Enkel wird verstehen, dass jeder Mensch so seine Grundsätze hat und diese sehr verschieden sein können.
Also, mal zusammengefasst, lassen Sie Ihre erwachsenen Kinder ihren eigenen Erziehungsstil finden. Die üben ja erst vier Jahre. Und der Erziehungsstil ändert sich auch noch ein bißchen. Aber nicht grundsätzlich und auf keinen Fall durch Intervention durch Großeltern. Ganz so daneben, wie Sie denken, sind sie vielleicht auch gar nicht. Vieles am Verhalten der Eltern ist nämlich durch ihr Kinder selbst vorgegeben. Konkret: Wenn Ihr kleiner Enkel so anders ist als der Große, ist dessen Vorsichtigkeit und Sensibilität, die Sie so besorgt stimmt, sicher nicht nur anerzogen.
Tendenziell machen Sie als Großeltern alles richtig, scheint mir: Sie denken nach, Beobachten, und fallen nicht mit der Tür ins Haus. Weiter viel Spaß also! Das Besondere an Kindern ist ja, dass sich vieles so schnell ändert. Wenn man gerade dabei ist, an einer "Macke" zu verzweifeln, ist das Problem erledigt - und das nächste da...
Uta Alexander
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