Enkel bringt mit seinen Blitz-Besuchen unseren Alltag durcheinander
Mein Mann und ich sind unserem jüngsten Enkel (16) besonders zugetan. Er war in den Ferien immer bei uns und besucht uns heute noch gern. Wir wissen nur nie genau, wann. Das bringt uns arg aus dem Konzept. Mit über 80 Jahren möchte man sich doch gern auf Besuch einstellen. Er kommt, wann es ihm passt. Manchmal warten wir auf ihn, weil wir denken, es ist wieder Montag nachmittag, wie beim vorigen Mal, und dann kommt er doch nicht. Ganz selten ruft er kurz vorher an. Gut ist, dass er da dann wenigstens absagt, wenn "wieder was dazwischen gekommen ist". Wir machen uns Sorgen, dass er sich anderswo mit seiner Unzuverlässigkeit unbeliebt macht.
Flora N.
Liebe Flora,
für seine Generation ist Ihr Enkel ein Muster an Zuverlässigkeit: Er besucht Sie über Jahre relativ regelmäßig und sagt ab, wenn er einen festen Termin nicht einhalten kann! Wahrscheinlich ist ihm dann nicht "was dazwischen gekommen“, sondern auch andere Vorhaben standen bis zuletzt nicht völlig fest und er musste taktieren, dass er möglichst viele davon „auf die Reihe kriegt“. Das ist heutzutage normal.
Wahrscheinlich kann der junge Mann gar nicht ermessen, dass es Sie unruhig macht, wenn er so sporadisch reinschneit.
Sie haben vermutlich einen Lebensrhythmus mit festen Essens- und Schlafenszeiten, Einkaufstagen und Fernsehsendungen, die Sie nicht verpassen wollen. Ihre Zeit hat ein festes Gerüst.
Bei den Jugendlichen heute ist das anders. Es nicht mehr üblich, sein Leben so starr unter Kontrolle zu halten. Die „Zeitwelt“ ist dynamischer geworden. Man treibt viel Aufwand, um sich miteinander zu koordinieren. Es gibt immer mehr Jobs mit freier Zeiteinteilung und auch in der Freizeit ist man flexibel. Man hat das Handy immer parat und hält sich gern bis zum Schluss alle Optionen offen. Da heißt es dann zum Beispiel unter Freunden: „Ruf mich an, wenn du heute im Club bist, dann komme ich auch hin.“ Wenn der Freund nicht kommt und Ihr Enkel ist gerade in Ihrer Nähe, schiebt er vielleicht einen Oma/Opa-Besuch ein... Das heißt, er denkt an Sie, Sie sind ihm wichtig.
Natürlich könnten Sie den Jungen darum bitten, sich auf einen Tag im Monat als Besuchstag festzulegen. Aber ich denke, Sie würden sich damit keinen Gefallen tun. Jetzt sagt er sich: Ich guck’ jetzt schnell mal bei Oma rein. Wenn es gerad’ nicht passt, geh’ ich wieder... Ein fester Besuchstag kann in Zwang ausarten. Ich würde lieber darauf verzichten und in Kauf nehmen, dass ich dem Enkel keinen Kuchen vorsetzen kann oder nicht perfekt frisiert bin. Es hat vielleicht sogar was für sich, wenn man ständig auf Besuch gefasst sein muss: Man erlaubt sich weniger kleine "Schlampereien".
Von Unzuverlässigkeit jedenfalls kann nur die Rede sein, wenn der junge Mann echte Termine mit Ihnen nicht einhält, z.B., wenn er Hilfe versprochen hat oder zu einem Essen eingeladen ist, dass Sie extra für ihn vorbereitet haben. Machen Sie sich also keine Sorgen, der Junge ist völlig o.k. und wahrscheinlich auch anderswo so beliebt wie bei Ihnen.
Uta Alexander


