Nicht ohne meine Oma

Den Bock zum Gärtner machen??? Nicht, solange Oma und Opa noch die Harke halten. Zeichnung: W. Riegenring
Die schönsten Treffer zum Stichwort Großeltern im Online-Tagebuch „Gärtnerblog“
Eine nicht ganz ernst gemeinte Betrachtung
Der Begriff „Oma“ taucht bis heute im Gärtnerblog 68mal auf, 9mal „Großmutter“ und 18mal „Großvater" bzw. "Opa“. Allerhand, wenn man bedenkt, dass „Wikipedia“ kaum mehr als dreimal so viele Erwähnungen (283) erzielt und „Pflanze“ sich als Wort nur 1490 Mal findet, obwohl es auf der Site eigentlich um Pflanzen geht.
Gibt es also zwischen Großeltern, Pflanzen und bloggenden Enkeln ein geheimes Band? Wenn ja, welches? Warum? Was bedeuten die Ahnen mit dem grünen Daumen ihren Kindeskindern? Die sorgfältige Analyse von an die 1000 Posts und Kommentaren deckt auf: Großeltern sind, was Pflanzen angeht:
Dealer und Verführer
Es fängt meistens damit an, dass Großmütter Pflanzen vererben. Enkel geraten dann leicht in Panik. Zum Beispiel Steffi , die ihre Amaryllis allerdings von Opa hat, ein Sonderfall. Was guckt da aus der Erde raus? Wurzeln? Egal, Pflegetipps müssen her! Das Gewächs soll leben, sonst dreht sich Oma (Opa) im Grabe rum. So kommt man zum Gärtnern.
Es reicht schon, wenn Oma überhaupt Pflanzen besaß. Das waren vorzugsweise Begonien, Bogenhanf, Clivien, Gummibäume und Weihnachtskaktusse, wie keisha, conny-kevin und sisah berichten. Die liebt man dann ein Leben lang – oder kann sie nicht mehr sehen.
Maren geht es so mit „klassischen“ Geranien und Fuchsien. Eine Überdosis davon bei ihrer Oma fügte ihr einen unheilbaren frühkindlichen Schaden zu. Aber das ist selten.
Häufiger sehen junge Menschen wie keisha staunend, dass gerade die verhasstesten Pflanzen eine Renaissance erleben. (Bogenhanf!) Viele suchen „ganz genau Omas Blume“ ihr Leben lang vergeblich, wie König Arthur den Heiligen Gral. Entweder ist sie ausgestorben oder bis zur Unkenntlichkeit mutiert. Die “Familien-Trandescantie“ ist zum großen Kummer der gärtnerin wohl auf ewig weg vom Fenster. Kathrin dagegen, selig im Besitz von Omas Zierspargel, gibt ihn obwohl er aggressiv wuchert, „auch für viel Geld nie wieder her“.
Siegertypen und Wundertäter
Omas und Opas waren niemals Versagerinnen und Versager. Im Gegenteil, sie wirkten Wunder. Um Begonien Jahr für Jahr zum Blühen zu bringen, brauchten sie nichts als Kaffeesatz. Sattgrün strotzten ihre Clivien hinter blickdichten Vorhängen. Klaglos öffneten sich Jahr für Jahr die zickigen Gloxinien. Großmutters Komposthaufen garantiert noch heute Fruchtbarkeit bis die Erbpacht ausläuft. Ihre Vorräte hielten ewig. Vieles deutet darauf hin, dass sich Omas und Opas Autorität nicht aufs Pflanzliche beschränkt.
Tatsächlich: Ging es gegen die Übel der Welt, mutierten sanftmütige Großmütter zu Killerinnen, die Uma Thurman in den Schatten stellen. Nur mordeten sie mit billigen Hausmitteln statt Samuraischwertern. Wespen und Wollläuse fanden den Tod durch schlichtes Ertränken. Entweder in Eckes Edelkirsch Likör (Oma keisha) oder gewöhnlichem Wasser unter Zusatz von etwas Spülmittel (oma mia). Gelegentlich befallen Enkel Zweifel, ob Waffen aus dem Küchenschrank tatsächlich etwas ausrichten. Trotzdem greifen sie dazu wie Omimi. Hat ja schließlich nicht geschadet.
Killer und Innere Stimme
Unweigerlich werden Großmütter (seltener Großväter, hier herrscht noch Forschungsbedarf!) zur Inneren Stimme ihrer Nachfahren. Oft schon zu Lebzeiten, spätestens nach dem Begräbnis. Im Unterschied zum schlechten Gewissen klingt diese Stimme liebevoll und ist nicht lästig.
