Das Kind will plötzlich zu Oma ziehen! Was steckt dahinter?
- Wir besuchen unseren Sohn, die Schwiegertochter und die Enkelin (3 1/2 Jahre alt) regelmäßig einmal monatlich. Die Kleine war auch schon allein bei uns und hat sich wohl gefühlt. Das Verhältnis zu ihr ist herzlich, Einmischung in Familienbelange unsererseits erfolgt nicht, es gibt auch nichts zu kritisieren. Für uns ist alles o.k. Wenn wir allerdings nach Hause fahren, gibt es häufig Stress. Die Enkelin erzählt dann den Eltern, sie würde jetzt zur Oma ziehen, Oma wäre traurig wenn sie nicht käme, usw. Sie ist launisch und einfach wie „ein anderes Kind“ (sagt unser Sohn). Nach einiger Zeit ist es vorbei und alles läuft wieder normal. Die jungen Eltern sind aber jetzt gereizt und wir dem Vorwurf ausgesetzt, dem Enkelkind solche Flausen in den Kopf zu setzen. Tun wir aber nicht! Was läuft falsch? Barbara Z.
Liebe Barbara,
ich habe den Berliner Psychologen Dr. André Jacob zu Ihrer Frage zu konsultiert. Er meint, ein Kind im Alter von dreieinhalb Jahren meint mit dem, was es sagt, nicht unbedingt genau das, was es sagt. Es stecke oft etwas dahinter, was das Kind aber so genau nicht formulieren kann.
Also, Ihre Enkelin will nicht wirklich zu Oma und Opa ziehen. Sie würde es niemals übers Herz bringen, Mama und Papa tatsächlich zu verlassen. Ihr Wunsch deute aber darauf hin, dass ihr bei Ihnen oder an Ihnen etwas gefällt, was sie Zuhause vielleicht ein wenig vermisst. Es lohne sich, herauszufinden, was genau das ist. Vielleicht ist es die größere Gelassenheit reiferer Menschen, im Vergleich zu arbeitenden, eventuell gestressten Eltern. Oder Ihr waches, vorbehaltloses Zuhören ohne pädagogische Absichten, mehr Lachen, mehr Spaß, mehr Harmonie in der Paarbeziehung, mehr Fürsorge und Bedient-Werden - was auch immer... Das Kind hat seiner Familie auf jeden Fall einen Denkanstoß gegeben.
Dass die Eltern die kindliche Aussage als Kränkung empfinden, ist völlig verständlich. Ich glaube, ich wäre auch ziemlich sauer. Es bringt aber nichts, Ihnen oder dem Kind Vorwürfe zu machen. Man muss einfach genau hinschauen. Die über Dreijährige ist jetzt in einer Entwicklungsphase, in der sie Menschen schon wirklich beobachtet. Sie stellt Vergleiche zwischen ihren Charakteren, Verhaltensweisen und Lebensweisen an. Das ist ein Zeichen kindlicher sozialer Klugheit. Es ist ein Kompliment an die Eltern, dass ihre Tochter dazu in der Lage ist und keine Scheu hat, es auszudrücken.
Sie als Großeltern müssen sich nicht entschuldigen und die jungen Eltern müssen sich nicht schlecht fühlen. Sie haben die Chance, wenn sie ihre Tochter ernst nehmen und den Satz "ich ziehe jetzt zu Oma" sachlich hinterfragen (Was wirst du dort machen? Was ist anders als zuhause? Was willst du mitnehmen? etc. ) etwas über ihre tiefen inneren Bedürfnisse herausfinden. Sie können dann versuchen, etwas in diese Richtung zu unternehmen.
Es wird Ihren erwachsenen Kindern übrigens noch öfter so gehen wie jetzt. Überall lauert "Konkurrenz" für Eltern. Manche Kinder verlieben sich geradezu in ihre Kita-Erzieherin oder ihre erste Lehrerin. Diese sind dann große Autoritäten, die die Eltern für eine Weile in den Schatten stellen. Es kommt auch vor, dass Jungen oder Mädchen die Eltern ihrer Freunde zeitweise viel toller finden als die eigenen. Das kann man nicht verhindern. Wenn Eltern ehrlich sind, müssen sie zugeben, dass sie ihrerseits ihre Kinder mit denen anderer Leute vergleichen. Was noch lange nicht heißt, dass man die eigenen weniger liebt, wenn sie nicht bei allen Kriterien mithalten...
Also, belasten Sie sich nicht mit Vorwürfen bzw. lassen sich ein schlechtes Gewissen machen. Dass Ihre Enkelin von der Rolle ist, wenn ihr geliebter Besuch wieder wegfährt, finde ich völlig normal. Versuchen Sie, Abschiede leicht zu machen und kleine Rituale zu erfinden, die die Entfernung überbrücken. (Kurzer Anruf, CD mit Gute-Nacht-Gruß dalassen, Postkarte extra fürs Kind von daheim schicken etc.)
Sagen Sie Sohn und Schwiegertochter, dass Sie sie für gute Eltern halten. Dann werden sie Sie als das sehen, was Sie sind, nämlich Verbündete.
Uta Alexander


