Oma hat Alzheimer: Eine irre Überforderung für ein Kind

Nebel und Klarheit - faszinierende Scheibenmalerei. Wenn Worte längst versagen, finden Demenzkranke mitunter in der Kunst noch Ausdrucksmöglichkeiten. Foto: Bianca Danscyk, Fotoausstellung "Alltag leben mit Demenz".
Marie Kunert zog mit ihrem achtjährigen Sohn zu ihrer an Alzheimer erkrankten Mutter. Drei Jahre lebten sie zusammen. GroßelternReport fragte die Alleinerziehende nach ihren Erfahrungen aus dieser Zeit:
GroßelternReport (GR): Warum entschieden Sie sich damals für einen gemeinsamen Haushalt, also gleich die engste Form des Zusammenlebens?
Marie Kunert: Mutter wohnte allein in einem Haus und kam mit dem Alltag nicht mehr klar. Gern wollte sie aber in ihrer vertrauten Umgebung bleiben. Da ich als einzige von uns fünf Geschwistern im Heimatort geblieben war, zog ich mit meinem Sohn zu ihr.
GR: Wollte Ihre Mutter nach einem langen selbständigen Leben überhaupt jemanden so nahe bei sich haben?
Marie Kunert: Sicher hätte es ihr besser gefallen, gesund und selbständig zu bleiben. Aber das ist nur eine Vermutung von mir. Man kann Demenzkranken nicht in den Kopf gucken und herausfinden, was sie denken oder sich wünschen. Irgendwann übernimmt man zwangsläufig die Führung. Mein Umzug war eine gemeinsame Entscheidung der ganzen Familie. Im Grunde hatten wir keine andere Wahl, ein Heim kam nicht infrage.
GR: Ahnten Sie, was auf Sie zukommt?
Marie Kunert: Nein. Bei einer körperlichen Krankheit weiß man in etwa, welchen Verlauf sie nimmt, ob nun zum Guten oder zum Schlechten. Man kann mit einem Kind darüber sprechen, es vorbereiten. Bei Demenz ist alles anders. Man weiß nie, was kommt, erlebt immer neue Facetten der Erkrankung. Man kann nichts tun, als sich ihr einfach nur zu stellen.
GR: Wie stand Ihr Sohn dazu? Er war damals erst acht Jahre alt.
Marie Kunert: Er wurde selbstverständlich zu der Entscheidung auch befragt und sagte, er will es. Meine Mutter ist die Oma, mit der er zeitlebens den engsten Kontakt hatte, er liebte sie innig.
GR: Kannte er seine Großmutter noch als gesunde, aktive Frau?
Marie Kunert: Mutter war eine fröhliche, tatkräftige Frau, die fünf Kinder geboren und großgezogen hatte und als Floristin immer voll berufstätig war. Auch als ihr Gehirn krank wurde, war von ihrer starken Persönlichkeit noch etwas da. Für meinen Sohn war Oma immer schon krank, nur nicht so auffällig. Dann aber fing sie an, sich merklich zu verändern. Mein Sohn empfand auch da noch große Zärtlichkeit für sie. Aber je mehr die Krankheit fortschritt, desto mehr distanzierte er sich auch.
GR: Wie zeigte sich das?
Marie Kunert: Er wollte zum Beispiel keine Freunde mit nach Hause bringen, sondern ging zum Spielen lieber zu ihnen.
GR: Warum ist gerade der Umgang mit Demenz für ein Kind so schwierig?
Marie Kunert: Normalerweise sind Erwachsene stark und geben dem Kind Halt. Verglichen mit einem Alzheimerkranken ist aber oft das Kind in einer stärkeren Position, es ist handlungsfähiger, vernünftiger, zuverlässiger. Trotzdem verlangte man von ihm Respekt vor dem/der Erwachsenen. Das ist natürlich schwer einzusehen.
Mein Sohn und meine Mutter rivalisierten um meine Aufmerksamkeit. Dass ich alleinerziehend war, erschwerte die Situation zusätzlich. Da war niemand, der ausgleichen konnte, wenn mich einer von beiden übermäßig in Beschlag nahm, was unweigerlich vorkommt.
GR: Ist ein Kind damit überfordert?
Marie Kunert: Demenz ist eine irre Überforderung für ein Kind! Der Mensch, den man kannte, verschwindet, man kann ihn nur noch manchmal erahnen. Das ist rational nicht zu verstehen. Dazu kommt: Demenzkranke sind unberechenbar. Sie räumen zum Beispiel plötzlich Schränke ein- oder aus oder können scheinbar aus heiterem Himmel aggressiv werden. Ein solches Verhalten ängstigt Kinder. Noch heute, Jahre später, stellt mein Sohn manchmal Fragen: Warum hat sich Oma so oder so verhalten? Es beschäftigt ihn, dass es keinen Grund gibt. Demenzkranke vertragen Lärm sehr schlecht. Das Kind muss also immer Rücksicht nehmen. Je jünger es ist, desto schwerer fällt ihm das. Mit einem Kind von drei Jahren etwa würde ich keinen dementen Angehörigen zuhause betreuen, das ist fast unmöglich. Ich weiß, ehrlich gesagt, nicht einmal, ob ich ein zweites Mal tun würde, was ich für meine Mutter getan habe.
GR: Was hatte Sie damals dazu bewogen?
