Für Großeltern, die ihr Enkelkind großziehen wollen: Was ist vorher zu bedenken? (Auskünfte zur Verwandtenpflege, Teil 2)

Manchmal ist Mama in der Ausbildung, manchmal sind wegen Trennung der Eltern oder wegen Krankheit die Familienverhältnisse schwierig. Die Gründe, warum eine Großmutter einspringen will, sind sehr verschieden. (Foto: A. Thomas)
„Treffen Sie keine überstürzte Entscheidung aus Mitleid oder Verzweiflung“, warnen Jürgen Blandow und Michael Walter. Die beiden an der Universität Bremen tätigen Wissenschaftler sind bundesweit d i e Experten in Sachen Verwandtenpflege. In einem 40-seitigen Ratgeber sagen sie, was Verwandtenpflegeeltern wissen sollten.
GroßelternReport fasst hier die wichtigsten Fragen zusammen, die sich Großeltern stellen sollten, ehe sie den endgültigen Entschluss fassen, ihr Enkelkind als Pflegekind aufzuziehen. Zu wissen, dass man genug Platz, Willenskraft, Gesundheit, Geld und Liebe hat, ist leider nicht genug.
(Dieser kesse blonde Knabe schmückt das Titelblatt des "Ratgebers für Verwandtenpflege" - Ob er wohl potenzielle Pflegeeltern von allzu romantischen Visionen abhalten soll?)
Was vorher zu bedenken ist:
- Bin ich wirklich fähig und bereit, dem Kind mehr zu sein als Oma oder Opa?
- Was verändert sich im Umgang mit seinen Eltern, dem eigenen erwachsenen Kind?
- Kann ich das Kind schützen, auch vor den eigenen Eltern? Ertrage ich deren Besuch, wenn es zuvor Konflikte gab?
- Hat das Kind besondere Bedürfnisse oder Defizite? (körperlich oder seelisch, z.B. wegen traumatischer Erfahrungen)
- Schaffe ich es, den Kontakt mit helfenden Fachleuten zu organisieren und zu pflegen (z.B. Logopäden)
- Wie verändert der Wechsel zu mir das Leben des Kindes und mein eigenes?
- Habe ich im Umfeld genug Unterstützung oder bin ich auf mich allein gestellt?
- Wie steht mein Partner (meine Nachbarn, der Rest der Familie) zu meiner Entscheidung?
Ich kann mich noch nicht entscheiden. Ist das Kind nun für immer weg?
Nein. Es gibt Pflegefamilien, die Kinder für eine befristete Zeit aufnehmen. Dann bleibt noch Zeit, zu klären, wo das Kind dauerhaft leben soll.
Allerdings sollte sich die Unklarheit für das Kind nicht zu lange hinziehen, es braucht ein zuverlässiges Zuhause
Was bedeutet mein Nein?
- Die Alternativen sind: fremde Pflegefamilie, Kinderheim, Adoption
- Auf keinen Fall ein schlechtes Gewissen für Sie. Mit einer Entscheidung aus Mitleid oder Pflichfgefühl ist niemandem geholfen
- Eine Pflegefamilie mit besonderer Ausbildung für behinderte oder verhaltensgestörte Kinder kann dem Kind möglicherweise mehr bieten als Sie
- Insbesondere Jugendliche sind in für Angehörige offenen Wohnformen oft besser aufgehoben als bei Oma und Opa, Ihr Nein ist für sie eine akzeptable Entscheidung
Ich sage Ja. Wie hat meine Bewerbung die größte Aussicht auf Erfolg?
Aus der Sicht mancher Jugendamtsmitarbeiter spricht vieles grundsätzlich dagegen, dass ein Kind bei den Großeltern aufwächst. Hier eine Auswahl von Bedenken und Vorurteilen, gegen die Sie sich wappnen sollten:
- Großeltern nehmen die Kinder nur aus Schuldgefühlen auf, als „Wiedergutmachung“, weil Sohn oder Tochter versagt haben
- Alte Familienkonflikte brechen immer wieder auf, Großeltern können den Kindern deshalb kein positives Elternbild vermitteln
- Es verwirrt das Kind, wenn Elternrolle und Großelternrolle sich vermischen
- Im Versuch, frühere Erziehungsfehler auszugleichen, verfallen Großeltern ins Gegenteil, neigen zum Überbehüten und Verwöhnen, verhindern die Autonomie des Kindes
- schlechte Familientraditionen werden weiter vererbt, Geheimnisse und Tabus zementiert
- Großeltern sind eigentlich zu alt, haben altmodische Erziehungsvorstellungen, ihnen fehlt der Aktualitätsbezug
- Dem Kind fehlen Geschwister
- Großeltern sind mit schulischen Problemen und Pubertät überfordert
- Großeltern nehmen schwer Hilfe an, kooperieren nicht, entscheiden allein, unterlaufen Absprachen, verbünden sich mit Eltern gegen das Jugendamt, sind nicht an fachlicher, sondern nur an finanzieller Unterstützung interessiert
- Großeltern kommen nicht zu Weiterbildungen, Seminaren, Pflegeeltern-Gruppentreffs, sind pädagogisch nicht auf der Höhe der Aufgabe
- Großeltern versorgen gut, aber die intellektuelle Förderung fehlt
Wenn Sie ehrlich sind, werden Sie einräumen, dass an den Bedenken doch etwas dran sein kann. Die Leute vom Amt haben ihre Erfahrungen gemacht. Positiv ins Gewicht fällt immerhin dies:
- Dem Kind bleibt das vertraute Milieu erhalten
- Großeltern haben kontinuierliche, stabile, herzliche Beziehungen zum Kind
- Großeltern haben ein hohes Verantwortungsbewusstsein
- Großeltern haben mehr Verständnis für mit ihnen verwandte Jugendliche als jeder Fremde
- Die Rückführung des Kindes zu den Eltern ist leichter
- Großeltern nehmen auch schwer vermittelbare, kranke oder behinderte Kinder auf, die sonst im Kinderheim aufwachsen würden.
Präsentieren Sie sich als im Leben stehende, zuverlässige, kooperationsbereite und an moderner Pädagogik interessierte Person, die sich die große Belastung zutraut und auf das Leben mit dem Kind freut.
Quellen und Tipps zum Weiterlesen: Abschlussbericht des Forschungsprojekts zur Verwandtenpflege von Michael Walter und „Kleiner Ratgeber für Verwandtenpflegeeltern und solche, die es werden wollen“ von Jürgen Blandow und Michael Walter:
Herausgeber: Familien für Kinder GmbH. GroßelternReport zitiert hier nicht den Originaltext. Die aktuelle Online-Original-Version des Ratgebers sowie kostenlose Bestellmöglichkeiten für die Broschüre finden Sie unter www.uni-bremen.de/-walter.




