Müssen Enkel Omas aus Höflichkeit küssen?

Meine Mutter ist gekränkt, wenn mein Sohn ihr beim Abholen in der Kita nicht freudestrahlend entgegenrennt oder auf Verabschiedungen oder Küsse ablehnend reagiert. Sie wirft uns vor, dass wir sein Verhalten nicht genug reglementieren. Meinen Vorschlag, dem Kind eine Kleinigkeit mitzubringen, sieht Oma als Bestechung an. Er soll sie dafür lieben, dass sie sich um ihn bemüht.

Die Oma sieht den Jungen eher unregelmäßig alleine, und das auch erst seit kurzem. Unser Sohn braucht manchmal länger, um warm zu werden und eigentlich versteht er sich mit seiner Oma sehr gut. Wenn wir alle zusammen sind, ist er allerdings sehr auf uns/mich fixiert. Wir haben der Großmutter einmal vorgeworfen, dass wir uns ihr Verhältnis zu ihrem Enkel anders (intensiver, interessierter ...) vorgestellt haben. Sie hat erklärt, warum das nicht geht und wir haben uns damit arrangiert. Dieser Dialog wurde jetzt hervorgekramt und muss dafür herhalten, dass unser Sohn angeblich unsere Ablehnung ihr gegenüber übernimmt. Wenn wir alle zusammen sind, macht meine Mutter keine Anstalten, sich bevorzugt dem Kind zuzuwenden... Ich kann schon verstehen, dass sie sich kränkt, aber ich habe ihr vor allem letzteres zu bedenken gegeben. Außerdem finde ich, dass sie von ihrem Enkel zu viel Reife erwartet. Sie kann das überhaupt nicht einsehen und empfindet sein Verhalten als unnormal. Was kann ich noch tun? Iris K.

Liebe Iris,

leider weiß ich nicht, wie alt der Junge ist. Also, ich stelle mir jetzt mal einen Vier- bis Fünfjährigen vor.

Diese Jungs sind nicht mit Küssen zu gewinnen. Sie wollen nach allen Regeln der Kunst umworben werden. (Spiele, Scherze, kleine "Verbrüderungen" gegen Mama und Papa, Geheimnisse, Lieblingsessen... ) Oft schlägt ihr Herz für Großväter, die noch Freude daran haben, einen Fußball ins Tor zu jagen oder die dick aufgetragene Geschichten darüber erzählen, was sie mal für tolle Hirsche waren. Kinder lieben Vorbilder, lebenspralle Personen mit Strahlkraft, und das meine ich nicht unbedingt körperlich. Von denen nehmen sie auch mal einen Rüffel für unbotmäßiges Verhalten in Kauf, wenn's denn sein muss. Eine chronisch beleidigte, auf Regeln pochende Großmutter aber ist glatt zum Davonlaufen.

Wenn sich Ihr Sohn mit seiner Oma nach einer Aufwärmphase gut versteht, kann Oma also eigentlich ganz froh sein.

Gehen Sie davon aus, dass weder Ihre Mutter noch Ihr Kind sich in nächster Zeit gravierend ändern werden. Sie könnten reden, soviel Sie wollen, es wäre vergeblich. Grundsatzdiskussionen und Standpauken erzielen null Effekt. Oder verstärken das unerwünschte Verhalten, aus Trotz.

Sinnvoll ist, Oma und Enkel öfter mal miteinander allein zu lassen. Und sich gaaaaanz weit zu entfernen. Die beiden sollten aufeinander angewiesen sein, gern auch zusammen Lösungen für ein gemeinsames Problem finden. Ereignisse dieser Art bringen Stoff für "Familiengeschichten" und Gelegenheit für Oma und Enkel, sich zu verbrüdern und einander schätzen zu lernen. Das ist das Ziel. Zärtlichkeit steht auf einem ganz anderen Blatt.

Oma muss sich liebevolle Begeisterung verdienen lernen. (Nicht durch Geschenke, das wäre zu billig, da hat sie recht!) Sie können ihr helfen. Berichten Sie Ihrer Mutter z.B., dass Ihr Enkel über dies oder jenes, was sie mit ihm gemacht hat, später noch freudig gesprochen hat, - in der Hoffnung, dass Sie das dann wiederholt. (Irgend etwas, was der Junge sehr mag, wird sie ja wohl mit ihm machen, oder?) Oder Oma soll sich etwas wünschen, das der Enkel für sie tun kann. Etwas, was abrechenbar ist und ihn stolz macht. Küsse und Umarmungen tun das nicht.

Beides sind Gefühlsäußerungen, die nicht jedem Menschen gegeben sind. Seien Sie froh, dass Ihr Sohn offen sagt, was er denkt und fühlt. Zwingen Sie Ihn auf keinen Fall zu verlogenen Gefühlsäußerungen. Außerdem: Was könnte kränkender für Ihre Mutter sein als Küsse, die nichts als eine Pflichtübung sind?!

Generell leiden ältere Menschen darunter, zu wenig berührt zu werden. Das kann sogar krank machen. Dieses Körperkontakt-Defizit könnte auch das Problem Ihrer Mutter sein. Manche Menschen haben das Glück, von kleinen Kindern spontan wieder Zärtlichkeit zu bekommen und blühen dadurch sichtbar auf. Aber ein kleiner Junge, den man selten sieht, ist kaum die Person, von der man so etwas erhoffen kann.

Vielleicht wünscht sich Ihre Mama ja auch nur "wegen der Leute" eine größere Show beim Abholen des Enkels aus dem Kindergarten. Aber die kriegen selbst Mütter nicht immer.

Uta Alexander

Veröffentlicht am 2. August 2010. (658 Tage alt) in Kummerkasten
 

„Stimmts, Opa“, sagte Anton gestern dicht an meinem Ohr, „das Leben ist ungerecht.“ „Und gefährlich, Alter!“, ranzte ich ihn wütend an. Der Kerl hatte mich aus dem schönsten Schlummer geschreckt.

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