Gratis-Hotel Mama & Oma
Habe mich gerade etwas durch den Kummerkasten gelesen. Ich dachte eigentlich, dass ich die einzige bin, die Kummer hat wegen ihres Enkels. Aber bin ich nicht, wie ich gelesen habe.
Tja, mein Enkelkind wird nächsten Monat 3 Jahre alt. 2 1/2 Jahre davon habe ich sie betreut, ganztags. Als sie geboren wurde und die Eltern beide arbeiten gehen mußten, wurde ich darum gebeten. Kein Problem für mich, tat ich auch. Die Enkelin verblieb in der Wohnung der Eltern und ich fuhr jeden Tag da hin und versorgte die Kleine. Kostenlos natürlich! Man ist ja Oma. Danach bin ich wieder nach Hause. Dies ging für 4 Monate gut.
Als ich merkte, dass ich immer mehr eingespannt wurde und sogar noch den ganzen Haushalt der Kinder machte, verlangte ich 200 Euro für 15 Stunden wöchentlich. Sie suchten sich einen Babysitter und ich durfte das Kind nicht mehr sehen. Na gut, ich fand mich damit ab, denn was sollte ich auch sonst tun.
Sechs Monate später besuchte mich meine Tochter. Sie hatte sich angeblich von ihrem Freund getrennt und blieb gleich mit dem Kind hier. Und schwups hatte ich eine 24-Stunden-Tätigkeit. Ohne Bezahlung diesmal! Das Kind konnte weder laufen noch sonst was. Ich versorgte es 24 Stunden täglich, 7 Tage in der Woche. Es hatte alles, was halt ein Mensch so braucht. Auch meine Tochter verpflegte ich gratis mit. Hotel Mama + Oma also.
Bis ich herausfand, dass meine Tochter sich gar nicht von ihrem Freund getrennt hatte. Sie wollte nur Kosten sparen und bequem leben. Als ich sie damit konfrontierte, nahm sie ihr Kind und ging zurück. So, Enkelkind wieder weg!
Irgendwann kam dann eine SMS, ob ich das Kind wieder nehmen würde. Jaaaaa sagte ich erneut. Enkel zog wieder ein. Bald darauf auch meine Tochter. Das Kind lebt nun schon seit einem Jahr wieder bei mir, meine Tochter 8 Monate, - wieder gibt es Vollzeitbetreuung und Verpflegung für beide.
Meine Tochter behandelt ihr Kind nicht gut. Kein Hallo, kein Drücken, kein Spielen, nichts. Hauptsache, sie hat ihre Ruhe. Wenn das Kind nicht hört, dann geht's ab in die Dusche zum Kalt-Abduschen und naß ins Bett zum Schlafen. Da bin ich dann dazwischen gegangen. Sowas lass ich nicht zu. Das sind keine Erziehungsmethoden. Ich habe versucht, die Erziehung meines Enkelkindes mit meiner Tochter abzusprechen. Interessiert sie nicht mal.
Am Wochenende gab es jetzt eine Auseinandersetzung, weil meine Tochter meinte, sie müßte mit der Kleinen weggehen, aber das Kind wollte was frühstücken. Ich meinte zu meiner Tochter, dass sie es frühstücken lassen soll, dauert nur 15 Minuten, und dann mit ihr gehen kann. Meine Tochter rastete völlig aus, packte ihre Tasche und haute ab. Das Kind ließ sie bei mir sitzen.
Nachdem ich drei Tage nichts von ihr gehört hatte, meldete sie sich per Mail und meinte, dass es ihr Kind sei und sie habe sich beim Jugendamt erkundigt, dass es Kindesentzug wäre, was ich gemacht habe. (Nur weil ich meinte, dass das Kind erst frühstücken sollte? Meine Tochter wohnt hier, sie hätte ihr Kind doch mitnehmen können!) Sie sagte noch, ich hätte ab sofort nur das zu tun, was sie anordnet und jederzeit zur Verfügung zu stehen, wenn sie ihr Kind sehen will. Und wenn ich das nicht einhalte, wird sie es zum Vater bringen.
So. Nun kommt der nicht zahlende Vater ins Spiel. Er meinte am Telefon, dass er seine Tochter mit der Polizei hier rausholen wird und mich anzeigt.(Verstehe ich auch nicht, weil meine Tochter sie doch holen oder besuchen oder sonst was weiß ich alles machen kann!)