Stephanie etwa berät sie bei der Konservierung von Kräutern. Auf keisha wirkt die Innere Oma allgemein beruhigend wie ein guter Tee. Sie lässt sich von ihr gern immer wieder versichern, dass man seine Faulheit zulassen sollte und jeder Übereifer schadet („Kindchen, du pflegst es nur tot“). Oder bestätigen , dass Männer zum Valentinstag nicht unbedingt Geschenke brauchen („Hansi kriegt nix“).
Hexen und Heilige
Die Grenzen zwischen Omas, Hexen und Heiligen sind fließend. Steffis Großmutter hatte die Eisheiligen im Blut. Die Urmutter von Bernd hinterließ ein Beet mit geheimen Kräutern. 15 Jahre lang rätselte er, was es sei, in der Hoffnung, einst davon zu profitieren. Dann schickte er ein Foto an Gärtnerblog und bat um Pflanzenbestimmung. Umgehend enttarnte die community das Gewächs als Knotigen Braunwurz, eine Heilpflanze für die Wechseljahre.
Messlatte und Bewurzelungshilfe
Ob wir heutigen Enkel an diese Maßstäbe heranreichen, wenn die Reihe an uns ist, ist so fraglich wie ein EM-Sieg für Deutschland. Der Bestseller-Beitrag über die Grasmilbe, (dank 282 Kommentaren das ultimative exemplarische Beispiel), lässt das Schlimmste befürchten. Meine Oma (Jahrgang 1903) hätte draufgehaun, Opa die Biester totgeschwiegen. Wir rätseln schwankend wie eine Efeutute im Wind,was zu tun ist, voll Angst um unsere Haut. Konservative neigen zu Hausmitteln wie Essig, Zwiebel, Quark, Kornschnaps oder –ein Grenzfall – Nagellack (Barbara, moni, susehummel, gabi, Verena, Roland u.a.). Fortschrittsgläubige bevorzugen Autan, Cortison oder – wieder ein Grenzfall - Bolfo-Ungezieferpulver (Flowerfan, Walter, gigi, bernd, chris u.a.). Unkonventionelle Kreative spielen mit dem Gedanken an das Tragen eines Flohhalsbandes (angelika) oder Einreibungen mit Majoran-Vaginal-Gel von Wala bis in Kniehöhe (Moni). Kontrovers diskutiert wird sogar das Outfit. Die community schwankt zwischen (a) Totalvermummung und Tragen von mit doppelseitigem Klebeband präparierten Gummistifeln (Pusteblume) und (b) melkfett- oder ringelblumencreme-gestütztem Nackgärtnern, um zu verhindern, dass die Milbe sich festkrallen kann (tobi).
Kurz gesagt, die Großeltern von morgen verzetteln sich, statt in bewährter Weise als allwissende Einheitsfront aufzutreten. Natürlich war früher die Welt einfacher. Die Grasmilbe beispielsweise ist überhaupt erst 1985 aufgekommen, zeitgleich mit chemischen Mitteln gegen sie (moni). Aber das darf nicht als Entschuldigung durchgehen.
Es besteht ja noch Hoffnung, dass sich die sprichwörtliche großelterliche Souveränität, Gelassenheit und Entspanntheit doch noch einstellt. Gabriela ist bereits eine Meisterin im positiven Denken: „Milben, die am Menschen gesaugt haben, haben Pech. Sie vertragen 'Mensch' nicht so gut und müssen sterben“, lässt sie uns wissen. Barbara trinkt täglich eine Frubias-Calcium-Trinkampulle, um unattraktiver zu werden für Geziefer: „Damit kann man nichts falsch machen!“ Hauptsache, man tut nicht gar nichts. Das hat Oma auch schon immer gesagt.
ein paar Worte über "Gärtnerblog":
Das Weblog, herausgegeben von Stephanie Dann in Rüsselsheim, ist seit August 2005 online. Hier tauschen sich leidenschaftliche Hobbygärtner über Themen wie Zimmerpflanzen-Pflege, Gartengestaltung, Pflanzenvermehrung oder Unkrautvernichtung aus, und nebenbei auch über "das Leben an sich". Wer Pflanzen am liebsten im (Koch)Topf sieht, kommt beim "Garten-Koch-Event" auf den Geschmack. Mit inzwischen rund 3000 Beiträgen und 150000 Kommentaren ist die Site einer der lebhaftesten, vergnüglichsten und nützlichsten Online-Treffs hierzulande.


