Januardepression
„Ich muss hier raus“, flüsterte Brigitte gestern kläglich. „Verdammter grauer Januar. Es wird gar nicht mehr hell.“
Alles klar, meine Frau droht mit Depression. Sie will Urlaub. Einen Ort mit Sonne und Meer. Aber grün, keine Wüste. Keine zerlumpten Bettel-Kinder, keine Selbstmordattentäter, kein Curry im Essen, keine Tagesschau, das schlägt alles nur auf den Magen. Günstiger Wechselkurs.
Ich ging in unseren Buchladen. Schätze mal, Reiseführern ist eher zu trauen als Neckermann-Prospekten. Außerdem ist da immer diese knackige Brillenschlange.
Meine sexy Lieblings-Buchhändlerin war leider nicht da. Dafür eine übergewichtige Praktikantin. „Sie sind wahrscheinlich in Tropical Island richtich“, blaffte sie, nachdem ich ein Dutzend Südafrika-, Ägypten- und Thailand-Reiseberichte ausgeschlagen hatte. „Wenn nich die Russen wieder das Gas abdrehen. Denn könnse da in Krausnick Schlittschuh laufen unter Palmen. Und jefrorne Spreewaldgurken lutschen.“
Wortlos starrte ich in ihr schnippisches Babygesicht. Die Frauen meiner Generation waren irgendwie zartfühlender. In ihrem Alter, wohlgemerkt. Oder hatte Pummelbacke recht? Sich begnügen mit dem, was man hat... Tropen nur noch unterm Hallendach. Naherholung statt Fernreise mit Flugangst und Flug-Thrombose. Wär' vielleicht jetzt altersgerecht. Rein preislich gesehn nimmt es sich nix.
Ich schlenderte Richtung Ausgang und fühlte mich grau wie der Januar. Auf dem Lebenshilfe-Ratgeber-Tisch sprang mir ein Stapel dunkelroter Wälzer ins Gesicht. „Silver Sex“ hieß der Titel. Ladenhüter, schätz ich mal. Wer will Silver Sex, wenn man auch Gold- oder Platin-Sex haben kann!? Ich legte einen Schritt zu. Mal hören, was Brigitte dazu sagt.