Ich habe jetzt erfahren, wohlgemerkt von anderen Personen, dass meine Tochter geheiratet hat. Nicht den Vater des Kindes, sondern jemand anderen. Dieser soll das Kind jetzt adoptieren. Meine Tochter hat sich 4 Tage schon nicht mehr gemeldet. Das Kind ist bei mir. Was soll ich jetzt machen? Ich kann gar nicht mehr klar denken. Bin ich nun blöde oder wer? Merl
Liebe Merl,
blöd sind Sie natürlich nicht.:) Nur viel zu gutgläubig, großherzig und pflichtbewusst. Ihr "Fall" ist ein gutes Beispiel dafür, dass man auch zwischen nahen Verwandten schriftliche Verträge machen sollte, genau wie mit Fremden. Das ist nicht böse, sondern regelt nachprüfbar die beiderseitigen Rechte und Pflichten. Und man kann Versäumnisse später einklagen. Ihre Tochter war ja bei Ihnen Untermieterin, da wären anteilige Mieter, Strom und Wassergeld fällig gewesen... eine polizeiliche Meldung übrigens auch... Na, und so weiter. Für Sie kommt das jetzt zu spät.
Das Hin -und Her, das Sie schildern, wirkt geradezu beängstigend. Warum Sie trotz der häufigen räumlichen Nähe Ihrer Tochter emotional so fern geblieben sind, erschließt sich mir nicht. Ein Wechsel des Partners und eine heimliche Heirat, ohne ein Wort zur eigenen Mutter, die sich um das Kind kümmert... Extrem, wirklich! Schon weil der leibliche Vater des Kindes offenbar kurz davor ist, auszuflippen. Wär' ja nett gewesen, Sie mal vorzuwarnen.
Wie lief denn nur der Alltag unter einem Dach? Haben Sie nicht ab und an abends zusammengesessen, Organisatorisches besprochen, darüber geredet, was die Kleine am Tag gemacht hat und wie überhaupt jeder sich so fühlt? Gab es keinen normalen Austausch? Wenigstens, wie man ihn mit netten Nachbarn hat? Offenbar nicht, Sie sind als Dienstleisterin betrachtet worden, die lästig wurde, wenn sie eine Meinung hatte. Oder, schlimmer noch, Wünsche.
Ich finde Ihre Hilfsbereitschaft überwältigend. Und dass Sie sich schützend vor das Kind stellten, wenn die Mutter mit der kalten Dusche als Strafe kam. (Wo hat sie denn diese abartigen Erziehungsmethoden her?!) Ich sehe auch, dass Sie versucht haben, in guter Absicht Regeln aufzustellen. Aber Ihre Tochter sieht offenbar zu allererst sich selbst. Vermutlich hat sie auch allerhand Probleme...
Tja, was nun tun? Sie sitzen mit dem Enkelkind da, ohne Geld. Die Mutter ist verschwunden, der Vater hetzt die Familie gegen Sie auf ... Nichts ist geregelt. Sie dürften theoretisch ohne die Erziehungsberechtigte keine Entscheidungen treffen. Nicht mal über eine Spritze, falls das Kind krank wird und eine braucht.
Ich denke, Sie sollten sich an eine Erziehungsberatungsstelle in Ihrer Nähe wenden, sh. Beitrag Rat bei Familienproblemen in GroßelternReport. Es heißt zwar "Erziehung", aber man kann dort Rat in vertrackten Familienangelegenheiten einholen. Auch das Jugendamt kommt als Ansprechpartner infrage. (Ich bezweifle übrigens, dass Ihre Tochter wirklich dort war. Sie hat doch viel zu viel zu befürchten, wenn es hart auf hart kommt und Sie als Oma das Verhältnis zwischen Mutter und Kind schildern) Neutraler als Ratgeber ist die Beratungsstelle. Das Jugendamt könnte sich zu Handlungen verpflichtet fühlen, die Sie und Ihre Tochter nicht mehr unter Kontrolle haben.
Eines bleibt Ihnen nicht erspart: Vor dem Kontakt zu jeglichen Ratgebern müssen Sie sich darüber klar werden, was Sie wollen. Das Enkelkind aufziehen? Es gelegentlich pflegen auf der Grundlage eines privaten Vertrages mit Ihrer Tochter? Sich von beiden ganz lösen? Ich konnte keine bereits herangereifte Entscheidung aus Ihren Zeilen herauslesen. Sicher machen Sie sich Sorgen um das Kind, sonst hätten Sie wahrscheinlich schon längst das Handtuch geworfen.
Die Taktik, zu sagen, dass die Eltern das Kind jederzeit abholen können, finde ich richtig. Das nimmt den beiden den Wind aus den Segeln. Wenn Sie klammern würden, käme noch sehr viel mehr Aggressivität ins Spiel. Wenn ich allerdings an ein kleines dreijähriges Mädchen denke, das bei seinen Eltern nur als Druckmittel willkommen ist, kann ich Ihre Gemütsverfassung vollkommen verstehen... Da mischen sich Trauer, Verbitterung und Wut. Suchen Sie sich recht bald einen professionellen neutralen Ratgeber in Ihrer Nähe, der die einschlägigen Hilfsnetzwerke für Kinder kennt. Trost auf dem Papier ist für Sie zu wenig.
Uta Alexander


