Schwiegereltern sind für mich fremde Leute

Ich bin eine Schwiegertochter in Spe, die bis zur Geburt ihrer Tochter vor 10 Monaten ein relativ gutes Verhältnis zu den Schwiegereltern hatte. Doch ein paar Wochen vor der Geburt hat sich alles verändert. Mir missfiel es total, daß schon Zukunftspläne mit meinem Kind geschmiedet wurden. Regelmäßige Großelterntage mit Übernachtungen wurden gedanklich geplant, Spaziergänge im Kinderwagen.... Nach der Geburt waren sie so voller Freude über das erste Enkelkind (das Sie sich schon Jahre ersehnt haben), dass Sie mehrere Male meine Grenze als gerade gewordene Mutter stark überschritten haben. Sie wollten mir einmal mein Kind nicht wiedergeben, ich mußte mehrere Male darum bitten!

Schweren Herzens hatte ich nach einer Brustentzündung abgestillt, da drückte meine Schwiegermutter das Kind an ihren Busen und meinte, es fühle sich an ihrer Brust wirklich sehr wohl. Das waren Momente, die kann ich jetzt noch kaum ertragen.

Sie haben mein Kind ständig geküsst. Ich fand das überhaupt nicht gut. Irgendwann sagte meine Schwiegermutter auch noch zu mir, Sie liebe ihre Enkelin mehr als ihren eigenen Sohn. Seitdem kann ich es nicht mehr ertragen, sobald meine Schwiegereltern meine Tochter auf den Arm nehmen wollen. Ich habe den Kontakt stark unterbunden. Nach vielem Hin und Her gibt es jetzt einmal im Monat einen Großelterntag und ich bin Tage vorher schon ein nervliches Wrack. Das reicht Oma und Opa natürlich nicht. Aber mehr kann und will ich ihnen einfach nicht zugestehen. Zumal wir als kleine Familie durch Arbeit etc. selbst kaum Zeit für uns haben. Für mich sind es fremde Leute, die Anspruch auf mein Kind stellen. Mit meinem Lebensgefährten hatte ich viel Streit deswegen. Verständlich, denn es sind ja seine Eltern. Doch er hält trotz allem zu mir.

Dass mein Partner mit unseren Kind alleine zu meinen Schwiegereltern fährt, kommt gar nicht infrage. Bei dem Gedanken bin ich schon ganz aufgeregt. Einen Versuch, mit ihnen darüber zu reden gab es. Sie zeigten sehr viel Verständnis, änderten jedoch nichts. Standen einfach mehrere Male ungebeten vor unserer Tür und stürzten sich sofort auf die Kleine. Küssen sie weiterhin als ob wir niemals über das Thema geredet hätten.

Es sind wirklich liebe Menschen, doch ich finde, sie drängen sich zu sehr in unsere Familie. Sie sind beide Renter und sehen in ihrem Enkelkind einen neuen Sinn im Leben. Ich möchte jedoch nicht, dass sich irgendjemand außer meinem Partner und mir so stark auf unsere Tochter fixiert. Aber was ist normal? Wo setzt man Grenzen, wo drückt man ein Auge zu. Ich weiß, daß meine Muttergefühle sehr stark außgeprägt sind, jedoch wird es einen Grund haben, warum sie Alarm schlagen. Ich hoffe, Sie können mir weiterhelfen. Vanessa K.

Liebe Vanessa,

ich wünschte, recht viele Großeltern könnten Ihren Brief lesen. Dann würden sie sich davor hüten, Töchter und Schwiegertöchter mit ihren Wünschen und Gefühlen zu bedrängen, sobald Enkel da sind. Sie haben offenbar keine Ahnung, wie sehr sie sich damit ins Abseits katapultieren.

Eine Hebamme sagte mir mal, sie wünsche sich, dass Großeltern Neugeborene mit Ehrfurcht betrachten. Der Gedanke gefällt mir. Das heißt nämlich auch: mit gebührender Distanz, nicht besitzergreifend. Manche tun das instinktiv. Sie warten geduldig ab, bis die Mutter sie näher kommen lässt. (Ich denke, nicht umsonst ist es in der Tierwelt ähnlich.) Erst dann beginnt eine Beziehung. Sie ist nicht automatisch da, nur weil man verwandt ist, wie einige Großmütter glauben.

Ihre Schwiegermutter hat in ihrem Überschwang offenbar gleich mehrere Haltesignale umgerannt und keine Rücksicht auf Ihre Gefühle gezeigt. Insbesondere nach dem unfreiwilligen Abstillen. Dabei ist das eine traumatische Erfahrung. Sie hätte spüren müssen, wie verletzbar Sie danach waren. Es ist für mich kein Wunder, dass Sie ihr nun auch kein Gespür für die emotionalen Bedürfnisse Ihrer Tochter zutrauen. Ein schrecklicher Gedanke: Baby „sagt“ etwas, mit Stimme, Blicken, Körpersprache – und wird nicht verstanden und statt dessen mit unlogischen Aktivitäten überrumpelt. (sh. Küsse, dazu später)

Omas pathetische Liebeserklärung an die Kleine kam auch zur denkbar unpassenden Zeit. Wie unklug von ihr, noch über eine Fehlinterpretationen zu streiten, statt Ihre Rote Karte ernst zu nehmen! Muttergefühle bei Großmüttern sind ein Strohfeuer. Sie flammen mal kurz auf. (Wenn sie nicht überhaupt eine gefährliche Fehlinterpretation des eigenen Gefühlslebens sind!) Aber vergehen rasch, sobald das Mädchen den Windeln entwächst, sich als Kind seiner Zeit entpuppt und mit Fragen beschäftigt, die für Oma in weiter Ferne liegen. Dann wird sie froh sein über ihre gemütlichere Großmutterrolle, die auch Liebe zulässt, aber Mutterliebe eben nicht.

