Für Großeltern, die ihr Enkelkind großziehen wollen: Welche Probleme können beim Zusammenleben auftreten? (Auskünfte zur Verwandtenpflege, Teil 3)

Titelheld des "Kleinen Ratgebers für Verwandtenpflegeeltern" von Jürgen Blandow und Michael Walter, Bremen
Es ist soweit: Das Enkelkind hat bei den Großeltern ein neues Zuhause gefunden. Doch nach dem Schock der Trennung von den Eltern treten die ersehnte Ruhe und Erleichterung nicht automatisch ein. In den meisten Pflegefamilien tauchen früher oder später Probleme auf.
"Sie kümmern sich um ihr Enkelkind als ob es ihr eigenes Kind wäre, sie tun alles für das Kind. Trotzdem fühlt sich alles nicht ganz richtig, nicht ganz normal an", sagen Jürgen Blandon und Michael Walter von der Universität Bremen. Die Autoren des Ratgebers zur Verwandtenpflege wissen aus langjähriger Erfahrung, dass Pflegeeltern beinahe gesetzmäßig mit Schwierigkeiten rechnen müssen, etwa:
- Die Kinder schämen sich, nicht bei ihren Eltern zu leben
- Die Kinder verherrlichen ihre Eltern und glauben, bei ihnen wäre alles besser
- Die Kinder verdammen ihre Eltern und entwickeln kein Selbstwertgefühl
- Besuche der leiblichen Eltern bringen ständig Unruhe
- Die Kinder zeigen keinerlei Dankbarkeit
- Die Kinder sind äufsässig und störrisch, besonders in der Pubertät.
- Die Kinder sind verhaltensauffällig und/oder gefährdet
- es kommt zu Konflikten mit Sozialarbeitern vom Jugendamt
Pflegende Großeltern haben es mitunter besonders schwer. Zumindest dann, wenn sie alleinerziehend, finanziell stark eingeschränkt, gesundheitlich angeschlagen und sozial isoliert sind, schreibt Michael Walter in seinem Abschlussbericht des Forschungsprojekts zur Verwandtenpflege Häufig pflege die Oma mütterlicherseits ihr Enkelkind allein. Ist sie schon älter und ohne berufliche Qualifikation, trauen ihr Sozialarbeiter kaum Erziehungskompetenz zu. Mangelnder Respekt voreinander führt dann in einen Teufelskreis: Oma meidet das Jugendamt. Dort kritisiert man zu Recht, dass sie Hilfsangebote ignoriert.
"Eigentlich ist der Beratungsbedarf erziehender Großeltern höher als der Fremder", meint Walter. Welcher Art er ist, hängt von der Vorgeschichte ab. Tod oder chronische Krankheit der Eltern, Sucht, Scheidung, Ablehnung, Unberechenbarkeit oder Gewalt können die Kinder seelisch zutiefst verletzt haben. Wenn sie dann bei Oma und Opa sind, zeigen sich Aufmerksamkeits- und Entwicklungsstörungen, verzögerte Sprachentwicklung, Lernschwierigkeiten, Kontaktstörungen, Schlafstörungen und andere Auffälligkeiten. Als Laie damit umzugehen, ist schwer. Extrem belasten sind spannungsgeladene Beziehungen zwischen Mutter und Großmutter. Besuche des Kindes sind dann von Auseinandersetzungen geprägt.
"Ruhe bewahren, nichts übereilen", empfehlen die Experten Blandow und Walter als Grundhaltung für erziehende Großeltern. Außer bei wirklich gefährlichen Situationen, versteht sich. Bei Drohungen oder Einschüchterungsversuchen durch gewalttätige Eltern beispielsweise sollten Großeltern dringend Hilfe von außen holen. Schlimme Pubertätskrisen legen einen zeitweiligen Abstand zum Enkel nahe, z.B. seinen/ihren Aufenthalt in einer betreuten Jugend-Wohngemeinschaft. Den kann das Jugendamt vermitteln.
Alle Tipps der Experten zur Problem-Vorbeugung laufen letztlich darauf hinaus, mit der Situation als Pflegefamilie immer offen umzugehen, nach innen wie nach außen hin. Sich etwa weiter Oma und Opa nennen zu lassen, statt Mama oder Papa. Auch gegenüber Freunden, Nachbarn oder Lehrern sollte man sich nie als Eltern des Kindes ausgeben.
Über Vergangenheit und Zukunft sprechen Oma und Opa mit dem Kind am besten kindgerecht, aber wahrheitsgemäß. Lügen oder Beschönigungen schaden ihm auf Dauer mehr als sie zunächst vielleicht nützen. Sie machen auch die Großeltern unglaubwürdig. Das wäre nach schlechten Erfahrungen mit den Eltern ein schwerwiegender Vertrauensbruch.
"Kinder, die nicht mehr bei den Eltern leben können, haben häufig Schwierigkeiten mit sich und der Umwelt, die nicht in der Familie zu klären sind", so Blandow/Walter. Pflegende Großeltern sollten also nicht zögern, professionelle Unterstützungsangebote anzunehmen, z.B. von Erziehungsberatungsstellen, Kinderärzten oder Pflegeelternvereinen. Jegliche Schuldgefühle sind unangebracht. Es ist berufliche Aufgabe diverser Ämter und Einrichtungen, sich um Probleme in Pflegefamilien zu kümmern, keine Gnade. Wer pflegt, hat ein Recht auf Hilfe.
Statt als Hilfe wird aber insbesondere die Tätigkeit des Jugendamtes von pflegenden Verwandten häufig als Einmischung, Bevormundung und Kontrolle verstanden. Sozialarbeiter und Großeltern haben unterschiedliche Meinungen darüber, was die beste Lösung für das Kind ist. "Sie können darauf bestehen, dass man Ihre Meinung hört, sollten aber auch die Gegenmeinung anhören", raten Blandow/Walter. Neben dem Jugendamt gebe es in jeder Gemeinde weitere Ansprechpartner, etwa Erziehungsberatungsstellen. Dort finden Großeltern ggf. Mediatoren, die bei einer Konfrontation mit dem Jugendamt vermitteln.
Menschen, die sich mit dem Enkel um ein zwar verwandtes, aber eben doch fremdes Kind kümmern, können Respekt und faire Entscheidungen verlangen, sagen Blandow und Walter. Die beiden Wissenschaftler, die Dankbarkeit vonseiten des Kindes für überflüssig halten, sind sicher: Staat und Gesellschaft schulden Pflegeeltern Dank. Auch wenn es sich um Omas und Opas handelt, die glauben, es sei ihre Pflicht, für ihre erwachsenen Kinder einzuspringen.
Serie zur Verwandtenpflege in GroßelternReport, Teil 1: Rechtliches und Finanzielles
Serie zur Verwandtenpflege in GroßelternReport, Teil 2: Überlegungen im Vorfeld der Entscheidung
Quelle: „Kleiner Ratgeber für Verwandtenpflegeeltern und solche, die es werden wollen“ von Jürgen Blandow und Michael Walter:
Herausgeber: Familien für Kinder GmbH. GroßelternReport zitiert hier nicht den Originaltext.
Zum Ratgeber:
Die aktuelle originale Fassung des Ratgebers ist auf der Homepage der Universität Bremen nachzulesen. Dort steht auch, wo die Broschüre kostenlos bestellt werden kann. Im Anhang finden Sie wichtige gesetzliche Bestimmungen für Pflegefamilien.



