Hat meine Enkelin Essstörungen aus Eifersucht?

Meine Enkelin (8 Jahre alt) macht mir Sorgen, weil sie - wenn sie bei ihrer Mutter ist - seit einiger Zeit immer weniger Nahrung zu sich nimmt. (Wie es beim Vater läuft, weiß ich nicht.) In der Schule gibt es keinerlei Probleme. Meine Tochter ist geschieden. Das Mädchen wohnt abwechselnd bei ihrem Vater und ihr. Das Hin und Her funktioniert. Könnte es bei meiner Enkeltochter eine Eifersuchtsreaktion auf den neuen Freund ihrer Mutter sein? Soll die Mutter sich etwa wieder trennen? Sie hat doch nach der Scheidung wieder ein Recht auf Leben! Heidrun K.

Liebe Heidrun,

Trennungen haben tiefe Auswirkungen auf Kinder, auch wenn sie nach außen hin cool bleiben. Die Selbstbeschränkung beim Essen ist oft der Wunsch, das Leben wieder in den Griff zu kriegen, Kontrolle auszuüben, etwas zu beherrschen - und sei es nur sich selbst.

Man sagt, dass es meist charakterstarke, disziplinierte, intelligente Menschen sind, die zur Magersucht neigen. Dass im Alltag alles funktioniert, deutet darauf hin, dass Ihre Enkelin eine solche Persönlichkeit ist. Es besteht die Gefahr, dass aus dem Wenig-Essen wirkliche Magersucht wird. Dann wird das Kind nicht mehr essen können, selbst wenn es möchte.

Gut, dass Ihnen das Problem aufgefallen ist und Sie es nicht einfach abtun nach dem Motto "Das gibt sich schon wieder!". Wenn es sich verschärft, kommen Mutter und Tochter ohne professionelle Hilfe nicht weiter. Vielleicht sollte Ihre Tochter schon eher - z.B. bei einem Kinderarztbesuch wegen eines anderen Anlasses - auf Ernährung zu sprechen kommen. Auf jeden Fall sollte sie nicht so tun, als würde sie nichts merken.

Ich weiß nicht, ob Ihre Enkelin eher pummelig ist. Dann ist es vielleicht nur der normale Wunsch eines vorpubertären Mädchens, attraktiver zu werden. Das sollte man auch nicht als Marotte abtun, sondern ernst nehmen. Sie als Großmutter können z.B. helfen, indem Sie erklären, was man essen kann, ohne viel Kalorien zu sich zu nehmen. Natürlich müssen dann Mutter und Vater entsprechend einkaufen. Wenn das Hungern eher in Richtung Selbstzerstörung geht, zögern Sie nicht, auf professionellen Rat zu drängen. Man kann beim Vorgehen auf eigene Faust allerhand falsch machen. Betteln oder Drohen zum Beispiel bewirken nur das das Gegenteil dessen, was man will.

Natürlich muss Ihre Tochter ihre neue Liebe nicht aufgeben. Das wäre lebensfremd und auch das falsche Signal für das Kind. Es würde sich dann auch bei jedem anderen Partner so verhalten. Der Achtjährigen muss klar sein, dass auch ihr Vater sich wieder neu bindet, wenn er nicht überhaupt wegen einer "Neuen" wegzog. Und dass sie die alte Familie nicht wieder zusammenbringt, auch wenn sich Mutter und Vater nun um sie Sorgen machen und deshalb miteinander reden.

Tatsache ist, dass die Achtjährige jetzt viel Zuwendung braucht. Dass sie bei Mama kaum mehr isst, ist auch eine Art Hilferuf: Kümmere Dich um mich! Beide Eltern sollten das jetzt tun. Insbesondere die Mutter sollte Zeit mit der Tochter allein verbringen und viel mit ihr reden. (Nicht unbedingt übers Essen, auch nicht über den neuen Partner, - nur wenn das Mädchen selbst davon anfängt. Lieber nach ihren eigenen Freunden fragen. Vielleicht hat sie eine unglückliche Liebe. Eine erste ernste Schwärmerei ist mit acht Jahren durchaus denkbar.) Das Kind sollte sicher sein, dass ihre Mutter sie für ein tolles, kluges, schönes Mädchen hält, sehr liebt und dass schon sie beide eine kleine Familie sind, die ein Leben lang füreinander da ist. Auf eine Stabilität vertrauen zu können, ist für ein Scheidungskind wichtig. Auch Sie als Großmutter sind ein stabilisierendes Element, die "weibliche Linie", die das Mädchen fortsetzen wird. Hören Sie sich geduldig den Kummer ihrer Enkelin an, ohne für jemanden Partei zu ergreifen. Auch nicht für Ihre Tochter, für die Sie offenbar viel Verständnis haben. Nur als neutrale Instanz kommen Sie als Vermittlerin infrage, falls sich Konflikte zuspitzen.

Beobachten Sie, wie sich Enkelin und potenzieller Stiefvater zueinander verhalten. Sie könnten ihm, wenn Sie ihn mögen, Tipps geben, womit er bei dem Kind gut ankommt, schließlich kennen Sie es seit der Geburt. Aus der Ferne kann man nicht raten, ob mehr Distanz oder, im Gegenteil, mehr Zuwendung von seiner Seite gut sind. Auf keinen Fall sollte er sich als der neue Erzieher präsentieren und gegen Papa stänkern. Schön wäre es, wenn die beiden miteinander lachen könnten.

Ich wünsche Ihnen dass Ihre Enkelin wieder mehr Appetit aufs Leben kriegt- dann kommt hoffentlich auch der andere zurück.

Uta Alexander

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Veröffentlicht am 6. August 2009. (1019 Tage alt) in Kummerkasten
 

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