Marie Kunert: In unserer Familie ist immer für die Alten gesorgt worden. Man kann ja nicht jeden gleich in ein Heim geben, wenn in seinem Leben etwas nicht mehr klappt. Meine Großmutter blieb in ihrer Wohnung bis zu ihrem Tod und bekam von meiner Mutter die nötige Hilfe. So schnell geben wir niemanden in fremde Hände.
GR: Wächst ein Kind auch an dieser schwierigen Situation?
Marie Kunert: Ich weiß es nicht. Ich denke, mein Sohn wird mir später einmal sagen können, ob er bestimmte soziale Fähigkeiten in der Zeit mit Oma erworben hat. Ich selbst bin noch heute nicht sicher, ob es gut oder schlecht für ihn war. Jetzt ist er 13.
Eines hat er aber auf jeden Fall gelernt: Nämlich, dass die Familie zusammenhalten muss, wenn es ernst wird. Dass man nicht abhauen kann vor Entscheidungen. Eines fällt mir gerade auf: Ich habe meinem Sohn noch nie die Frage gestellt, ob er noch mal mit Oma zusammenleben würde. Vielleicht sollte ich das tun.
GR: Übernahm Ihr Sohn für Oma bestimmte feste Pflichten?
Marie Kunert: Keine regelmäßigen Verpflichtungen, nein. Aber er wusste, wir sind nun eine erweiterte Familie. Natürlich erledigte er, worum ich ihn bat.
GR: Hatten Sie überhaupt noch genug Zeit für Ihr Kind?
Marie Kunert: Ich hatte zwar nie einen längeren Urlaub, aber ich habe mir immer Phasen gegönnt, in denen ich mit meinem Sohn allein war. Das war ganz wichtig. Dann übernahmen meine Geschwister Mutters Pflege. Ihre Krankheit sollte nicht unser ganzes Leben einnehmen. Eine harte Zeit war es für mich dennoch: Mein Kind ging mit großen Schritten vorwärts, meine Mutter zurück.
GR: Wo gab es Hilfe für Sie selbst?
Marie Kunert: Ich bin relativ schnell Mitglied der Alzheimergesellschaft geworden. Dadurch hatte ich immer ein Gesprächsangebot in Krisensituationen. Ich erfuhr: Vieles, was ich erlebe oder empfinde, ist ganz normal. Das brauchte ich für mein eigenes inneres Gleichgewicht. Sicher bin ich auch mal ungeduldig geworden. Aber ich habe mein Bestes gegeben, da bin ich mir sicher.
GR: Wann war der Punkt erreicht, an dem Sie sagten, jetzt müssen wir uns trennen?
Marie Kunert: Als der Pflegebedarf zu hoch wurde. Da ich berufstätig bin, war meine Mutter zwar in einer Tagespflege. Aber trotzdem ist Demenzpflege für Angehörige ein 24-Stunden-Job: Essen machen, Wäsche waschen, Ankleiden, Pflegen – und immer auf der Hut sein, dass nichts Gefährliches passiert. Einen Bettlägerigen Kranken zu versorgen, gilt als hart. Ein Alzheimer-Patient ist viel schwieriger!
Ein Heim kam, wie gesagt, für Mutter nie infrage. Aber dann fanden wir eine passende Wohngemeinschaft. Wir wussten, damit tun wir ihr nichts Böses. Da konnten wir sie leichten Herzens weggeben.
GR: Wie geht es ihr heute?
Marie Kunert: Mutter fühlt sich tatsächlich wohl in der WG, man sieht es ihr an. Die Krankheit macht aber nicht Halt... Mama ist jetzt in einer Phase, wo sie durch Worte und Musik manchmal noch zu erreichen ist, oft aber auch nicht. Ihren Enkel erkennt sie nicht mehr. Aber sie freut sich sehr über sein Kommen. Vielleicht hat sie doch so eine Ahnung, wer er ist. Man weiß eben nicht, was in Dementen vor sich geht...
GR: Glauben Sie, dass es Alzheimer-Patienten gut tut, Kinder um sich zu haben?
Marie Kunert: Für Mutter war es ganz sicher belebend, dass mein Sohn da war. Er hat sie tief beglückt, aber auch schwer geärgert. Mutter freute sich, wenn mein Sohn nach der Schule nach Hause kam und erzählte. Sie schaute ihn auch einfach nur gern an.
Zuletzt hatten die beiden eine Art Geschwister-Verhältnis und ich war die Übermutter. Sie wetteiferten um meine Aufmerksamkeit und zankten sich über Kleinkram wie die Lautstärke des Fernsehers. Leider konnte ich meiner Mutter nicht sagen: Du bist erwachsen, gibt Ruhe, sei vernünftig...Wenn „die Kanäle offen waren“, verstand sie es. Wenn nicht, dann nicht.
Generell kann ein Kind kann den Ernst aus manchen Situationen herausnehmen, einfach, weil es ein Kind ist. Man gewinnt einem Patzer komische Seiten ab und lacht. Meine Mutter hatte ihr Lachen nicht verloren, das war ihr geblieben.
GR: Was war das Schöne an dieser Zeit zu dritt?
Marie Kunert: Innige, gute Momente: Wir sitzen friedlich zusammen am Tisch... Alle sind entspannt und zufrieden und es senkt sich eine unglaubliche tiefe Ruhe auf uns herab... Das waren Momente, aus denen schöpfe ich immernoch Kraft.**


