Opas dürfen grantig sein. Jetzt kommt Seniorenhilfe von Disney!

Carl Fredricksen, 78, verwitwet. Seine Botschaft: Es ist nie zu spät, über sich selbst hinaus zu wachsen. (In "OBEN", Filmstart am 17. September 2009)
Dieser Mann ist kein Opa. Er hat nie eigene Kinder gehabt. Außerdem wäre er mit seinen 78 Jahren wohl auch eher ein Uropa.
Es handelt sich um Carl Fredricksen, den „Hauptdarsteller“ des neuen Disney-Animationsfilms OBEN, der im Herbst in die Kinos kommt. Nach „Nemo“ nun ein menschlicher Held. Obwohl, ... Held ... Das zeigt sich erst ganz zuletzt. Der halben Film lang ist der ehemalige Luftballonverkäufer einfach nur ein kauziger Knatterkopp und Menschenhasser.
Sein mürrisches Nussknackergesicht hat gute Gründe. Carl hat nichts mehr zu verlieren. Seine Frau Elli ist tot, sein in die Jahre gekommenes Holzhaus soll Wolkenkratzern weichen, ihm selbst droht die Abschiebung ins Altersheim.
Warum es dazu nicht kommt, sondern er zusammen mit einem übergewichtigen Achtjährigen in Südamerika den Wundervogel Kevin vor dem Aussterben rettet, erfahren wir in knapp 100 Filmminuten voller Gelächter, Heulen und Zähneklappern.
Sie bieten jede Menge Gesprächsstoff über:
- alte Technik (Zeppelin, Ballonflug)
- neue Technik (GPS, gedankenlesende Hundehalsbänder)
- Dschungel und vergessene Welten
- skrupellose Forscher
- Liebe zwischen frechen Girlies und verklemmten Träumern
- Glück und Unglück kinderloser Ehen
- Tod und Einsamkeit
- gefährliche Naivität und übertriebenes Misstrauen
- das Aufwachsen ohne Vater
- Hundepsychologie
- den richtigen Zeitpunkt, seine Träume zu verwirklichen
- das Pfadfinderwesen
- Seniorenalltag und Seniorenhilfe
.... und, und und...
Mancher ältere Zuschauer wird vielleicht befremdet sein, weil kurzzeitig Wochenschau-Sound in den Ohren gellt. Oder sich daran stören, dass ein Forscher, schon erwachsen als seine Bewunderer noch Kinder waren, plötzlich jünger aussieht als diese selbst. Oder dass ein Vogel ausgerechnet auf Schokolade steht.
Jüngerem Filmpublikum liegen solche Einwände fern. Die Allerkleinsten könnten höchstens einschlafen, weil, während sie auf die angekündigten Abenteuer warten, die Lebensgeschichte Carls breit ausgemalt wird. Oder losheulen, wenn die Hundemeute mit Dobermann Alpha an der Spitze auf Breitwand die Zähne fletscht. Eine Sechsjährige ging stinksauer aus dem Kino: Carls Frau Elli war gestorben, weil sie schon alt war, hatte ihr die Mutter soeben erklärt. Wie unlogisch! Carl war doch genauso alt. Und lebt! Bis zuletzt hatte sie gehofft, Elli wäre am Ende in alter Frische wieder da. Doch sie blieb tot.
Trotzdem ist OBEN ein Film zum Mehrmals-Gucken. Wegen kühner, genial gezeichneter Perspektiven aus der Luft, Filmmusik ohne Scheu vor großen Gefühlen, virtuoser Animation, - und vor allem Carl Fredricksen, in dem jeder aus der Generation 50+ Züge von sich selbst erkennt, wenn er ehrlich ist.
PS: Das Pixar-Kreativteam ist zu Studienzwecken in Venezuela, Brasilien und Guayana unterwegs gewesen, für mehr Realitätsnähe und Glaubwürdigkeit. Ich hab’ den Verdacht, es hat sich außerdem undercover auf der Geriatrischen Station meines Kreiskrankenhauses umgeschaut!
Uta Alexander


