Als Oma seltsam wurde

Wer mit Kindern über Alzheimer reden möchte (bzw. muss), findet mit dieser Geschichte einen Zugang, der sie nicht verstört. Wunderbar illustriertes und trotz der ernsten Thematik spannendes und lustiges Buch. Sehr zu empfehlen! (Ab 4 Jahren)
Der Junge mit dem grünen Hut ist sechs Jahre alt. Manchmal passt seine Oma auf ihn auf. Sie lebt in einem Haus vor der Stadt und hat Hühner und einen Kater. Die beiden haben feste Rituale. Oma liest zum Beispiel immer Geschichten vor. Und wenn das Bäckerauto kommt, kauft sie nicht nur ein rundes Brot, sondern immer auch Kekse.
Eine Tages aber erkennt Oma das Kind nicht mehr. Sie wühlt in alten Sachen. Und dann holt sie all ihre Ersparnisse von der Bank und versteckt sie - im Nähkästchen, zwischen Brennholz, unterm Radio und sogar im Nachttopf. Seltsam ist sie geworden, „ein bisschen komisch", misstrauisch und geizig, und dem Kind tut es davon „im Herz weh“.
Das ist auch dem Autor Ulf Nilsson passiert als er klein war. Im Vorwort zu seiner Geschichte erzählt er davon. „Ich hatte Angst vor der Krankheit, denn ich verstand sie nicht.“ Als er erwachsen war, erlebte er, wie seine Mutter verwirrt wurde und glaubt: „Auf so etwas vorbereitet zu sein, ist vielleicht ganz gut.“ Also schrieb er mit 60 Jahren ein Buch, das Kinder darauf gefasst macht, dass ihre lieben Nächsten plötzlich nicht mehr so recht bei Verstand sein können.
GroßelternReport gab der 8-jährigen Alina Nilssons Buch in die Hand. „Das gefällt mir,“ sagte sie. „Sowas hab ich noch nie gelesen.“ Aufgeregt am Finger knabbernd studierte sie, wie der kleine Kerl im Streifenshirt und Latzhose, einen Flitzebogen aus einem Kleiderbügel in der Hand, seine Oma zur Bank begleitet. Wie er sich ihre aberwitzigen Geldverstecke merkt und sie bewacht. Wie er schließlich zwei dicken Männern, die mit dem Auto und ins Haus wollen, einen Pfeil in den Hintern schießt. Alina hatte auch Angst um Omas Geld. Und um das beherzte Kind, das mit einer unzurechnungsfähigen und wohl auch ein bisschen gefährlichen Person allein ist.
Die Großmutter, die Eva Erikson zeichnete, ist rundlich, trägt ausgelatschte Schlappschuhe, ein blau geblümtes Kleid und hat fusseliges, wirres graues Haar. Für Alina ist sie trotzdem liebenswürdig und schutzbedürftig ("Voll süß!"), genau wie für ihren Enkel im Buch. Er berührt die alte Frau zärtlich und besorgt, er begleitet sie, erfüllt ihre Wünsche, obwohl er doch weiß, die sind verrückt. Oma war ja nie verrückt, er nimmt sie weiter ernst.
Nilsson und Eriksson ist es gelungen, Spannung und Rührung in eine kleine, scheinbar banale Alltagsgeschichte zu bringen. Alina, die mit Drachen-, Feen- und Prinzessinnengeschichten gewaschene Leseratte, ist hingerissen.
Am Ende ist die Oma wieder bei Verstand. Sie trägt flotte rote Schuhe, die grauen Löckchen sind gebändigt und die Nase zeigt nicht mehr spitz nach unten, sondern rund und fröhlich vorwärts.
„Alina, weißt du, dass alte Leute manchmal für immer verwirrt bleiben?“ „Ja“, nickt Alina. „Bei Alzheimer.“ „Hier in dem Buch wird die Oma aber wieder gesund. Wie findest du das?“ „Das finde ich nicht schlimm“, sagt Alina.
U.A.