Zu den Küssen: Niemandem sollten Zärtlichkeiten aufgedrängt werden, auch keinem kleinen Kind. Aus Foren und Gesprächen mit jungen Müttern weiß ich, dass alle es hassen (!!!), wenn andere Frauen ihr Baby drücken und küssen. Eher noch können Mütter ertragen, wenn Fremde es tun, etwa eine Krankenschwester, Kita-Erzieherin oder Babysitterin, als die Schwiegermutter. Manchmal zeigt sich dieser Widerwille sogar bei eigenen Mutter, d.h. der Oma mütterlicherseits. Das deutet darauf hin, dass hier Eifersucht und eine gewisse Rivalität um die Macht im Spiel sind. Schwer beherrschbare Gefühle also.

Aber Sie haben auch noch Ihren Kopf. Bemühen Sie sich um Objektivität. Beobachten Sie Ihr Kind. Wie fühlt es sich wirklich in Gegenwart von Oma und Opa? Ist es gelassen und fröhlich? Richten die alten Leute tatsächlich Schaden an, vor dem Sie Ihr Kind bewahren müssten? (Abgesehen von der Küsserei. Die wird sich Ihre Kleine vermutlich selbst verbitten, sobald sie irgend kann.) Wie gehen die Großeltern mit dem Kind um? Ist da mehr als Niedlich-Finden, Füttern-Wollen und Herumschleppen? Sprechen sie gut, zeigen etwas etc... regen sie das Kind geistig an? Wie souverän ist Ihr Partner, wenn er mit dem Kind bei seinen Eltern ist? Fällt er in die Kinderrolle zurück? Oder beweist er Kompetenz und ist zu einem Machtwort fähig, wenn ihm etwas im Umgang mit dem Kind nicht passt? Sträubt sich die Kleine, wenn Schwiegermutter sie nehmen will? Erst wenn Sie ein gutes Gefühl haben, können Sie Ihr Kind auch mal weggeben, das sollte allen klar sein. Am besten mit Papa. Das finde ich keine so schlimme Idee, zumal er hinter Ihnen steht. Vielleicht nicht mit einem zehn Monate alten Kind. Aber ab anderthalb kann es echt lustig für beide sein.

Machen Sie jetzt „kleine“ Pläne für die Treffs, halten Sie die Begegnungen kurz, aber schneiden Sie sie nicht ganz ab. Ältere Großeltern ertragen Kinder manchmal sowieso nicht mehr in hohen Dosen, sobald sie merken, wie stressig sie sind.

Greifen Sie den Gefühlen Ihrer Tochter nicht vor. Lassen Sie ihr die Möglichkeit, sich die Menschen auszusuchen, die sie mag oder nicht mag. Ein Kind hat andere Kriterien als Sie. Nahe Verwandte sollten wenigstens eine Chance kriegen. Neulich las ich, dass Großmütter unter vielen Neugeborenen am Geruch ihr Enkelkind erkennen können, obwohl sie es noch nie sahen. Erstaunlich, oder? Wenn es überhaupt stimmt. Aber möglicherweise ist doch was dran und „Blut ist dicker als Wasser“. Ihr Kind „gehört“ nicht den Eltern seines Vaters, was diese zu glauben scheinen. Aber es ist auch nicht Ihr Eigentum, sondern gehört sich selbst.

Respektieren Sie das Seelenleben Ihres Partners. Ich finde es ermutigend, dass er jetzt zu Ihnen hält. Aber was würden Sie von ihm halten, wenn er seine alten Eltern mit ihren Sehnsüchten völlig links liegen ließe? Müssten Sie nicht fürchten, dass er auch zu Ihnen irgendwann herzlos ist?

Ich hoffe, Sie schaffen es, den Konflikt nicht weiter zuzuspitzen. Lassen Sie es bei dem monatlichen Großelterntag und machen Sie das Beste draus. (Zu wenig finde ich einmal monatlich übrigens nicht. Im Gegenteil, das ist mit Job und einem eigenen Freundeskreis auf Dauer kaum durchzuhalten. Vor allem, wenn es formale Besuche sind statt solche, denen wirklich jeder etwas abgewinnen kann.)

Was Sie milde stimmen sollte: Die späten Großeltern stehen mehr unter Druck als Sie. Jeden Schritt, den Sie ausweichen, werden sie deshalb nachrücken, nach außen hin fordernd, innerlich eher verängstigt. Sie sind sich dessen bewusst, dass ihre Zeit mit dem Enkelkind begrenzt ist. Leider haben sie nur eines. Sie als Mutter haben alle Trümpfe in der Hand, solange Ihr Kind noch nicht für sich selbst entscheiden kann. Es steht in Ihrem Ermessen, ob Sie die Beziehungen zwischen Ihrem Kind und seinen Vorfahren väterlicherseits wachsen oder veröden lassen.

Letzteres wäre echt schade, finde ich. Ein Kind ist immer der Nachfahre zweier Familien. Man kann nie wissen, „nach wem es kommt“. Vielleicht ein wenig nach Papas Mama... Mehr emotionale Intelligenz als ihre Oma väterlicherseits wird Ihre Tochter aber hoffentlich haben.

Uta Alexander

Veröffentlicht am 8. Juni 2009. (1075 Tage alt) in Kummerkasten
 

„Stimmts, Opa“, sagte Anton gestern dicht an meinem Ohr, „das Leben ist ungerecht.“ „Und gefährlich, Alter!“, ranzte ich ihn wütend an. Der Kerl hatte mich aus dem schönsten Schlummer geschreckt.

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