Warum Bücher-Gucken mit kleinen Kindern so viel Spaß macht

Kirsten Boie, Jahrgang 1950, Trägerin des Deutschen Jugendliteraturpreises, engangiert sich seit Jahren für die Leseförderung. Foto: Reto Klar
... und was es den Kindern bringt. Kinderbuchautorin Kirsten Boie im Gespräch:
O Sollte man wirklich schon mit Babys Bücher anschauen?
Kirsten Boie: Ja. Alle Babys mögen es, mit einem Menschen, den sie lieb haben, Bücher zu begucken: Auf dem Schoß, aneinander gekuschelt, bringt das für beide eine ganz besondere Erfahrung von Nähe. Jeden Tag eine halbe Stunde, möglichst immer zur selben Zeit, verlässlich und gemütlich. Dieses Gefühl von Vergnügen, Zuwendung und Wohlbefinden verbinden Bücherbabys dann für den Rest ihres Lebens mit Büchern.
O Werden sie später leichter lernen?
Kirsten Boie: Ein Buch wird für sie auch später ein Anblick sein, der Freude auslöst, und kein Lerngegenstand, vor dem sie Angst haben. In der Schule finden sie damit einen leichteren und fröhlicheren Zugang zum Lernen. Das haben Untersuchungen in vielen Ländern bestätigt.
O Wie wirkt sich frühe Leseförderung genau aus?
Kirsten Boie: Sie verschafft Kindern einen besseren Start ins Leben. Schon mit einer halben Stunde Bücherzeit am Tag lernen Babys ganz nebenbei ziemlich viel. Sie können früher und mit mehr Vergnügen sprechen und behalten den Sprachvorsprung ein Leben lang.
O Und darüber hinaus ...
Kirsten Boie: ... lernen sie auch immer besser, sich auf eine Sache zu konzentrieren - eine wichtige Fähigkeit nicht nur für den späteren Erfolg in der Schule. "Bücherkinder" besitzen auch ihr Leben lang in jeder Situation eine Quelle für Spaß und Spannung und Trost. Darum sollten wir uns und unseren Kindern diese tägliche halbe Stunde schenken.
O Was ist die beste Art, mit den Allerkleinsten Bücher anzuschauen?:
Kirsten Boie: Babys lernen mit allen Sinnen. Sie wollen ein Buch greifen, hochhalten, anbeißen. Sie wollen noch keine ganze Geschichte vorgelesen bekommen, aber sie lieben vertraute Stimmen, Reime, Lieder, Fingerspiele und Kniereiter. Und sie lieben endlose Wiederholungen, weil sie sich freuen, etwas wiederzuerkennen.
O Besteht die Gefahr, sie mit Büchern zu überfordern?
Kirsten Boie: Niemand spürt so gut wie die Babys selbst, was sie schon verstehen und welcher nächste Entwicklungsschritt gerade ansteht. Und der ist nicht bei allen Kindern gleich.
O Was bedeutet das für den Vorlesenden?
Kirsten Boie: Dass er das Kind jederzeit unterbrechen, vor- oder zurückblättern und auch mal in die Pappseiten beißen lassen darf. Allmählich begreift trotzdem jedes Kind, dass Bücher Geschichten erzählen und allmählich will auch jedes Kind sie hören. Aber nicht zu Anfang. Da geht es noch hin und her, da müssen tausend Fragen beantwortet werden, da darf dabei auch ordentlich gelacht und Quatsch gemacht werden, und manches Kind denkt sich selbst etwas zu den Bildern aus. Bücherbegucken soll vor allem Spaß machen, Großen wie Kleinen. Mit Spaß lernt man am besten!
(Quelle: Interview anlässlich des Erscheinens der ersten Monatszeitschrift für 1- bis 3-Jährige, "Pippo")
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