Wird unser Enkelkind uns schon bald vergessen haben?
Unsere Enkelin, jetzt 2 1/4 Jahre alt, hat seit ihrer Geburt einen sehr engen Kontakt zu uns Großeltern. Haben uns oft täglich gesehen. Jetzt hat die Mutter das Aufenthaltsrecht zugesprochen bekommen und ist in eine andere Stadt gezogen. Unser Sohn und wir werden sie wohl nur alle 14 Tage für zwei Tage sehen. Wir, die Großeltern, haben Angst, dass sie uns mit der Zeit vergisst. Hat schon jemand Erfahrung mit so etwas gemacht? Werner
Lieber Werner,
je jünger ein Kind ist, desto schneller vergehen seine Erinnerungen an geliebte Personen, das ist leider wahr. Wenn Sie aber wirklich aller 14 Tage zwei Tage Kontakt mit einer Zweijährigen haben, bleiben Sie Vertraute für sie. Daran besteht kein Zweifel.
Verglichen mit dem täglichen Kontakt vorher ist das zwar wenig, aber es ist sehr viel mehr als manche andere Großeltern haben. Und die halten sich in den kindlichen Gedanken trotzdem.
Probleme entstehen erst, wenn der Kontakt über längere Zeit abbricht. Zum Beispiel weil die Kleine krank ist, Sie krank sind, Urlaub oder sehr viel Arbeit haben oder weil die Mutter eine neue Beziehung eingeht, ein weiteres Kind bekommt, neue Stief-Großeltern auftauchen... Solche "Risse" entstehen häufig, selbst wenn vorher der Wille der Großeltern stark und die Liebe groß waren. Ich hoffe sehr, Sie lassen es dazu nicht kommen.
Was Sie tun können, ist, die Enkel-Termine ganz fest einzuplanen und für das Kind in Ihrer Wohnung seinen eigenen (kleinen) Platz zu schaffen. Dort kann es Mittagschlaf machen bzw. mit besonders geliebtem Spielzeug spielen, das es nur bei Ihnen benutzt und auf das es sich freut. Dann kann es bei jedem Wiedersehen an Vertrautes anknüpfen. Machen Sie keine Versprechungen, die Sie nicht halten. Ein Kind mit enttäuschter Vorfreude wird sich aus Selbstschutz innerlich zurückziehen und Sie ablehnen, um nicht wieder enttäuscht zu werden.
Es muss für alle Beteiligten ganz normal sein, dass diese Besuche stattfinden. Sie müssen an diesen Tagen auch nichts Besonderes veranstalten, sondern dem Kind einfach nur Zeit und Aufmerksamkeit schenken. Wiederkehrende feste Rituale sind gut, z.B. ein kurzer Spaziergang an eine interessante Stelle. (Das muss nur eine Mauer zum Balancieren sein. Oder eine Tierhandlung, wo man sich zusammen Hasen, Vögel oder Fische anguckt) Es kann bestimmte Lieblingsspeisen bei Oma und Opa geben... Sogar eine besonders markante Optik macht sich gut: Opas Hut, Omas Kette mit Medaillon etc. Tragen Sie diese "typischen" Sachen, die das Kind an Ihnen kennt.
Kleine Kinder lieben Regelmäßigkeit und überschaubare Strukturen, Vertrautes, Wiedererkennbares. Auch Ordnung. Sie kommen eher mit kurzen Treffs in kurzen Abständen klar als mit längeren, die plötzlich und unerwartet "hereinbrechen". Davon kann sich manches Kind sogar extrem gestört fühlen und verbindet das Erscheinen von Oma und Opa dann mit etwas Unangenehmem.(Das gilt auch, wenn es beim Abholen und bei der Übergabe des Kindes Missstimmung oder Streit gibt. Ganz übel!)
Treten Sie Ihrer Ex-Schwiegertochter möglichst entspannt und guter Dinge gegenüber, bringen Sie ab und an eine kleine Aufmerksamkeit für sie mit, z.B. Blumen. Erzählen Sie ihr kurz, was das Kind bei Ihnen erlebt, gesagt, gemacht hat. Ist die Mutter eifersüchtig, kann man das entschärfen, indem man z.B. per Telefon das Kind auch ihr Gute Nacht sagen lässt.
Wenn Ihr Verhältnis zur Kindesmutter gut ist, wird sie vermutlich ganz froh sein, dass Ihre Tochter bei den Eltern ihres Ex Geborgenheit, Ruhe und eine Art Zuhause hat. Ich kann Ihnen nur raten, viel Verständnis für die Lebenssituation der jungen Frau aufzubringen und ihre Wünsche zu respektieren, damit Sie Ihnen vertraut. (Vermeiden Sie jede Meckerei und Kritik. Nach einer gescheiterten Beziehung ist jeder angeschlagen und versteht sogar leicht Dahingesagtes falsch. Auch der Humor lässt erstmal deutlich nach). Dann wird sie auch gern mit dem Kind über Oma und Opa reden und Sie bleiben präsent, obwohl Sie nicht ständig körperlich anwesend sind.
Basteln Sie für Ihre Enkeltochter ein kleines Fotoalbum mit Aufnahmen von sich und ihr und dem Spielzeug, das sie bei Ihnen benutzt, Bettchen, Stuhl, Blick aus dem Fenster, Wohnungstür, Klingel usw. Erzählen Sie dem Mädchen etwas dazu und geben Sie ihr das Büchlein mit zu Mama als Erinnerungsstütze. (Große Fotos, nur wenige Dinge darauf wie bei einem Bilderbuch, festes Papier)
Zum Problem könnte die Aufteilung der Wochenenden zwischen Ihnen und Ihrem Sohn werden. Eine uns bekannte Oma holte ihren geschiedenen Sohn mit seiner Tochter an "Vater-Wochenenden" immer zu sich nach Hause. Sie verbrachten die Vater-Zeit zu dritt. Dann wurde gekocht, gegessen, spaziert, gespielt usw. Diese Oma war alleinstehend, das Kind fast noch ein Baby.
Drei erwachsene Personen und ein Kleinkind unter einen Hut zu kriegen, könnte schwieriger werden. Es kann sein, dass der Vater seine kleine Tochter auch mal ganz für sich haben will - bzw. dass Sie Ihr Enkelchen nicht immer mit ihm teilen wollen. Dann müssen Sie die zwei Enkel- bzw. Vatertage irgendwie unter sich aufteilen. Das kann für eine Zweijährige ziemlich stressig sein. Am besten, Sie reden darüber alle miteinander und suchen die beste Lösung für das Kind. Überlegen sie, ob Sie zugunsten des Vaters verzichten würden. Oder ob nicht vielleicht in einer Übergangsphase sogar Sie als Großeltern die stabilste Verbindung des Kindes zu seiner Familie väterlicherseits sind.
Uta Alexander


